Porträt
Wie wird es für den international bekannten Puppenspieler Stephan Blinn weitergehen?
Stephan Blinn wollte eigentlich sein 40. Bühnenjahr mit einer Reihe von Jubiläumsveranstaltungen feiern. Jetzt muss er 2020 als Totalausfall abhaken. Ob wenigstens ab Mitte 2021 etliches davon nachgeholt werden kann, glaubt er erst, wenn es so weit ist. „Die Veranstalter stecken ja selbst fest und wissen meist nicht, wie es weitergeht.“
Blinn – hochgewachsen, schlank, Künstlerkopf mit Glatze vorn und weißem Schopf hinten – ist eine Größe des deutschen Figurentheaters. Davon zeugen viele Auftritte im In- und Ausland. In der Alten Oper in Frankfurt hat er schon gespielt, selbst in China und Japan, wo Marionetten- oder auch Schattentheater traditionell hoch im Kurs stehen. 2018 gastierte er beim Stadtjubiläum im russischen Krasnodar im Auftrag der Partnerstadt Karlsruhe auf riesiger Bühne. Auch in der Südpfalz hat er schon oft Station gemacht.
Mit 66 kann noch lange nicht Schluss sein
Erfolgreiche Zeiten waren das. Jetzt steht er in seinem großen Fachwerkhaus in der Durlacher Altstadt und betrachtet sein aus rund 60 Charakteren bestehendes „Ensemble“. Mit 66 Jahren ist der Puppenspieler eigentlich im Rentenalter, aber trotz Künstlersozialkasse seien „keine Unsummen an Rente zu erwarten“, sagt er. Aus gesundheitlichen Gründen habe er schon einmal einige Zeit pausieren müssen. „Und jetzt das!“
Dass Zweibrücken als Geburtsort in seinem Pass steht, war eher Zufall („da war halt das Krankenhaus“). Er wuchs im saarländischen Schwarzenacker auf und war neun Jahre alt, als der Vater, ein Bauingenieur, nach Karlsruhe versetzt wurde. „Das fiel mir zunächst sehr schwer“, erinnert er sich. Heute sei die Lage für einen reisenden Künstler günstig.
Mit dem Erfolg war das Zigeunerleben vorbei
Schon als kleiner Junge haben ihn Marionetten interessiert, vor allem „von der technischen Seite her“. Das Schnitzen lernte er in der Waldorfschule. Als er am Badischen Staatstheater jobbte und dort als Externer die Bühnenreife-Prüfung ablegen durfte, führte er in der Kantine hin und wieder seine Figuren vor. Und die Schauspielkollegen meinten, dass sich daraus doch mehr machen lasse.
Das sah auch Wolfgang Reinsch, der langjährige Prinzipal des Karlsruher Kammertheaters. Es wurde für Blinn zu einer Art Heimatbühne. Die Engagements waren irgendwann so zahlreich, dass für das berufsmäßige Musizieren mit Geige und Bandoneon in einer Zigeunerband und das Umherziehen mit Pferd und Wohnwagen kaum noch Zeit blieb.
Figuren aus Lindenholz selbst geschnitzt
Seine Figuren, die er aus Lindenholz selbst schnitzt, wurden mit den Jahren ausgeklügelter und aufwendiger. Selbstbewusster O-Ton: „Ich baue Figuren, die mehr können als Marionetten. Die Technik erfordert oft mehr Zeit als die ganze Figur.“ Und so kommt es, dass für eine raffinierte Trickfigur schon mal bis zu 400 Arbeitsstunden nötig sind. Unter seiner Figurentruppe gibt es auch den Coferencier „François Gelatti“, der als Blinns Alter Ego agiert. Vor dem Schnitzen entsteht in seinem Kopf eine Stückidee. „Die Geschichte muss Drive haben, etwas Besonderes, das die Figur trägt. Erst danach entstehen die entsprechenden Charaktere.“ Dafür hat er sich eine auf seine Bedürfnisse ausgerichtete Werkstatt eingerichtet, die ein wenig an die Geschichte vom „Meister Eder“ denken lässt.
In der Werkstatt sind eigens für den Auftritt in Krasnodar Kosaken entstanden. Sein jüngstes Holzkind ist Ikarus, dessen Debüt vom Virus bisher verhindert wurde. Ein niedliches bayerisches Landmädchen wartet auch schon auf die Bühnenpremiere.
Stücke sind für Erwachsene gedacht
Puppenspiel wird hierzulande häufig auf Kinderunterhaltung reduziert. Dafür steht Stephan Blinn ausdrücklich nicht. Natürlich könnten auch Kinder seine Stücke sehen. Aber er bezweifelt, dass sie das Gesehene auch immer verstehen. Dass seine Vorstellungen bis Corona fast immer sehr gut besucht waren, nötigt ihm angesichts des heutigen Unterhaltungsangebots durchaus Respekt ab. Blinn: „Ich arbeite ja mit einem hochspeziellen Thema in einer hoch gesättigten Gesellschaft.“
Jetzt könnte er den Corona-Leerlauf nutzen und sich dem Fachwerkhaus widmen, das er 1995 gekauft und nebenbei renoviert hat: eine alte Schmiede, die 1706 nach dem Stadtbrand von 1689 neu errichtet wurde. Die Schmiede wurde noch bis 2000 von Schmiedemeistern betrieben. Sie haben Blinn noch in das Handwerk eingewiesen – seither weiß er alles, was er für seine Kutschen braucht. Denn Blinn hat im Nachbargebäude, das ihm ebenfalls gehört, eine Sammlung von zehn selbst instandgesetzten Kutschen untergebracht.
„Eiserner Gustav“ machte am Haus der Großeltern Station
Die Leidenschaft zu den alten Reisewagen geht auf seine Familie zurück: Das Haus der Großeltern stand im Saarland direkt am Grenzbaum, und dort machte 1928 auch der legendäre „Eiserne Gustav“ auf seiner Kutschfahrt von Berlin nach Paris Station. Fotos in Blinns Besitz geben Zeugnis davon. Enkel Stephan, der selbst 1970 mit dem Pferdewagen bis an die Côte d’Azur und Spanien reiste, ist noch bis 1985 mit Gespann durch Durlach gefahren. Inzwischen sei der Markt für Kutschen zusammengebrochen und man bekomme fast nichts mehr dafür, bedauert Blinn.
Wie wird es weitergehen? Seine Bühnenkoffer werden mit dem Alter nicht leichter. Jeder Auftritt erfordere etwa zwei Stunden Aufbau, zwei das Programm und anderthalb der Abbau. „Das ist schon eine einsame Nummer, die ich da reiße. Aber anders kann ich gar nicht“, sagt Blinn.
Erben für all das gibt es auch nicht. Der Puppenspieler blieb Zeit seines Lebens Junggeselle, für Familiengründung sei im richtigen Heiratsalter einfach keine Zeit gewesen. „Wenn ich tot bin, muss mich das hier nicht mehr kümmern.“ Aber so ganz egal ist es halt doch nicht.