Kultur Südpfalz Wie der Barockmeister in die Fächerstadt kam

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Warum gibt es eigentlich Händel-Festspiele in Karlsruhe, einer Stadt, die es 1685 bei des Meisters Geburt noch gar nicht gab und und in der Händel nie war? Ganz einfach, weil Günter Könemann sie bei seinem Amtsantritt als neuer Generalintendant des Badischen Staatstheaters Karlsruhe ins Leben gerufen hat. 1977, zwei Jahre nach der Eröffnung des neuen Theaters am Ettlinger Tor trat Könemann in Karlsruhe an, 1978, also vor 40 Jahren, gab es dann die ersten Händel-Tage des Staatstheaters. Schon an seiner vorherigen Wirkungsstätte, dem Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, hatte Könemann – er war davor auch einige Jahre Intendant am Pfalztheater in Kaiserslautern – die Idee zu einem Händel-Festival gehabt. Realisieren konnte er seine Absicht dann aber als Hoffnungsträger für eine erfolgreiche Zeit im damals modernsten Theaterbau Europas erst in Karlsruhe. Warum Händel? Das hat mit Günter Könemanns Biografie zu tun. Der im Dezember 1931 in Frankfurt an der Oder geborene Theatermann studierte in Halle Regie bei Heinz Rückert, der mit dem Dirigenten Horst-Tanu Margraf die seit 1952 jährlich stattfindenden Händel-Festspiele in des Meisters Geburtsstadt Halle begründet hatte. Doch auch mit der anderen und ältesten deutschen Händelfestspiel-Stadt, mit Göttingen, kam der Student in Berührung. Denn bei seinem Studium lernte er dort Hans Niedecken-Gebhard kennen, der neben Oskar Hagen wichtigsten Person in der Frühphase der seit 1920 ausgetragenen Händel-Festspiele. Diese haben die Renaissance der zuvor fast vergessenen Opern Händels erst begründet. Und um die Neubelebung der Opern Händels ging es auch Günter Könemann. In einer Zeit, in der Halle hinter dem Eisernen Vorhang lag und kaum zu erreichen war und es in Göttingen entgegen den Anfängen keine regelmäßigen Opernaufführungen mehr gab, war es seine Absicht, auch in Westdeutschland einen Ort zu schaffen, an dem Händels Opern intensiv und beständig im Blick genommen und szenisch realisiert werden. Die Opern Händels waren bis dahin nämlich eher seltene Gäste auf den Opernspielplänen. „Julius Cäsar“, „Xerxes“ oder „Rodelinda“ wurden ab und an mal in Szene gesetzt. Viele der 42 Werke waren aber unbekannt. Das wollte Günter Könemann ändern – und es waren gerade die organisatorischen und technischen Möglichkeiten eines modernen und großen Opernhauses, die er dafür voll nutzen wollte. Wie Könemann uns rückblickend erzählt, war es auch seine Idee, bei den musikalischen Einstudierungen die damals gewiss noch nicht unumstrittenen Einsichten der historischen Aufführungspraxis zunehmend und effektiv zur Wirkung zu bringen. Ein ganz wesentlicher Schritt war nach den Anfangsjahren, in denen die Badische Staatskapelle im Orchestergraben saß, die Gründung und der Einsatz eines auf alten Instrumenten spielenden Originalklangensembles. 1984 gründete Könemann die Deutschen Händel-Solisten, die im Händel-Jahr 1985 zum ersten Mal bei dem von nun an Festspiele genannten Musikfest in Karlsruhe spielten. Erst in den 1990er-Jahre zog Halle nach – und in Göttingen gibt es erst seit 2006 ein eigenes Festspielorchester (mit personellen Überschneidungen mit den Händel-Solisten). Zu den wegweisenden Neuerungen der Karlsruher Händel-Festspiele zählte von Anfang an die Entscheidung, die einstigen Kastratenrollen der Barockopern, die in der Nach-Händel-Rezeption bislang von Frauenstimmen, Tenören oder Baritonen gesungen wurden, konsequent und in bewusster Abgrenzung zu Göttingen oder Halle mit Countertenören zu besetzen und damit eine jüngere Tradition fortzuführen, die sich etwa seit den 1950er-Jahren zunehmend durchsetzte und enger an der ursprünglichen Aufführungspraxis orientierte. Beim anfangs eher konsternierten Publikum fand die Begegnung mit dem fremdartigen Stimmklang dieser Virtuosen rasch Zustimmung, zumal Karlsruhe mit Künstlern wie Paul Esswood oder James Bowman hochkarätige Vertreter ihres bei uns noch seltenen Faches verpflichtete. Seither haben der historisch informierte Umgang mit Alter Musik und also auch die authentische Besetzung dieser hochartifiziellen Rollen sich weitgehend durchgesetzt und dazu geführt, dass auf diesem „Markt“ nun plötzlich immer neue Talente auch aus Deutschland auftreten. Diese Entwicklung, die sich inzwischen als Norm nicht nur bei der Händel-Pflege etabliert hat, durch exemplarische Aufführungen angestoßen zu haben, ist nicht zuletzt auch ein Verdienst der Karlsruher Festspiele, die in den vergangenen Jahren mit zahlreichen, exquisiten Counters von Weltklasse aufwarteten. 1981 war mit John Angelo Messana als Rinaldo der erste Countertenor in einer Karlsruher Händel-Produktion aufgetreten. Bereits im Jahr zuvor hatte Könemann zwei wesentliche Personalentscheidungen für die folgenden Festspieljahre treffen können: Der französische Regisseur Jean-Louis Martinoty, der zuvor am Staatstheater eine pralle und bunte Version von Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ in Szene gesetzt hatte, wurde für „Semele“ verpflichtet. Ein Glücksfall für die erste Phase der Festspielgeschichte. Der belesene und mit der barocken Theaterästhetik bestens vertraute Martinoty schuf auch bei „Rinaldo“, „Giulio Cesare“ und seinem aufwendigen „Pasticcio“ aus Szenen aus 21 Händel-Opern geistreich-ironische Bühnenspektakel, die sich mit dem Stil der Barockoper und ihren Stoffen auseinandersetzten. Zudem wurde Könemann auf den englischen Dirigenten Charles Farncombe aufmerksam, der in London wie kein Zweiter mit seiner Handel Opera Society bei der Wiedergabe von Händel-Opern große Erfahrung gesammelt hatte und ein absoluter Kenner der Materie war. Farncombe war übrigens 1957 in London Dirigent einer „Alcina“ mit der jungen Joan Sutherland, die dann zu den ganz großen Sängerinnen der Partie wurde. Ein Herzensanliegen war und ist Günter Könemann die Verbindung der Theaterpraxis mit der Wissenschaft und der Förderung des Nachwuchses. Er gründete deshalb 1986 die Internationale Händel-Akademie, die mit Meisterkursen renommierter Dozenten und einem Symposium die Festspiele ergänzt. Es besorgt ihn sehr, dass diese Institution auf der Kippe steht. Er erwähnt die Bedeutung der Symposien der ersten Jahre, deren Beiträge in einer Schriftenreihe dokumentiert sind und die Aufführungspraxis der Opern Händels gründlich zur Diskussion stellen sollten. Der erste Band dieser Reihe war die Wiederauflage der grundlegenden Arbeit von Joachim Eisenschmidt über die Aufführung der Opern Händels im Londons seiner Zeit gewesen. Mit den Händel-Festspielen errichtete Könemann in und für Karlsruhe einen kulturellen Leuchtturm, dessen auch internationale Strahlkraft bis heute angehalten hat. Für die Außenwirkung der Fächerstadt war das besonders wichtig, weil die Festspiele eine natürliche Verbindung zu Händels Geburtsort Halle schufen, wo Könemann ja studiert hatte. Das biografische wie musikalische Band zwischen den beiden Händel-Orten und ihren Festspielen bewährte sich 1987, als Karlsruhe in der einstigen DDR eine Partnerstadt suchte und auf Halle verfiel. Bei der Entscheidung nahm Könemann eine wichtige Funktion als Kultur-Pate wahr, und tatsächlich hat die fruchtbare Verbindung der Städte bis heute Bestand. Kein Wunder, dass bereits zweimal aus dem Staatstheater die Anregung kam, den verdienten Festspiel-Gründer mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt auszuzeichnen.

So ging es vor 40 Jahren los: Laila Anderson als Alcina in der ersten Produktion der ersten Händel-Tage am Staatstheater.
So ging es vor 40 Jahren los: Laila Anderson als Alcina in der ersten Produktion der ersten Händel-Tage am Staatstheater.
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