Kultur Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Vorderweidenthal: Was Bildhauer Martin Schöneich an Kulturipps für den Oktober hat

Besucher können Martin Schöneich in seinem Rückzugsort in Vorderweidenthal besuchen .
Besucher können Martin Schöneich in seinem Rückzugsort in Vorderweidenthal besuchen . Foto: van

Mein Monat: Martin Schöneichs Traum ist ein eigener Skulpturengarten nach dem Vorbild Eduardo Chillidas. In seinem Vorgarten in Vorderweidenthal hat er schon mal einen kleinen Anfang gemacht. Seinen Lebensunterhalt bestreitet der Bildhauer mit Kunst am Bau. Zu den aktuellen Ausschreibungen im Landkreis SÜW hat er einen klaren Standpunkt.

„Das trifft sich gut.“ Gerade hat Martin Schöneich den Vorgarten seines Wohn- und Werkstätte in einem alten Hugenottenhof in Vorderweidenthal neu gestaltet. Wer die Autokorsos der wanderlustigen Ka-Lu-Mas nicht scheut, die gerade im Herbst um Klingenmünster die Weinstraße verstopfen, kann den Bildhauer besuchen in der selbstgewählten Abgeschiedenheit des Pfälzerwalds. Der 64-Jährige hat ein bisschen was von einem Eremiten. Diesen Eindruck nährt auch die recht zurückhaltende Art, mit der er sich den Fragen der Besucherin stellt – nicht abweisend, aber etwas zögerlich, bedächtig, sodass der Gegenüber das Gefühl nicht los wird, ihm mit dem professionellen Bohren zu nahe zu treten.

So propper wie im Skulpturenpark des spanischen Bildhauers Eduardo Chillida ist es in Schöneichs Skulpturengarten freilich nicht. Eine Brücke mit Lastenkran, Schleifgerät und Werkbank zeigen: Hier wird gearbeitet. Doch sein Vorgarten darf man durchaus als Reverenz an den berühmten Kollegen verstehen. Schöneich ist fasziniert von Chillida, von dessen Art, wie er Stahl bearbeitet hat. Weithin bekannt ist die markante Großplastik, die der Baske für das Berliner Kanzleramt schuf.

Mit Stipendium Besuch in Spanien

Den Park des 2002 gestorbenen berühmten Kollegen in Hernani, nur fünf Kilometer entfernt vom mondänen Seebad San Sebastian, möchte der Pfälzer den Lesern als seinen ersten Kulturtipp ans Herz legen. Im Oktober ist es in Spanien nicht mehr zu heiß für Besichtigungen. Und endlich kann man das zwölf Hektar große Gelände wieder besuchen, das erst im Frühjahr nach acht Jahren der Schließung wiedereröffnet wurde. Chillidas acht Kinder hätten sich wegen des Erbes gestritten, erzählt Schöneich.

Er selbst hat den Park einmal mit dem Geld eines Stipendiums besucht. Das war 1999, noch vor dem Tod Chillidas. Gerne hätte der Pfälzer mit dem Kollegen gesprochen. Doch der Bildhauer selbst sei damals nicht zu Hause gewesen. Die Ehefrau und Sohn Luis hätten ihn durch das seinerzeit noch nicht öffentlich zugängliche Lebenswerk Chillidas geführt. „Seit daher träume ich von einem eigenen Skulpturenpark“, sagt Schöneich.

Und wenn man schon mal in Spanien ist, empfiehlt er auch noch das Museum of Contemporary Art in Barcelona – auch wegen seiner Sammlung moderner Kunst aus aller Welt, aber vor allem wegen des Baus von Richard Meier. „Ich beschäftige mich sehr stark mit Architektur. Und das war eine echte Sensation. Da konnte ich gar nicht mehr wegschauen.“ Strahlend weiß springt das Gebäude einem geradezu entgegen in dem dunkelbeigen Häusermeer der baskischen Metropole.

Auch Schöneich hat viele Skulpturen für den öffentlichen Raum geschaffen. Im ehemaligen Pferdestall können Gäste Entwürfe und kleinere Kopien seine großen Arbeiten sehen: der Sandsteinskulptur in Rinnthal, der neun Meter hohen Stahlplastik „KMM-3-12“ auf dem Kreisel bei Maikammer, der Nike am Alfred-Grosser-Schulzentrum in Bad Bergzabern, des Pendels am Künstlerhaus in Edenkoben und seines „Loops“ vor der Hochschule Worms.

Von Grafiken lässt sich nicht leben

Kunst am Bau, die ja gerade im Landkreis SÜW derzeit heiß diskutiert wird, sei seine Haupteinnahmequelle, sagt Schöneich. „Da hat man noch die Chance, als Künstler Geld zu verdienen. Von Kleinplastiken, Zeichnungen und Grafiken kann man nicht leben. Es ist zu selten geworden, dass man was verkauft wie jetzt, als ich den Kaiser-Lothar-Preis in Prüm erhalten habe.“

Obwohl Schöneich also auf öffentliche Aufträge angewiesen ist, plädiert er unbedingt dafür, solche Wettbewerbe deutschlandweit auszuschreiben, nicht nur Landeskinder zuzulassen. „Dann kriegt man auch genügend Bewerber, und die Jury kann nach Qualität aussuchen. Ich bin gar nicht dafür, dass man es so heimelig macht. Es sollen ruhig einmal Leute von außen kommen. Umso mehr strenge ich mich an, etwas dagegen zu setzen. Das macht ja auch Spaß.“ Immerhin habe er so den Zuschlag für seinen großen Stahlring auf der Gedenkstätte für den Amoklauf im baden-württembergischen Winnenden bekommen – unter 200 Bewerbern auch aus dem Ausland. „Da habe ich mir zunächst nichts ausgerechnet. Aber die Eltern der Opfer haben meine künstlerische Intention nachvollziehen können. Das fand ich stark.“

Auch für Schulen hat er schon gearbeitet. Für Mülheim-Kärlich im Norden von Rheinland-Pfalz habe er beispielsweise eine Plastik zum Thema Lokomotive für einen Pausenhof gestaltet. Schwierig seien bei solchen Arbeiten, die Kinder auch in Beschlag nehmen dürfen, die Vorgaben der Gemeindeunfallversicherung, die so manche schöne Idee zunichte machten. Daran wäre beinahe auch seine Plastik gescheitert, die aussieht wie ein überdimensionales Mikado-Spiel.

An Villa Wieser unterrichtet

Schon während des Studiums in München als Meisterschüler von Erich Koch habe er Kunst am Bau geschaffen. Früh hat der gebürtige Grünstadter, dessen Vater Horst schon Bildhauer war, renommierte Auszeichnungen erhalten wie den Johann-Christian-von-Mannlich-Preis des Bunds der Pfalzfreunde in Bayern und den rheinland-pfälzischen Förderpreis. Bis er vor 25 Jahren in die Südpfalz zog, hatte er in Grünstadt Atelier und Werkstatt, die er auch schon in den Semesterferien nutzen konnte. „Hier habe ich machen können, was ich wollte.“ Mit seinem Vater habe er nie zusammenarbeiten wollen, sagt Schöneich. „Da passt sich immer einer an. Und ein junger Mensch lässt sich leicht beeinflussen. Irgendwann habe ich auch bei Erich Koch gemerkt: Ich musste weg.“ Und sein Vater habe – wie Marcel Duchamp – irgendwann schlagartig aufgehört mit der Kunst.

Recht abrupt war auch Martin Schöneichs Weggang von der Villa Wieser in Herxheim, wo er bis 1997 unterrichtet hat. Wegen Querelen hinter den Kulissen, sagt er. Mit Gunter Gaubatz und Dietrich Gondosch habe er noch das inzwischen längst fertiggestellte Bildhauerhaus geplant. In einer der Klassen der Kunstschule hat er auch seine spätere Frau kennengelernt.

Schöneich ist durchaus wählerisch, was seine eigenen Kulturtermine angeht. „Ich suche gezielt, was mich interessiert. Ich bin nicht so der große Ausstellungsgänger. Und ins Theater oder in Konzerte gehe ich nur sehr selten.“ Sehr wohl hat er die Ausstellung „Form, Farbe, Licht“ beim Kunstverein Germersheim besucht, die noch bis 6. Oktober läuft. Gezogen hat ihn der Name David D. Lauer. Den Karlsruher Professor, der vor fünf Jahren in Gleisweiler gestorben ist, habe er über 30 Jahre gekannt.

Einer, der dreidimensional denkt

Abstrakt-figürlich seien Lauers Werke: große Stahlplastiken und kleine Bronzen. „Er ist ein echter Bildhauer für mich, einer, der dreidimensional denken und formen konnte. Für Rundplastiken interessieren sich immer weniger Künstler. Es wird oft nur noch zweidimensional, reliefartig, fast zeichnerisch gearbeitet.“ Auch der Keramikbildhauer Stefan Engel vom Donnersberg könne das. „Und er stellt Dinge auf die Kippe, auf die Kante, wie ich das auch gerne mache. Dadurch wirkt eine Plastik leicht, das schwere Material scheint zu schweben.“ Interessant sei im Germersheimer Zeughaus auch, wie den Plastiken Malerei und Grafik von Stefan W. Kunze, Michael Schneider und Kathrin Leopolder gegenübergestellt sind.

In jüngster Zeit sei ihm noch ein weiterer Künstler besonders aufgefallen, der ihn sehr interessiere mit seinem ungewöhnlichen Spiel von Formen und Zeichen, sagt Schöneich: Frank Nitsche. Gerne würde er dessen Ausstellung „Blue Acid Farm“ in der Dresdener Galerie Gebrüder Lehmann besuchen, die noch bis 9. November läuft.

Mensch rückt in den Mittelpunkt

„May You Live in Interesting Times“ ist das Motto der Biennale in Venedig (bis 24. November), von der Schöneich schwärmt: „Da wird die ganze Welt vorgestellt.“ Die Auflage 2019 zeige: „Der Mensch zählt. Mensch und Natur rücken wieder in den Mittelpunkt skulpturaler Arbeit.“ Zuletzt hätten Bildhauer ja vor allem abstrakt und architektonisch gearbeitet.

In diesen Zusammenhang passt auch das Buch „Die Errettung des Schönen“ von Byung-Chul Han, des Schöneich zufolge derzeit wichtigsten deutschen Philosophen. Er mahne, dass sich mit der Ästhetik des digitalen Zeitalters derzeit alles in Richtung Hochglanz orientiere - auch in Architektur, Literatur, Theater, Tanz und Kunst. „Der schöne Schein wird aufpoliert. Und die Gesellschaft trocknet dabei nach innen immer weiter aus.“ Auch in den Bemühungen, mit Kopien zerstörter Gebäude Fake-History zu bauen – mit dem Berliner Schlosses etwa – sieht Schöneich diese Tendenz. Statt alter Handwerkstechniken finden sich hier lauter technoide, exakte Formen.

Besucher

Bei der Aktion Offene Ateliers, die heute und morgen in die zweite Runde für dieses Jahr geht, will Schöneich nicht mitmachen – zu unberechenbar sei die Resonanz. Aber Besucher führt er gerne durch Garten, Wohngalerie und Werkstätten nach Anmeldung unter Telefon 0176 46612414.

Die Reihe

Wir fragen jeden Monat Prominente in der Südpfalz nach ihren Kulturtipps.

Im Garten hat Martin Schöneich einige seiner Plastiken aufgebaut.
Im Garten hat Martin Schöneich einige seiner Plastiken aufgebaut. Foto: van
Von der Art, wie sein 2002 gestorbener spanischer Kollege Eduardo Chillida Stahl bearbeitet hat, ist Martin Schöneich fasziniert
Von der Art, wie sein 2002 gestorbener spanischer Kollege Eduardo Chillida Stahl bearbeitet hat, ist Martin Schöneich fasziniert. Foto: ap
Das Motto der Biennale von Venedig, die Schöneich sehr empfihelt – kann auch für diese Reihe gelten: „May You Live in Interestin
Das Motto der Biennale von Venedig, die Schöneich sehr empfihelt – kann auch für diese Reihe gelten: »May You Live in Interesting Times«. Foto: möt
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