Rheinpfalz Von Zuckerwatte und Glaswolle
140 Jahre alt wird das Dämmstoffunternehmen Saint-Gobain Isover G+H am 1. September. Bereits seit den Anfängen im 19. Jahrhundert hat es seinen Sitz in Ludwigshafen. Nur die Produktion gibt es dort nicht mehr. Ein Blick zurück in die Vergangenheit und auf zukünftige Investitionen in der Region.
«Ludwigshafen.»Wo heute Wohnhäuser an der Bürgermeister-Grünzweig-Straße stehen und Kinder im Friedenspark spielen, thronte vor über 100 Jahren der Korkturm und mit ihm das Ludwigshafener Werk des Unternehmens Grünzweig & Hartmann. Der Firmensitz ist immer noch da, die Geschichte des Werks vorbei. „Kork machen wir natürlich schon lange nicht mehr“, berichtet Michael Wörtler, der Vorstandsvorsitzende der Saint-Gobain Isover G+H AG – wie die Firma inzwischen heißt. Nicht nur der Name hat sich innerhalb von 140 Jahren mehrfach geändert. An der Bürgermeister-Grünzweig-Straße steht nun ein schlichter, aber imposanter Bürobau. Carl Grünzweig war studierter Chemiker, Paul Hartmann Kaufmann. Gemeinsam gründeten sie am 1. September 1878 – vor 140 Jahren – die „Fabrik chemisch-technischer Producte von Grünzweig & Hartmann“. In Zeiten der Industrialisierung wurden zwar viele Fabriken gebaut, aber wirklich gute Dämmprodukte für die Gebäude und Maschinen gab es nicht. Die Idee des Duos: Isolierplatten aus Kork, die sie sich 1880 patentieren ließen. Wenig später startete die Produktion und das Werk an der jetzigen Bürgermeister-Grünzweig-Straße wuchs. Heute, im Jahr 2018, stehen im Produktportfolio Dämmstoffe aus Glas- und Steinwolle. Außerdem vertreibt Isover – also Ex-Grünzweig & Hartmann – die Ware anderer Hersteller, etwa der BASF.
Bahnbrechende Erfindung dank Zuckerwatte
Als Grünzweig 1913 starb, übernahm sein Sohn Max für kurze Zeit das Unternehmen, dann wanderte die Führung aus der Familie heraus. Der Korkturm wurde gebaut, die Jahresproduktion stieg. Es kam Neues hinzu, etwa Hochtemperaturisolierungen aus Diatomit. Parallel dazu wurde 1931 die Glaswatte GmbH in Bergisch Gladbach gegründet, die später in der Unternehmensgeschichte wichtig werden sollte. Dort wurde Glaswolle im sogenannten Hager-Verfahren hergestellt. Dessen Erfinder Friedrich Rosengarth hatte auf einem Jahrmarkt in Bergisch Gladbach gesehen, wie aus heißer Zuckermasse mit schneller Umdrehung Zuckerwatte wird – genau genommen feine Zuckerfäden. Eine süße Anregung für eine bahnbrechende Erfindung: So ähnlich wurde ab dann auch der Dämmstoff Glaswolle hergestellt. Aber zunächst zurück in die Pfalz. Im September 1943 wurde das Grünzweig & Hartmann-Werk erstmals von amerikanischen Bomben getroffen, im Jahr 1944 fast vollständig zerstört. Nur der Korkturm blieb stehen. Es folgte der Wiederaufbau. Zwischen der Grünzweig + Hartmann AG und der Glasfaser-Firma in Bergisch Gladbach gab es in den 60ern ein spezielles Verhältnis. Da beide Firmen Dämmstoffe produzierten, standen sie im Wettbewerb. Gleichzeitig hielt der französische Konzern Saint-Gobain Isover die Mehrheit an beiden Unternehmen. 1972 fusionierten sie schließlich.
Mitarbeiterzahlen seit den 1970ern gesunken
Weil die Nachfrage nach Glaswolle stieg, kaufte das neu entstandene Unternehmen im Februar 1972 ein 330.000 Quadratmeter großes Gelände von der Stadt Speyer. Am 24. August 1973 wurde dort Richtfest gefeiert für ein Werk, das bis heute produziert. Die Produktion in Ludwigshafen hingegen wurde bis Ende der 80er-Jahre komplett eingestellt. Heute gibt es neben dem Glaswolle-Werk in Speyer auch ein Steinwolle-Werk in Ladenburg und Werke in Bergisch Gladbach und Lübz (Mecklenburg-Vorpommern). 1970 hatte das Unternehmen über 9000 Mitarbeiter. Damals war Grünzweig & Hartmann allerdings auch noch für die Montage der Produkte zuständig. Über die Jahre ging die Mitarbeiterzahl immer weiter zurück, 1976 wurde die Montage ausgegliedert. 1985 waren es noch rund 1500 Angestellte, derzeit sind es 1015 und 42 Auszubildende. „Neue Produktionstechniken in den Fertigungslinien“ nennt Michael Wörtler einen Grund für den Rückgang. Auch wegen steigender Kosten sei die Anzahl gesunken, allerdings in der Regel über Rente und fehlende Nachbesetzung der Stellen.
34 Millionen Euro für den Pfälzer Standort
„Das Unternehmen ist eng mit dem Standort Ludwigshafen und der Region verbunden“, sagt Wörtler. Und es wird in Zukunft weiter investiert. Als Beispiel nennt er die Glaswannen, die an jedem Produktionsstandort für die Rohstoffschmelze stehen. Diese haben eine Lebensdauer von acht bis zehn Jahren. Eine Neuanschaffung koste knapp zehn Millionen Euro. Dieses Jahr werde die Wanne in Ladenburg ausgetauscht, nächstes Jahr die in Speyer. Dort soll außerdem eine Produktionslinie komplett erneuert werden. Alles in allem fließen so laut Wörtler im Jahr 2019 rund 34 Millionen Euro in den Pfälzer Standort. Trotz veränderter Rahmenbedingungen und Nachfrage: Dämmstoffe sind heute – in Zeiten von Diskussionen um Energiesparen und Brandschutz – wichtiger denn je. Die einst von einem Chemiker und einem Kaufmann begonnene Geschichte geht weiter.
