Wirtschaft In Haus, Schiff und Zug verbaut

Der Firmensitz der Saint-Gobain Isover G+H AG in der Ludwigshafener Bürgermeister-Grünzweig-Straße. Hier wurde vor knapp 140 Jah
Der Firmensitz der Saint-Gobain Isover G+H AG in der Ludwigshafener Bürgermeister-Grünzweig-Straße. Hier wurde vor knapp 140 Jahren damit begonnen, Korkdämmplatten zu produzieren. Sie brachten dem Chemiker Carl Grünzweig und dem Kaufmann Paul Hartmann Erfolg. Heute ist dort der Verwaltungssitz des Unternehmens.

«Ludwigshafen». Vor 140 Jahren ist in Ludwigshafen das Dämmstoff-Unternehmen Grünzweig & Hartmann gegründet worden. Heute heißt die Aktiengesellschaft Saint-Gobain Isover G+H und gehört zu einem internationalen Konzern. Am 1. September gibt Michael Wörtler den Vorstandsvorsitz ab. Im Vorfeld sprach er über die Branche und sich wandelnde Rahmenbedingungen.

Auf den aktuellen „Bauboom“ angesprochen, schüttelt Michael Wörtler den Kopf. „Es gibt einen Boom in der Nachfrage, aber nicht in der Realisierung“, sagt er Vorstandsvorsitzende der Saint-Gobain Isover G+H AG. Um wirklich von einem Bauboom zu sprechen, fehlten Grundstücke, Investitionen in Wohnungsbau und Fachkräfte, die all die Häuser bauen könnten. Auch in der energetischen Sanierung laufe es nicht so, wie erhofft. „Das macht ja keiner“, sagt Wörtler. Etwa 13 Millionen Gebäude seien bundesweit dringend energetisch renovierungsbedürftig. Doch für Vermieter sei das uninteressant – schließlich zahlt der Mieter die Nebenkosten, die durch eine optimierte Dämmung verringert werden könnten. Und für Baufirmen seien Neubauten attraktiver als Sanierungen. Isover produziert und verkauft Dämmstoffe. Produkte aus Glas- und Steinwolle stellt das Unternehmen mit Sitz in Ludwigshafen selbst her und vertreibt daneben unter anderem Hartschaumplatten, wie das in der BASF hergestellte Styrodur. Etwa 75 Prozent des Umsatzes erzielt Isover eigenen Angaben zufolge im Baustofffachhandel, der sowohl Privathäuser wie auch Industriebauten beliefert. Der Rest entfällt unter anderem auf Schiff- und Zugbau. Im vergangenen Jahr erreichte die Aktiengesellschaft einen Umsatz von 356 Millionen Euro. Das ist ein Rückgang um 1 Prozent im Vergleich zu 2016. Grund dafür ist laut Wörtler unter anderem eine Cyberattacke, die im Juni 2017 für einige Tage Produktion und Vertrieb lahmlegte. Auch spricht er von „im Markt vorhandenen Überkapazitäten“. Die gibt es, seit in den 1990er-Jahren die Bauindustrie – bedingt durch den Neubau in Ostdeutschland – eine hohe Nachfrage erlebte. „Die Kapazitäten, die damals aufgebaut wurden, sind geblieben“, sagt Wörtler. Kompensiert habe Isover die fallenden Verkaufspreise mit einem höherwertigen Sortiment. Das Ergebnis vor Steuern (Ebit) stieg im vergangenen Jahr um 11,3 Millionen Euro auf 33,1 Millionen Euro. Wer mit Michael Wörtler über seine Branche spricht, landet schnell bei grundsätzlichen Rahmenbedingungen, die es Isover seinen Angaben zufolge nicht einfach machen. Er nennt die gestiegenen Transportkosten und dabei unter anderem die Maut, die seit Kurzem auch auf allen deutschen Bundesstraßen gilt. Für dieses Jahr geht Wörtler von einer Transportkosten-Erhöhung um 5 Prozent aus. Ein Gespräch über Glaswolleproduktion, über riesige Wannen, in denen bei weit über 1000 Grad Celsius recyceltes Altglas und andere Rohstoffe geschmolzen werden, führt auch zum Thema Energie. „Man muss irgendwann eine Entscheidung treffen: Wollen wir diese Industrien in Deutschland halten oder nicht?“, sagt Wörtler mit Blick auf Energieeinspar-Ziele. Dämmstoffe zu produzieren ist hoch energielastig. „Die Rahmenbedingungen entwickeln sich nicht zu unserem Vorteil.“ Dennoch möchte Isover an Deutschland als Produktionsstandort festhalten – alleine schon, weil der nationale Markt beliefert wird und es sich kaum rentiert, groß dimensionierte Dämmstoffe über weite Strecken zu bewegen. Isover ist ein 140 Jahre altes Unternehmen mit Tradition. Dennoch gibt es auch in der Dämmstoffbranche ständig Entwicklung. Es würden vermehrt pflanzliche Materialien getestet, berichtet Wörtler. Für die Entwicklung neuer Produkte sind lokal 80 Mitarbeiter in Ladenburg zuständig. Für den internationalen Markt gibt es ein Entwicklungszentrum nahe Paris. Auch die Digitalisierung ist Veränderungstreiber. Neben digitalen Handelsplattformen und dem Arbeiten mit sogenannten Building Information Models in der Bauplanung dreht Isover in einem kleinen Fernsehstudio eigene Youtube-Clips. Auch in der Produktion sind größere Investitionen geplant. So soll in Speyer im kommenden Jahr nicht nur die Glaswanne, sondern eine komplette Produktionslinie erneuert werden. Kostenpunkt: rund 34 Millionen Euro. Michael Wörtler wird dann nicht mehr Vorstandsvorsitzender sein. Das Amt übergibt er am 1. September an den 48-jährigen Stephan Kranz. Aus Altersgründen, sagt Wörtler (62) und auch, weil es in anderen Bereichen des Konzerns viel zu tun gibt. Er bleibt bei Saint-Gobain weiterhin regionaler Geschäftsführer für den Sektor Bauprodukte in Deutschland und Österreich.

M. Wörtler
M. Wörtler
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