Kultur Südpfalz Von der Bedeutung der Farben

„Ich sehe was, was du nicht siehst“ – mit diesem Satz führte der Leiter des Künstlerhauses Edenkoben, Hans Thill, die Besucher ins Ateliergespräch der Stipendiatin Julia Lohmann mit Beate Reifenscheid-Ronnisch ein. Die Leiterin des Ludwig Museum im Deutschherrenhaus Koblenz und die Künstlerin, die in Berlin und Düsseldorf lebt und auch viel Zeit in China verbringt, kennen sich schon sehr lange.
Das Werk, das die Künstlerin in Edenkoben präsentiert, spricht eine universelle Sprache, die jeder Betrachter in seinen Horizont übersetzen kann: Brillante Farbsensationen, sehr dünn in geraden Strichen auf gefaltete oder gebogene Aluminiumplatten aufgetragen, reflektieren auf eine ganz besondere Weise mit dem Licht und bringen Bewegung in das statische Bild. Im Atelier erinnert ein Werk an das Schwarzblauviolett eines tiefgründigen Dunkelfelders, gewachsen in einer Landschaft sonnenverwöhnten hellen Sandsteines. Edenkoben sei „ein sensationeller Ort, an dem meine Malerei auf einmal mehr erzählerische Momente bekommen hat“, schwärmt die Stipendiatin. Ein etwa vier Meter langes Werk im Veranstaltungssaal des Künstlerhauses ist wie gemacht für diese Wand: Ein durch Knicke bewegter Horizont mit vertikalen Elementen erscheint an diesem Ort wie die Landschaft mit Weinbergen und Häusern, die sich in natura durch die beiden Fenster rechts und links bis ins Unendliche fortzusetzen scheint. Ihre Vorliebe zum Malgrund Aluminium erklärte Lohmann mit dem Gebrauchswert des Materials. Mitte der 1980er Jahre entdeckte sie, die seit 2002 eine Gastprofessur in Tjanjin hat, darin ein Material, das unbeschadet weite Transporte übersteht und beispielsweise in großen Industriehallen auch ohne Wand gehängt werden kann. Im Gespräch mit Reifenscheid-Ronnisch spannte Julia Lohmann indes den Bogen zu philosophisch mathematischen Berechnungen des Wissenschaftlers Leibniz in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Kombinationen sind nicht zufällig gewählt: „Die Farben haben eine Bedeutung“, erklärte Julia Lohmann, die in den 1970er Jahren bei Joseph Beuys und Erwin Heerich studierte. Im Wissen, dass Sprache den Zugang zu abstrakten Werken schaffen kann, mag sie den Besuchern einer Ausstellung dennoch ihre hintergründigen Gedanken nicht beeinflussend vorgeben. Monochrome Farbflächen in eisigem Hellblau und zartem Violett duftenden Flieders brachte ein Gast im intimen Kreis der Freunde des Künstlerhauses mit Celan in Verbindung. Julia Lohmann aber widerlegte diese Vermutung im Wissen, dass jener, in den „Erinnerungen an Paul Celan“ beschriebe Baum weiße Blüten hatte. Ein in Edenkoben entstandenes Video widmet die Stipendiatin Hans Thill im Titel aus einem Gedicht des Heidelberger Schriftstellers: „Flugzeuge darüber …“ ist eine Collage aus Filmsequenzen über die Feldarbeit der Winzer, der Erde und dem Himmel, mit Bildern aus der Luftfahrt und der Sternenkunde. In der musikalischen Untermalung sind zufällig eingefangene Töne eines Klavierstimmers verarbeitet. Eine Schau, die in wenigen Minuten den äußeren und inneren Blick von der Erdkrume ins Weltall, vom Kleinsten ins Unendliche führt, die Universalität der Bilder unterstreicht und die Übersetzung der Abstraktion durch die Kraft der Vorstellung und des Geistes eines jeden Betrachters an jedem Ort der Welt gelingen lässt. (srs)