Rheinpfalz Vom Verein zum Helfer

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Bis in die 1960er Jahre hinein hatten behinderte Kinder einen schweren Stand. Sie galten als bildungsunfähig, waren vom Schulbesuch ausgeschlossen. Förder- und Betreuungsangebote waren Mangelware – auch in der Westpfalz. Dem wollte eine engagierte Gruppe von Eltern Abhilfe schaffen und gründete 1966 den Verein Kinderhilfe, aus dem die Reha Westpfalz hervorging. Die bemerkenswerte Pionierleistung jährt sich nun zum 50. Mal. Das Jubiläum wird am morgigen Mittwoch in der Stadthalle Landstuhl gefeiert.

Beeinträchtigte Menschen von klein auf bestmöglich zu fördern und ihnen im Sinne der Inklusion eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen – auf dieses Ziel sind sämtliche Abteilungen der Reha Westpfalz ausgerichtet. Rund 450 Menschen werden teilstationär oder stationär betreut, etwa 2000 Kinder mit ihren Familien ambulant unterstützt. Ein umfassendes Angebot, dessen Fundament vor 50 Jahren gelegt wurde. „Und zwar von einer einzelnen Frau. Es war Mathilde Kahseböhmer, die die Initialzündung zur Gründung des Vereins Kinderhilfe Westpfalz gab“, erzählt Einrichtungsleiter Martin Phieler. „Sie ist selbst Mutter eines schwerbehinderten Kindes. Als sie 1964 von Heidelberg nach Landstuhl umzog, musste sie feststellen, dass es weit und breit kein Betreuungsangebot für beeinträchtigte Kinder gab.“ Um das Problem zu lösen, sucht sie Kontakt zu weiteren betroffenen Eltern. In der Hoffnung auf Unterstützung wenden sie sich gemeinsam an die Behörden. Doch dort kann man ihnen nicht weiterhelfen, behinderte Kinder sind noch nicht einmal erfasst. Davon lässt sich die engagierte Gruppe nicht entmutigen. Um den Bedarf zu ermitteln, touren sie auf eigene Faust durch die Dörfer der Region, klappern alle Tante-Emma-Läden ab, reden mit Postboten. „Dort bekamen sie die meisten Auskünfte. Die Bürgermeister und Pfarrer dagegen waren kaum im Bilde“, berichtet Phieler. „Denn nach den Schrecken der Nazizeit hatten viele Eltern Angst, die Behinderung ihres Kindes öffentlich zu machen.“ Zu Mathilde Kahseböhmer und ihren Mitstreitern fassen sie jedoch Vertrauen. Die Gruppe wächst und findet schließlich in der Aktion Sorgenkind Unterstützung, allerdings unter der Voraussetzung, einen Verein zu gründen. So wird 1966, nach zwei Jahren mühsamer Vorarbeit, die Kinderhilfe Westpfalz ins Leben gerufen. Sie hat es sich auf die Fahne geschrieben, Betreuungs-, Schul- und Therapiemöglichkeiten zu schaffen. In Bann, Landstuhl und Ramstein-Miesenbach entstehen erste provisorische Einrichtungen. Noch sind schwerstbeeinträchtigte Kinder vom Schulbesuch ausgeschlossen. Das ändert sich erst mit einem Schulversuch, der 1976 startet. „Bis dahin galten schwerbehinderte Kinder als nicht bildungsfähig, weil sich der Bildungsbegriff ausschließlich auf das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen bezog. In dem Schulversuch wurde er neu gefasst, mit der Entwicklung von Angeboten, die zu den Kindern passen“, erklärt Phieler. „Nach der Anerkennung des neuen Konzepts gelten auch schwerstbehinderte Kinder und Jugendliche als bildungsfähig und werden fortlaufend schulisch betreut.“ Um das Konzept zu betonen, wird der Verein 1971 in Reha Westpfalz umbenannt. Von 1969 bis ’94 liegt die Leitung bei Initiatorin Mathilde Kahseböhmer. Die geburtsstarken Jahrgänge der 1970er lassen den Bedarf steigen. Dem sind die Räumlichkeiten bald nicht mehr gewachsen, der Verein erwirbt das Gelände am heutigen Standort in der Langwiedener Straße Landstuhl. Hier werden die unterschiedlichen Einrichtungen zusammengeführt, durch Neubauten ersetzt und der laufende Betrieb nach und nach ans Ökumenische Gemeinschaftswerk Pfalz übertragen. Heute umfasst die Reha Westpfalz das Sozialpädiatrische Zentrum mit Frühförderung inklusive vier Außenstellen, die integrative Kindertagesstätte „Arche Noah“, eine private Schule mit den Förderschwerpunkten motorische und ganzheitliche Entwicklung, die Tagesförderstätte für schwerstbehinderte Erwachsene, das Wohnheim für behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene und die Wohngemeinschaft Westpfalz. Der Elternverein ging in den heutigen Beratungs- und Betreuungsverein der Behindertenhilfe Westpfalz über und ist ebenfalls auf dem Gelände der Reha Westpfalz beheimatet. Noch heute gehören ihm Eltern der ersten Stunde an. Ein halbes Jahrhundert im Dienst behinderter Menschen – darauf kann die Reha Westpfalz bei der morgigen Jubiläumsfeier in der Stadthalle Landstuhl zusammen mit vielen Wegbegleitern und im Rahmen eines bunten Programms zurückblicken.

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