Rheinpfalz Vom Pfarrer, der im Kessel geduscht haben soll

Start war am Herschberger Sportplatz, wo noch der Radweg in Richtung Saalstadt fehlt.
Start war am Herschberger Sportplatz, wo noch der Radweg in Richtung Saalstadt fehlt.

Lisa-Marie Mangold hat die Krone auf. Adel und Titel verpflichten. Sie ist aktuell „Gräfin Sickinger Land“. Als Marktgräfin, deren wichtigste Aufgabe die Vermarktung der Region ist, trägt sie die Krone natürlich auch bei der Wanderung mit den früheren Marktgräfinnen, zu der der Tourismusverein Mühlenland-Sickinger Höhe-Schwarzbachtal und das Tourismusbüro der Verbandsgemeinde Thaleischweiler-Wallhalben für Freitag eingeladen hatten.

32 Wanderfreunde machen sich bei schwülem Sommerwetter am Sportplatz in Herschberg auf zum Ziel Weihermühle. „Absolut zufrieden“, freuen sich Sonja Bauer, ehemalige Marktgräfin und jetzt Vorsitzende des Tourismusvereins, und Lea Schurr, bei der Verbandsgemeinde zuständig für das Thema Tourismus, über die Teilnehmerzahl. „Eijo, wenn es was umsonst zu essen gibt, kommen die Leute“, wird gescherzt. Doch viel wichtiger ist allen die Wanderung selbst. Auf der etwa fünf Kilometer langen Strecke lässt sich Vieles entdecken, was den Reiz der Region ausmacht, die die Marktgräfin bewirbt. Die Region und die Bedeutung der Marktgräfin, die beim Grumbeermarkt am 30. September neu gewählt wird – Bewerbungen sind bis 1. September möglich –, wollen sie den Wanderern näherbringen. Gästeführerin Hiltrud Woll bietet unterwegs interessante Informationen. Es zeigt sich auch, wo noch Handlungsbedarf besteht. „Wir haben bewusst früh bekannt gegeben, wo wir wandern. Wir hatten gedacht, dass die Verbandsgemeinde bis dahin den Weg gebaut hat“, sagt Sonja Bauer lachend kurz nach dem Start am Sportheim. Verbandsgemeinderatsmitglieder schmunzeln. Entlang der Straße Richtung Saalstadt fehlt noch der geplante Radweg. Am Einstieg hinunter zum Wasserschaupfad gibt es geschichtliche Einblicke von Hiltrud Woll. Die Kelten, die Römer, alle waren schon da. Um es mit der britischen Komikertruppe Monty Python zu sagen: „Was haben die Römer uns gebracht?“ Woll hat die Antwort: Römerstraßen. Von denen gibt es einige in der Region. Besiedelt war die Region schon vor den Römern. „Die ältesten Orte enden auf -heim oder -weiler“, erzählt sie und verweist auf ihren Wohnort Obernheim. „Und Maßweiler“, ergänzt dessen Bürgermeister Herbert Semmet. Es geht bergab. Regen und Wind haben ihre Spuren hinterlassen. Ein Bäumchen liegt quer. Darübersteigen ist angesichts des steilen Weges keine gute Idee. Wegziehen lässt sich das Stämmchen nicht. Aber hochheben. Sonja Bauer ist als frühere Marktgräfin gewohnt, anzupacken. Gemeinsam mit Semmet macht sie den Anfang beim „Bäumchen-in-die-Höh“. Mitwanderer können darunter durchlaufen. Die Wanderer lösen sich beim Baum-Hochhalten gegenseitig ab. Das Zwischenziel Kessel naht. Dort haben Lea Schurr und Marktgräfin Lisa-Marie etwas vorbereitet: Essen und – besonders gefragt – Wasser. Im Kessel herrscht drückende Schwüle. Regenwald-Gefühle im Pfälzerwald. Blick nach oben zur renovierten Brücke, über die die Wanderer gelaufen sind. Hiltrud Woll erzählt vom Pfarrer, der im Kessel geduscht haben soll, weshalb diese Stelle „Parres Loch“ heiße. Geschichten, die auch die frühere Marktgräfin Eva mit in die weite Welt genommen hat. Bis vor einer Woche hieß sie Weber, jetzt Heck. Die Informatikerin wohnt mittlerweile in Frankfurt. Die Zeit als Marktgräfin möchte sie nicht missen. „Das hat mir wirklich viel gebracht“, erinnert sie sich gerne. Bis heute sei sie, wenn auch nicht bewusst, als Markenbotschafterin für ihre Heimatregion unterwegs. „Egal ob während meiner Zeit am Bodensee oder jetzt in Frankfurt. Immer wenn ich nach Wallhalben gefragt werde, nach der Region, habe ich viel zu erzählen.“ Messbarerer Erfolg: Zum nächsten Grumbeermarkt kommen Gäste aus Hessen. Repräsentieren, die Region vertreten, zum Beispiel beim Rheinland-Pfalz-Tag, „das gehört zu meinen Aufgaben“, sagt Lisa-Marie Mangold. Sie bekennt, dass bei jedem Auftritt auf einer großen Bühne Aufregung mitschwingt. An das Gefühl kann sich Melanie Reinhart, die noch Laux hieß, als sie Marktgräfin war, gut erinnern. Ihre Tochter Anna-Maria wandert mit. „Ich bin acht Jahre alt“, erzählt Anna-Maria, „und in der Endzeit meiner Zeit als Marktgräfin, war sie schon in meinem Bauch dabei“, verrät Mama Melanie lachend. Ob Anna-Maria in zehn Jahren mal Marktgräfin wird? Mindestens 18 Jahre alt muss die Bewerberin sein. „Ja, für den Nachwuchs hätten wir gesorgt“, sagt Melanie Reinhart schmunzelnd und ergänzt: „Ich würde mich freuen.“ Als die Gruppe den dampfenden „Kessel“ verlässt, setzt Regen ein. Unter dem Blätterdach kein Problem, aber der Weg wird matschiger. Vorbei an den Landschaftsweihern und den Heckrindern. Noch kurz die Geschichte von den Sandsteinkugeln. Folgen natürlicher Erosion. Den Erzählungen nach, verrät Hiltrud Woll, soll Franz von Sickingen diese für seine Kanonen benutzt haben. „Wer’s glaubt“, ist sie selbst skeptisch, aber die Geschichte macht auch bei Sommerregen Spaß. Die Weihermühle ist zu sehen. Dort warten Vesperteller und etwas zu trinken. Wichtig für ein perfektes Wandererlebnis. Dass die Marktgräfinnen erneut zum Wandern einladen, steht für Sonja Bauer bereits fest.

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