Literatur
Volker Kutscher im Interview: Wir sollten kämpfen für unsere Demokratie
Herr Kutscher, Sie hatten einen langen Atem mit Ihrem Gereon Rath. Wie ist das, einen Menschen loszulassen, mit dem Sie sich 20 Jahre intensiv auseinandergesetzt haben? Das ist ja länger, als manche Ehe hält.
Das stimmt, das ist eine verdammt lange Zeit. Tatsächlich spüre ich vor allem Erleichterung, dass ich die Romanreihe zu einem „guten Ende“ gebracht habe, obwohl es – ich will nicht spoilern – nicht für alle Figuren gut ausgeht. Ich lasse aber nicht so ganz los. Die Romanreihe ist zwar abgeschlossen, aber während ich mich so lange mit dem Thema beschäftigt habe, sind auch Kurzgeschichten und eine Erzählbandreihe mit der Berliner Illustratorin Kat Menschik entstanden – und an dieser Baustelle will ich ein noch bisschen arbeiten. Für Kat habe ich gerade nach „Moabit“ und „Mitte“ eine dritte Geschichte geschrieben, die heißt „Westend“ und wird im Herbst erscheinen. Jetzt werde ich gerade jeden Tag beschenkt mit einer schönen neuen Illustration für dieses Büchlein.
Und dann sind Sie Rath los?
Ich werde mich mit ihm auch noch bei ein paar Kurzgeschichten beschäftigen. Da gibt es schon ein gutes Dutzend – in alle Winde verstreut –, die ich in den letzten Jahren neben den Romanen geschrieben habe. Die würde ich gerne in einem Sammelband zusammenführen. Und damit dieser auch auf eine ordentliche Anzahl von Seiten kommt – im Moment ist er noch etwas dünn – werde ich noch ein paar Kurzgeschichten schreiben. In zwei oder drei Jahren soll der Band wohl rauskommen. Und dann erst bin ich Rath los. Dann werde ich was Neues angehen, und dann wieder einen Roman.
Würden Sie sich noch einmal so intensiv mit einer historischen Epoche auseinandersetzen? Die Aufarbeitung der Nazi-Diktatur in der Nachkriegszeit ist ja auch spannend.
Ein solches Riesenprojekt werde ich bestimmt nicht mehr angehen. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch mal 20 Jahre bei klarem Verstande habe (lacht). Ich habe in der ganzen Zeit, die ich mich mit Rath beschäftigt habe, keine anderen Romane geschrieben. Ideen, die ich daneben hatte und nicht realisiert habe, die habe ich natürlich trotzdem gesammelt. Eine davon werde ich in zwei, drei Jahren aufgreifen – aber maximal in einer Trilogie, mehr ist nicht drin.
Verändert sich in einer so langen Zeit die Beziehung eines Autors zu seinem Protagonisten?
Ja, das auf jeden Fall, weil sie sich beim Schreiben verändert – auch in eine Richtung, die man nicht so ganz auf dem Schirm hatte. Rath hat mich zwar nicht total überrascht, nur in Kleinigkeiten. Aber andere Figuren schon. Bei manchen hatte ich gar nicht geplant, dass sie sich zu einer Hauptfigur entwickeln – bei Raths Pflegesohn Fritze etwa, der erst nur eine Nebenfigur war und dann immer wichtiger wurde. Wo es mit den Menschen hingeht, das ist eine Sache, die sich erst im Laufe der Handlung entscheidet. Ich gehe immer ganz offen in meine Romane rein und schaue, wie die Figuren auf die Handlung und die Zeitumstände reagieren. Das ist auch für mich durchaus spannend.
Apropos Zeitumstände: Die Stärke Ihrer Romane ist der Einblick in das Alltagsleben von damals. Man kann sich ja nur schwer in das Denken und Fühlen von Menschen früherer Epochen hineinversetzen. Sie müssen sich unglaublich intensiv in die Zeit hineingearbeitet haben. War das nicht sehr beklemmend für die Zeit der Reichspogromnacht 1938?
Ja, auf jeden Fall. Eigentlich macht mir Recherche großen Spaß. Ich versuche immer möglichst viele Informationen über das alltägliche Leben zu bekommen, um mich hineinzuversetzen in die Figuren meiner Romane. Für die Pogromnacht gab es nicht viele Zeitungsberichte – sie wurde im Großen und Ganzen totgeschwiegen in der deutschen Presse. Da habe ich mich vor allem auf die Schilderung von Zeitzeugen und Betroffenen gestützt. Da bekommt man natürlich schon Beklemmungen. Mir war’s aber sehr wichtig zu schildern, was damals in Deutschland passiert ist, wie brutal und schlimm das war, wie Juden von ihren Nachbarn und ehemaligen Freunden im Stich gelassen wurden.
Sie lassen Ihren Gereon Rath beim seinerzeit entlassenen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer in Rhöndorf Unterschlupf finden. Beruht das auch auf historischen Tatsachen: Hat Adenauer tatsächlich Dissidenten versteckt?
Nee, hat er nicht. Er hat sich zwar noch Gedanken zur Politik gemacht, aber von Widerstandskreisen und auch von seinen früheren Kollegen ferngehalten. Er wollte unter dem Radar fliegen, sich nicht verdächtig machen. Denn er wusste durchaus, dass die Gestapo ein Auge auf ihn hatte, und da wollte er keinen Vorwand liefern. Er ist tatsächlich noch ein paarmal festgenommen worden. Ich wollte zeigen, dass es diese politische Persönlichkeit, die man als Nachkriegsbundeskanzler kennt, auch schon vorher gab, dass er schon in der Weimarer Republik ein wichtiger Politiker war. Ich lasse ihn sehr früh auftauchen als Duzfreund von Gereons Vater Engelbert Rath – das passt ja auch sehr gut rein mit dem kölschen Klüngel.
Adenauer tüftelt bei Ihnen in Rhöndorf an einer Schädlingsfalle für den Garten. Solche Geschichten von Adenauers Erfindungen kennt man als Rheinländer.
Ja, Erfindungen waren sein Steckenpferd. Dieses Häuschen in Rhöndorf war für Adenauer ein Rückzugsort. Er hat es schon 1937 bezogen, als es ihm endlich gelungen war, die Pensionsgelder zu erhalten, die ihm zustanden. Er war ja da schon nicht mehr der Allerjüngste und hat sich nicht träumen lassen, je wieder politisch tätig zu sein. Ich fand es spannend, ihn als etwas kauzigen Privatier zu sehen, der sich komplett aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hat, an seinen Erfindungen tüftelt und ansonsten seinen Garten pflegt.
In jüngster Zeit werden gerne Parallelen der aktuellen Lage zu den 1920ern gezogen. Wie sehen Sie das quasi als Experte: Halten Sie das für Skandalmache oder ist da was dran?
Für Skandalmache halte ich es nicht. Aber ich finde es gefährlich, das so plump zu sehen. Eine solche Denke beinhaltet ja immer auch einen gewissen Fatalismus nach dem Motto: Es ist wie damals, also wird es auch so laufen, da können wir eh nichts mehr tun, es geht den Bach runter mit der Demokratie. Man sollte weiterhin kämpfen. Die Leute wissen nicht so recht, auf was sie sich da einlassen, wenn sie sagen, dass die Demokratie nichts mehr wert ist und sie jetzt lieber autoritär regiert werden wollen. All die Freiheiten, die wir genießen – und dazu gehört auch die Redefreiheit – all die Vorteile, die unsere Demokratie hat, scheinen für viele schon zu selbstverständlich zu sein. Aber die sind weg unter einer autoritären Regierung. Das muss noch gar keine harsche Diktatur sein, allein schon Prozesse, wie wir sie in Ungarn oder Polen gesehen haben, beschneiden die Freiheit. Da wird man bestraft, wenn man etwas sagt, das gegen den Nationalstolz geht.
Winston Churchill hat einmal gesagt: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staats formen, ausgenommen alle anderen.“
Mit diesen Worten haben meine Eltern mir die Demokratie nahegebracht. Es geht eben alles sehr langsam, man muss Kompromisse schließen, einen Konsens finden. Ich kann eine gewisse Unzufriedenheit auch nachvollziehen bei allem, was in den letzten Jahrzehnten gelaufen ist und eben auch nicht gelaufen ist in der Politik. Aber es ist ja keine Lösung, dann statt des kleineren Übels das größere Übel zu wählen, eine Partei, die diese Probleme, die sich da angehäuft haben, garantiert auch nicht lösen wird. Ich glaube, dass der Neoliberalismus die Politik zuletzt zu sehr geprägt hat – eben auch bei den linken Parteien seit Tony Blair. Dieses Mantra: „Das regelt der Markt!“ Das tut er eben nicht. Es gibt Aufgaben des Staates, und dazu gehören ganz banale Dinge wie eine funktionierende Bahn, bezahlbares Wohnen oder Schulbauten. Das dem freien Markt zu überlassen, scheint nicht die richtige Idee gewesen zu sein. Da ist bei vielen Menschen der Frust groß und die Versuchung, es denen da oben mit einer Protestwahl mal zu zeigen. Wenn die Politik einige dieser Probleme etwas pragmatischer anpacken würde, wenn sie den Menschen eine Vision gäbe, wohin es mit dem Land gehen soll, wäre gleich wieder mehr Vertrauen in die Demokratie hergestellt.
Seit 2017 hat die Verfilmung Ihrer Reihe einen richtigen Hype ausgelöst, für 2025 ist die fünfte Staffel angekündigt. Gefällt Ihnen „Babylon Berlin“ eigentlich?
(lacht) Jein. Die Serie hat sich ja immer weiter entfernt von meinen Romanen, die fünfte Staffel soll die letzte sein. Da unterschieden sich beide Projekte grundsätzlich. Meine Romanreihe ist ab dem Moment spannend geworden, als ich entschieden habe, über das Jahr 1933 hinauszugehen, die TV-Serie aber wird 1933 enden. Ich wollte eben nicht nur den Untergang der Republik nachvollziehen, sondern auch sehen, wie die Menschen leben, wenn sich die Zeitumstände auf einmal dermaßen ändern. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Das ist Meckern auf hohem Niveau. In „Babylon Berlin“ gibt es tolle Einfälle, wie da visuell erzählt wird. Aber meine Romane sind dann eben doch eine ganz andere Geschichte.
Termin
Volker Kutscher liest am Dienstag, 25. Februar, 20 Uhr, im Karlsruher Jubez, Kronenplatz 1, aus dem Finale „Rath“, der im Oktober erschienen ist. Karten gibt’s im RHEINPFALZ Ticket Shop.
Zur Person
Volker Kutscher, geboren 1962 in Lindlar im Bergischen Land, arbeitete nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte als Tageszeitungsredakteur und Drehbuchautor, bevor er seinen ersten Kriminalroman schrieb. Er lebt als freier Autor in Köln und Berlin. Mit dem Roman „Der nasse Fisch“ (2007), dem Auftakt seiner Krimiserie um Kommissar Gereon Rath im Berlin der 1930er-Jahre, gelang ihm auf Anhieb ein Bestseller, dem bisher acht weitere folgten. Die Reihe ist die Vorlage für die Fernsehproduktion „Babylon Berlin“.
Zum Buch
Im zehnten Band steuert Familie Rath auf ein dramatisches Ende zu: Gereon hat nach der Rückkehr aus den USA ein Versteck in Rhöndorf bei Bonn bezogen und schlägt sich nach Berlin durch, um Charly beizustehen. Sie muss Hannah Singer aus den Wittenauer Heilstätten befreien und Fritze verteidigen, der unter Mordverdacht gerät. Der Judenhass wächst und mit der Reichspogromnacht kulminiert eine Entwicklung, die Charly vorhergesehen und Gereon lange geleugnet hat. Damit ist beiden klar: Ein Leben in Deutschland ist so nicht mehr möglich.
Lesezeichen
Volker Kutscher: Rath; Piper-Verlag 2024; 624 Seiten, 26 Euro.