Landau „Unter Fremden“: Theater trifft den Nerv der jungen Zuschauer und der Zeit
Es stand in der Inhaltsangabe, es lag in der Luft, es war vorhersehbar. Auf die Flüchtlingsunterkunft, in die sich die Bühne des Alten Kaufhauses für das Theaterstück „Unter Fremden 2“ verwandelte, würde es einen Anschlag geben. Als die Handgranate dann aber mit einem ohrenbetäubenden Knall und grellen Blitz explodierte, herrschte dennoch spürbares Entsetzen im voll besetzten Zuschauerraum.
Der atemlosen Stille folgte viel Geflüster: „Oh Gott, Krass, Was-Jetzt“. Dann ein leises Durcheinanderreden, schließlich erleichtertes Aufatmen. Es ist alles noch mal gut gegangen. Oleksandra, kurz Sascha, die aus der Ukraine nach Deutschland geflohen und in der Kölner Unterkunft gelandet ist, hat die brandgefährliche Situation gerettet. Schließlich kennt sie sich, da sie selbst im Krieg gegen Russland kämpfte, mit solchen Waffen aus und kann sie eliminieren.
Autor beobachtet rechtsradikale Szene
Wie aber kann es Menschen geben, die andere Menschen eliminieren wollen? Die Geflüchteten Angst und Schrecken einjagen, sie aus einem nach langen Qualen erreichten sicheren Hafen erneut vertreiben wollen? Das sind Fragen, die Georg zum Kley, den Autor und Regisseur dieses sehenswerten Stückes für Jugendliche und Erwachsene, umtreiben. Immer wieder beobachtet er die rechtsradikale Szene und ihre mehr oder weniger willfährigen Handlanger, analysiert ihre hohlen Parolen und leeren Phrasen, liest die Aufzeichnungen von Interviews und die Aussagen von Aussteigern und baut sie wortgetreu als Textbausteine in seine Arbeit ein.
Das Theaterstück „Unter Fremden 2“ ist die aktualisierte Fassung eines Stückes von 2016, als es um die Situation der Flüchtlinge unter anderem aus Syrien und Afghanistan ging. Nun, nach Corona, kommen die Protagonisten aus dem Iran und der Ukraine. Den deutschen Part hätte er eigentlich nicht ändern müssen. Doch es ist eine besondere Fügung des Schicksals, dass Stefan, der mit der rechten Szene sympathisiert und in der Flüchtlingsunterkunft Sozialdienst leisten muss, durch die Flutkatastrophe im Ahrtal ebenfalls zu einer Art Flüchtling wurde. Denn das schöne Haus seiner Familie wurde vom Hochwasser einfach weggeschwemmt.
Kein bisschen effekthascherisch
Gigi, die im Iran zur Welt kam, hat weder Heimat noch Familie. Nachdem ihre Eltern von den Taliban ermordet wurden und ihre Oma starb, wagte sie alleine die gefährliche Flucht über Aserbaidschan nach Deutschland. Auch ihr Schicksal sowie das von Sascha, die nach russischer Gefangenschaft, Vergewaltigung und Flucht über Lettland nach Köln kam, ist authentisch.
Drei junge Menschen mit sehr verschiedene Erfahrungen hat der Autor, der selbst einen rechten Parteigenossen spielt, in der Flüchtlingsunterkunft zusammengeführt. Parallel und sehr glaubwürdig, dabei kein bisschen wehleidig oder effekthascherisch, erzählen sie dem Publikum in direkter Ansprache ihre Geschichte, lernen sich gegenseitig kennen und kommunizieren untereinander die Dinge des Alltags. In 80 packender Minuten bekommen die Zuschauer einen tiefen Einblick in die Lebensläufe und großes Verständnis für die Sehnsüchte und Befindlichkeiten jedes einzelnen.
Autor will nicht bloßstellen
Dass Stefans Beschwerden über schlechte Busverbindungen und nächtliche Wartezeiten in einem Kaff zwischen Köln und Erftstadt angesichts der dramatischen Fluchterfahrungen der der jungen Frauen ziemlich verblassen, macht ihn nicht etwa lächerlich, sondern gibt jedem, der in behüteten Verhältnissen lebt, zu denken. Der Autors stellt niemanden bloß oder verurteilt gar.
Auch beim regen Gespräch zwischen den Theaterleuten und dem jungen Publikum, das sich dem langen Schlussapplaus anschloss, machten Marina Arsangerieva (Sascha), Helena Fuladdjusch (Gigi), Max Krämer (Stefan) und Autor Georg zum Kley noch einmal deutlich, dass sie „nicht diffamieren“, sondern einfach nur zeigen wollen „wie sich Menschen verhalten“.