Karlsruhe
Städtische Galerie setzt auf sinnliche Kunstvermittlung
Carmen Beckenbach hat vorgebacken. Und während die anderen Webinar-Teilnehmer noch auf das Klingeln ihrer Eieruhr warten, erklärt die Kunsthistorikerin, wie das damals war mit Otto Piene, dem avantgardistischen Künstler, und dem Verbrennen.
Die Städtische Galerie Karlsruhe setzt neuerdings auf sinnliche Kunstvermittlung: beim Backen am heimischen Herd. In der neuen Webinar-Reihe „Städtische Galerie@Kitchen“ steht bei jedem Termin ein anderes Kunstwerk aus der eigenen Schau im Mittelpunkt, das exemplarisch für seine Zeit ist. Im Dezember lautete der Titel „Weingebäck und Kartoffelhörnchen – Backen wie in den 20er-Jahren“. Gesprochen wurde dabei über die Dauerleihgabe „Stillleben mit Bücherstapel und Schale mit Zwiebeln“ von Willi Müller-Hufschmied.
Backen wie in den 60ern
Kunst interaktiv kennenlernen, Backwerke kreieren, die an das Vorbild erinnern, es neu interpretieren – das steckt hinter dem Titel dieser Veranstaltungsreihe. Beim jüngsten Termin am Samstag gab’s „Zero-Spitzbuben – Backen wie in den 60er-Jahren“. Das Werk, um das sich alles drehte, ist auf das Jahr 1966 datiert: Otto Pienes „Sky Red Sun Black“. „Das Feuer, der Akt, seine bemalten Leinwände zu verbrennen, war Pienes gelungener Versuch, in der Nachkriegszeit einen neuen Anfang in der Kunst zu finden“, erklärt Beckenbach der Gruppe.
Die Bildschirmkameras der Teilnehmer sind eingeschaltet. Sie geben Einblick in die unterschiedlichen Küchen, die für eineinhalb Stunden im World Wide Web miteinander verbunden sind. Man ahnt: Sie eint der Duft nach karamellisiertem Zucker, der aus den Backröhren strömt.
Webinar statt Workshops in der Galerie
Einige Zeit zuvor: Mutti Ursula, die Älteste in der Runde, gibt Tipps für den Mürbeteig. Beim „Peppermint-Twist“ von Silvio Francesco und Caterina Valente (1962) wird die süße Masse geknetet und ausgerollt. 150 Gramm Mehl, 100 Gramm Butter, 50 Gramm Puderzucker, etwas Salz, Vanillezucker, Kakaopulver, Milch und Konfitüre – mehr Zutaten braucht es für das Spitzbuben-Rezept aus den 60ern nicht. Das Original stammt aus einem Kochbuch, das das Karlsruher Unternehmen Junker und Ruh beim Kauf einer ihrer Gasherde damals mitgeliefert hat.
„Passend zum künstlerischen Werk wählen wir Rezepte aus derselben Zeit aus“, erklärt Beckenbach. „Wir suchen ausschließlich in badischen Kochbüchern, um regional zu bleiben. Diese werden von der Badischen Landesbibliothek, die eine große Sammlung an alten Kochbüchern besitzt, digital bereitgestellt.“ Normalerweise bietet die Kunstvermittlerin regelmäßig Führungen und Workshops für die Städtische Galerie an. Weil das in der Pandemie aber nicht möglich ist, hat sie zusammen mit ihrer Kollegin Christina Korzen nach Alternativen gesucht.
Sterneköche erwecken Stilleben aus Uffizien zum Leben
Die Idee, Gemaltes nachzubacken ist nicht neu. Anhänger von Comic-Conventions beispielsweise haben es vorgemacht: Bildgetreu bereiten sie ihre Lieblingsfilmspeisen etwa aus „Sailermoon“ oder „Chihiros Reise ins Zauberland“ nach. In Florenz ist im Januar außerdem eine Video-Reihe gestartet, in der Sterneköche Stillleben aus den Uffizien zum Leben erwecken. Sie lassen sich von auf Gemälden dargestellten Nahrungsmitteln inspirieren und kreieren daraus Rezepte.
In Karlsruhe indes setzt man auf Interaktion mit dem Publikum. Damit der Austausch gelingt, ist die Teilnehmerzahl auf zehn begrenzt. In der Küche von Marcus wird zu dritt gebacken. Daheim wie in der Gruppe ist er der Hahn im Korb. Seine Tochter und eine Freundin helfen ihm beim Ausstechen der Plätzchen: Kreise, rund wie Pienes Sonne, rund wie die Zahl Null, die seiner Künstlergruppe den Namen gab.
Annäherung an eine Epoche
Piene formte mit Heinz Mack und Günther Uecker die Düsseldorfer Gruppe Zero, die nach dem Krieg in der Stunde null mit neuartigen Gestaltungsprinzipien von Licht und Bewegung das alte Kunstverständnis zu überwinden suchte. „Im Zentrum der rot grundierten Leinwand ist eine verbrannte, schon verkrustete Farbe. Lassen Sie ihre Zero-Spitzbuben ruhig etwas länger im Ofen. Sie dürfen ruhig etwas dunkler werden. Um so ähnlicher werden sie Pienes schwarzer Sonne“, regt Beckenbach an.
Mutti Ursula erzählt, wie sie die 60er als junge Frau erlebt hat. Mode ist dabei ein Thema. Es wird in der Gruppe wieder Musik gehört, die Mondlandung kommt zur Sprache. Das Angebot der Städtischen Galerie versteht sich als Annäherung an eine Epoche auf mehreren Ebenen – ausgegangen von einem einzigen Kunstwerk. Am Ende des Webinars wird gegessen, noch mal geredet und gelacht. Es schmeckt, egal, wie die Backwerke aussehen, finden die Teilnehmer. Das nächste Webinar bietet Beckenbach am 20. März an. Zeit und Thema werden noch bekannt gegeben.