Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Skunk Anansie in Karlsruhe: Schmerzhafte Wahrheiten

In hervorragender Verfassung: Sängerin Skin.
In hervorragender Verfassung: Sängerin Skin.

Mit ihrem jüngsten Album „The Painful Truth“ machten Skunk Anansie am Samstag beim Zeltival im Karlsruher Tollhaus Station und freuten sich über eine ausverkaufte Hütte.

Es hat schon seinen Grund, weshalb die 1990er heute vielen als Sehnsuchtsjahrzehnt gelten. Wer damals optimistisch in eine verheißungsvolle Zukunft blickte, war kein Einfaltspinsel, sondern Mainstream. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rief der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama gar das Ende der Geschichte aus. Das liberale demokratische System schien endgültig gesiegt zu haben, stand nun da als Endpunkt der soziokulturellen Entwicklung. Das „Ende der Geschichte“ bedeutete gleichzeitig den vollen Fokus auf das Hier und Jetzt, das Ziel war ja erreicht. Und viele nahmen das buchstäblich zum Anlass, zu feiern als wenn es kein Morgen gäbe. Nicht zu Unrecht werden die 1990er Jahre daher als unpolitisches Jahrzehnt beschrieben, als Ära, die vornehmlich materialistisch-hedonistisch geprägt war.

Skunk Anansie schufen 1997 mit „Hedonism (Just Because You Feel Good“) die Hymne zur Zeit. Eine, die den Hedonismus dieser Epoche jedoch nicht feierte, sondern vor ihm warnte. Verpackt in einer Herzschmerz-Story. Das selbstsüchtige Streben nach Glück, ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht auf andere, wird hier angeprangert. „Just because you feel good, doesn't make you right“, singt Skunk-Anansie-Sängerin Skin da, ihr floss die Nummer nach eine schlimmen Trennung seinerzeit aus der Feder.

Natürlich war es dieser Song, der am Samstagabend in Karlsruhe die größten Reaktionen des Publikums hervorrief. Die Band hatte ihren größten Hit, damals auf ihrem zweiten Album „Stoosh“ erschienen, in den ausladenden Zugabenteil gepackt. Skin hatte das Publikum erst noch auf eine falsche Fährte geführt: „Jetzt spielen wir einen Song, den wir heute morgen erst geschrieben haben. Wir würden ihn gerne antesten, ihr seid die ersten, die ihn hören“, moderierte sie die Nummer an. Ein gelungener Gag.

Ein Hit vergleichbarer Durchschlagskraft sollte der 1994 in London gegründeten Kapelle nicht mehr gelingen. Schade eigentlich, denn die Gruppe hatte immer etwas zu sagen, überzeugte durch feministische, antirassistische und kapitalismuskritische Texte. 2001 löste sich die Band sogar zwischenzeitlich auf und fand erst 2008 wieder zusammen.

Positiv: Die Band ist seither nicht des schnellen Talers wegen unterwegs und melkt die 1990er-Jahre-Retro-Kuh, so lange sie Milch gibt. Nein, sie kommt auch immer wieder mit neuem Material um die Ecke, erfindet sich neu. Seit der Wiedervereinigung sind vier Alben erschienen - eins mehr also als beim ersten Run.

Das bis dato letzte, „The Painful Truth“ kam im Jahr 2025 auf den Markt. Im Vereinigten Königreich erreichte die Platte Platz sieben der Alben-Charts, ein deutlicher Sprung im Vergleich zu den Vorgängern „Anarchytecture“ (2016, krebste sich nur bis Platz 85 vor) und „Black Traffic“ (2012, Platz 42). Selbst das Erfolgsalbum „Stoosh“ landete seinerzeit „nur“ auf Platz neun. Entsprechend selbstbewusst packten Skunk Anansie auch so einige Lieder der aktuellen Platte auf die Setlist des Abends. Die Außenseiter-Ballade „Shame“ gefiel dabei zwar am besten, aber auch „An Artist Is An Artist“, „Lost and Found“, „Cheers“ oder „Animal“ konnten durchaus neben dem bewährten Material der Band bestehen. Da ging es wirklich quer durch den eigenen Backkatalog, bis zurück zum Debütalbum „Paranoid & Sunburnt“ (1995). Songs wie „Intellectualise My Blackness“, „I Can Dream“, „Little Baby Swastika“ oder „Weak“ haben nichts von ihrer Durchschlagskraft verloren.

Für die Band war es das letzte Konzert auf ihrer kleinen Deutschland-Tournee, es schien, als wollten sie da noch einmal ein Feuerwerk abbrennen. Die Briten gingen mit viel Spielfreude und Energie zu Werke, letztere übertrug sich auch schnell aufs Publikum. Selbst die Vorband Lady Lazarus wollte sich den Auftritt der 1990er-Legenden nicht entgehen lassen, sie mischte sich nach ihrem Support-Part ins Publikum und feierte mit.

Der beherrschenden Naivität der 1990er Jahre waren Skunk Anansie nie anheim gefallen und so überrascht es nicht, dass die Botschaften der Band heute immer noch glasklar ausfallen. „(You) left us idols, not heroes“, klagt Skin in „Cheers“ an. The Painful Truth, die schmerzhafte Wahrheit, keine Frage. Aber eine, die immer noch fantastisch klingt, wenn Skunk Anansie sie aussprechen.

Mehr zum Thema
x