Landau
Shakespeare irisch: Shakespeare irisch: Marcus Bales fulminante Show „Shylock’s Revenge“
„Guys, you can relax. It’s a comedy“, entspannt euch, es ist Comedy, gibt Schauspieler Marcus Bale den vielen Schülern, die sich gestern Morgen schon um halb neun im Haus am Westbahnhof eingefunden hat, mehrmals Entwarnung, bevor seine hochkomplexe Einmannshow nach einer kurzen Einführung beginnt. Comedy im Shakespeare’schen Sinn meint nach damaligem Verständnis: „Keine Toten und ein Happy End“. Inkludiert sind in einen durchaus hochdramatischen Plot eine sehr vitale und bodenständige Sprache, sarkastische Schärfe und die bewusst provozierte Komik, die sich aus der Tatsache speiste, dass auch Frauenrollen von Männern gespielt werden mussten.
Tatsächlich ist der Humor bei Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, bei dem es um einen nicht eingelösten Geldverleih des Juden Shylock an den Christen Antonio und die daraus resultierenden irrwitzigen Forderungen geht, so toxisch angereichert, dass einem bei genauerer Betrachtung das Lachen schon mal im Hals stecken bleiben kann. Erst recht, wenn man selbst Jude ist, als verhöhnte Minderheit in einem Ghetto lebt und das Happy End der Handlung mit dem erzwungenen Konfessionswechsel ins Christentum einhergeht.
Der Richterspruch im Keim erstickt
Ist „Shylocks Rache“, die durch diesen Richterspruch im Keim erstickt wird, nachvollziehbar? Ist das Gerichtsurteil, das ihn seiner Identität und seines Berufs beraubt, tatsächlich fair? Oder war Shakespeare im Grunde seines Herzens ein Antisemit? Warum hat er überhaupt ein Stück mit einem Juden als zentrale Figur geschrieben? Fragen über Fragen, die sich im Laufe des Theaterstücks, das die Handlung in Originalsprache auf Schlüsselszenen komprimiert, ergeben und in Einlassungen zwischen den einzelnen Szenen direkt beantwortet werden.
Marcus Bale schlüpft dafür in ein gutes Dutzend Rollen, spannt seinen Techniker Niall Cuddy mit ein, bittet einige Schüler als „Volunteers“ auf die Bühne und moderiert die Erklärungsrunden mit ihrem umfangreichen Hintergrundwissen und Faktencheck. Die Ausführungen reichen von einem Crashkurs zum Aufbau eines Theaterstücks zu Shakespeares Zeit und über die gesellschaftliche, politische und religiöse Situation vor 400 Jahren in England und Venedig, führt schließlich 2000 Jahre zurück, bis zur Entstehung des Christentums, dem „Beginn der Kreuzigungen und des Judenhasses“ mit seinem schrecklichen Höhepunkt im Zweiten Weltkrieg sowie der Nahostreise Papst Benedikt XVI vor 16 Jahren, mit dem Aufruf, den Antisemitismus zu überwinden.
Shylock als Statthalter für andere Außenseiter
Zur Sprache kommen die Diskrepanzen, die sich aus dem jüdischen Glaubensverständnis mit der Auslegung des direkten Wortlauts des Alten Testaments ergeben und der Interpretation des neuen Testaments nach christlichem Verständnis, die eng mit dem Urteilsspruch und Happy End des Theaterstücks verbunden sind. Ob fair oder unfair – da gehen die Meinungen des jungen Publikums an diesem Morgen auseinander und für beide Positionen findet Bale in Shakespeares Text auch gute Gründe. Mehr noch: in Shylocks berühmtem Monolog, indem er das Menschliche über die Religionen stellt, sieht Bale die klare Intention des Autors, beim Publikum Sympathie und Empathie für einen ausgegrenzten, durch Vorurteile gedemütigten Menschen zu wecken. So wird Shylock zum Statthalter für andere Menschen in vergleichbaren Situationen.
Minderheiten in Shakespeares Zeit, so erinnert Bale, seien Frauen und Katholiken gewesen. Doch auch heute gibt es überall auf der Welt Opfer von Vorurteilen, Spott, politischem Kalkül und gesellschaftlichem Zwang. Das, so meint Bale, der selbst Jude ist, mit aktuellem Blick auf Israel und Palästina, „macht das Theaterstück heute so wichtig und powerful“.
Termin
„The Merchant of Venice: Shylock“s Revenge“ Offene Veranstaltung: Donnerstag, 15. Mai, 19 Uhr Haus am Westbahnhof, Landau