Rheinpfalz Schüler lernen den politischen Alltag
«WALDFISCHBACH-BURGALBEN.» Im März werden aus den 31 Fraktionsmitgliedern der Mia, die im normalen Alltag Schüler der zehnten Klasse an der Integrierten Gesamtschule in Waldfischbach-Burgalben (IGS) sind, Schüler-Landtagsabgeordnete. Die Drucksache 34/2 des rheinland-pfälzischen Landtags liegt ihnen vor. Auf Original-Landtagspapier gedruckt, aus Mainz geschickt. Es ist die letzte Fraktionssitzung, um darüber abzustimmen, wie sich die Fraktion zu den Anträgen der übrigen Fraktionen stellt. Übers Wochenende war Zeit, sich einzulesen. Hat nicht jeder gemacht. Auch das Politikeralltag. Der erste Antrag wird verlesen. Die HIV-Prävention an Schulen verbessern, wird von der Fraktion der Realschule in Adenau gefordert und begründet. Mit Hinweisen auf Forschungs- und Umfrageergebnisse. Grundsätzlich kann sich die Mia-Fraktion dem Antrag anschließen, aber … Und genau um dieses Aber geht es. Hinterfragen, abwägen, verschiedene Positionen kennenlernen, Standpunkte einnehmen, um dann zu entscheiden. Demokratische Prozesse erfahren. Auch mal schmerzlich, wenn von anderen Fraktionen an einem guten oder gut gemeinten Antrag Schwachstellen aufgezeigt werden. HIV-Prävention in der Schule verbessern? „Wie war das bei euch im Biologie-Unterricht?“, fragt Lehrerin Kerstin Zarbel, die gemeinsam mit Kollegin Katrin Nix die Fraktion betreut, die sich seit Monaten wöchentlich trifft. Unterschiedlich, wird festgestellt. Manche haben das Thema behandelt, andere nicht. Tatsächlich: Das Thema HIV ist im Lehrplan nicht verpflichtend. „Könnte man im Lehrplan verankern“, wird von Fraktionsmitgliedern vorgeschlagen. Oder einen Aktionstag an der Schule einführen, etwa in Verbindung mit dem Christopher-Street-Day, an dem Schwule für ihre Rechte demonstrieren. „Aber wäre das nicht stigmatisierend?“, wird gefragt. Das HIV-Virus ist längst ein Problem, das alle Menschen angeht. Nächster Antrag. Jetzt steigt die Diskussionsfreude in der Fraktion. Dieses Thema betrifft alle Schüler. Stress bei Prüfungen, verstärkt dadurch, dass bestimmte Prüfungen – große Klassenarbeiten – mit hoher Gewichtung in die Endnote eingehen. Die Forderung der Fraktion vom Gymnasium in Neuwied lautet, die Bedeutung der schriftlichen Leistung zugunsten mündlicher Leistung zu reduzieren. Druck in der Schule, weil man die entscheidende Arbeit verhauen hat, klar, kennen auch die Mia-Fraktionsmitglieder. „Aber für viele Schüler ist es auch ein besonderer Druck, wenn sie mündlich stärker gefordert sind“, wird eingewandt. Stimmt, wird genickt. Die Grundproblematik wird gesehen. „Aber ändert der vorliegende Vorschlag wirklich etwas?“ Nein, am Problem, das Druck entstehen kann, ändert sich durch eine verschobene Gewichtung nichts, wird festgestellt. Was sich bestenfalls ändert, sind die Schüler, die es trifft. Also lautet die Frage: „Sollen wir eine Änderung am Antrag einbringen?“ Es wird diskutiert. 50:50-Verteilung? „Es bringt nichts, etwas am Antrag zu ändern“, sind sich David und Noah einig. „Also müssen wir den Antrag ablehnen.“ Dann soll das der Fraktion in Neuwied vorab mitgeteilt werden. Deren Zusatzforderung, die Medienkompetenz an Schulen zu stärken, könnte mitgetragen werden. Aber eigentlich ist es eine Wischiwaschi-Forderung. Der Hauptantrag ist das Problem. Das Stimmungsbild bleibt uneinheitlich. Es gibt keinen Fraktionszwang, sagt Lehrerin Nix. Wer für den Antrag ist, kann bei der Sitzung in Mainz dafür stimmen. Das ist im Politik-Alltag nicht immer so. „Spannend ist, dass man sich wirklich mit Fragen auseinandersetzen muss, erklären können muss, warum man etwas möchte“, sagt Cassandra Iwan. „Am Anfang dachte ich, das wird langweilig“, bekennt Celine Gast. Mittlerweile findet sie Politik spannend. Den Prozess, wie sich Anträge verschieben, weil bei der Vorbereitung neue Erkenntnisse gewonnen werden, hat die Mia-Fraktion erlebt. Ihre Ursprungsforderung, die an einer freiwilligen Abgabe des Führerscheins im Alter aufgehängt war, verschob sich zugunsten der Forderung nach mehr alternativen Mobilitätsangeboten. Wie wird ihr Antrag nun wohl von den übrigen Fraktionen gesehen?