Rheinpfalz Saunagruppe Kohl
Bevor die Wutz nicht geschlachtet war, ging die Tür nicht auf. Das bekannte Lied wurde in den 70er-Jahren fast jeden Samstag in einer Friesenheimer Sauna angestimmt. Mittendrin im Chor: der damalige Ministerpräsident und spätere Bundeskanzler Helmut Kohl und der Zweibrücker Josef Reich. Beide teilten nicht nur den Vornamen – Kohls zweiter Name ist Josef −, sondern auch die Liebe zum Schwitzen. Samstag für Samstag in der Saunagruppe Kohl.
Reich, heute pensioniert und für die CDU im Zweibrücker Stadtrat, unterrichtete damals in der Justizvollzugsanstalt Frankenthal und wohnte im Ludwigshafener Stadtteil Friesenheim. Von dort stammt auch der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der am Freitag starb. An die Zeit in der Vorderpfalz erinnert sich Reich gern. „Ich bin fast jeden Samstag nach Friesenheim ins Hallenbad und dort in die Sauna“, erzählt der Zweibrücker. Wenn an der Kasse Volker Eckert mit einem Kollegen Karten spielte, wusste Reich: Heute wird wieder gesungen. Denn der wie Reich aus Stambach stammende Eckert war nicht nur ein Schulfreund Reichs, sondern zugleich Polizist und Kohls Personenschützer. War Eckert da, war auch Kohl da, und die rund 20 Mann der Saunagruppe Kohl ölten schon mal die Stimmen. „Unser Ritual war wie folgt: Wenn alle in der Sauna waren, gab’s 14 Bollen Wasser, das mit Schnaps versetzt war, auf die Steine. Ausgemacht war, dass keiner die Sauna verlässt, bevor nicht jeder ein Lied gesungen hat“, berichtet Reich. Hört sich einfach an, war es aber nicht, „denn die 14 Bollen machten eine mörderische Hitze. Kohl hat das aber gut vertragen.“ Schlusslied war stets „Do werd die Wutz geschlacht“, das im Chor gesungen wurde. Danach ging die Tür auf. Was sich drinnen abgespielt hat, war laut Reich unspektakulär. „Über Politik wurde nicht geredet. Die war total ausgeblendet. Kohl war sehr umgänglich und hat sich verhalten wie ein ganz normaler Saunagast. Das war, als würde man mit einem Kumpel erzählen. Er ist nur aufgefallen, weil er größer als alle anderen war.“ Als sich Kohl 1976 aus Mainz verabschiedete und als Oppositionsführer in den Bundestag nach Bonn wechselte, fiel der Abschied von der Saunagruppe sehr pfälzisch aus. „Kohl hat einen ausgegeben und Leberwurst, Blutwurst und Schwartenmagen mitgebracht. Wie es sich gehört.“ An dem Tag wurde die Wutz also nicht nur geschlachtet, sondern auch gegessen. Reich hat Kohl auch als Bundeskanzler mehrmals getroffen, etwa Ende der 80er bei einem Vortrag Kohls vor Reichs Studentenverbindung in Oggersheim und beim Landesparteitag in Andernach. Damals hatte der Zweibrücker mangels Babysitter seine Kinder mitgenommen. „Die liefen dann im Präsidium herum. Das war ’ne Schau. Sowas kannte man nur von den Grünen.“ Reichs Tochter, damals sechs oder sieben Jahre und der korrekten Aussprache noch nicht mächtig, habe keine Scheu vor dem Kanzler gehabt. Von der heutigen Bundestagsabgeordneten Anita Schäfer angestiftet, habe sie gefragt: „Dibbst du mir ein Autogramm?“ Das habe sie bekommen − ganz ohne zu singen.