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Südpfälzer Künstler und ihre liebsten Weihnachtslieder
Luis Baltes
Wenn’s draußen kalt und stürmisch ist und das Herz schwer vom pandemischen Stress, dann kuschelt man sich gerne aufs Sofa und lässt die Glöcklein klingeln. Nicht so Luis Baltes. „Ich habe nur zwei Weihnachtssongs, die ich mir anhören kann, ohne den Ton abzudrehen“, sagt er. „Der eine ist ,Christmas in Hollis’ von Run-DMC. Der erste Weihnachtsrap überhaupt und bis heute ein Banger auf jeder X-Mas-Party.“
Schaut man sich das Video zum Song von Mitte der 80er-Jahre an, dann sieht man: Auch Gangstas lieben Elfen. Die Hip-Hop-Band aus Queens in New York zelebriert das Fest, wie es in dem Stadtteil Hollis gefeiert wird: mit Hähnchen, Reis und grünen Bohnen. Drumherum blinkt der ganze Kitsch, den amerikanische Weihnacht zu bieten hat. Und mitten drin die drei in Jogginganzügen und mit dicken Goldketten: auch sie bling bling. Und nur weil sie sich in dem Video so familiär zahm geben, hätten die Kollegen damit kommerziell so erfolgreich werden können, ist Baltes überzeugt.
„Ich freue mich immer, wenn mal was Neues im Radio läuft“, sagt der Sänger. Die sattsam bekannten Weihnachtssongs könne er nicht mehr hören. Viel Zeit zum Radiohören wird er auf der Fahrt haben, wenn er für Weihnachten von Hamburg in die Südpfalz kommen. Ein Teil seiner Familie lebt in Landau, ein anderer in München. „Das ist immer viel Logistik bei einer Patchwork-Familie“, sagt der 37-Jährige, der nach dem Gastspiel bei Fünf Sterne deluxe demnächst sein erstes Soloalbum herausbringen will.
Ach ja, und dann gibt es ja noch einen zweiten Song, den Luis Baltes den Südpfälzern ans Herz legen will: „South of Christmas“ von Slam. „Das ist ein sehr lustiges Mashup aus zwei Weihnachtsklassikern, das ich gerade erst entdeckt habe. Ich will davon nicht zu viel verraten, deswegen viel Spaß beim Suchen im Netz!“
Drangsal
Mit Englein und Posaunen hat es auch Drangsal nicht so sehr – eher mit roten Teufeln. Die hat er zum Markenzeichen seines noch jungen Albums „Exit Strategy“ gemacht. Am anderen Ende der Strippe in Berlin meldet er sich mit Max, seinem bürgerlichen Namen. Max Gruber ist in Herxheim aufgewachsen und freut sich schon sehr darauf, für die Festtage wieder nach Hause zu kommen. Dafür gehe er extra vorher in eine selbstverordnete Quarantäne. Zu den Festtagen kämen alle seine Freunde, die in Deutschland verstreut leben, wieder in der Südpfalz zusammen. Ganz sicher werde daheim dieser Artikel auf dem Tisch liegen. Seine Mutter bewahre ihm alle RHEINPFALZ-Ausgaben auf, in denen was über ihn steht.
Und was hält ein Künstler, der sich nach einem Bestattungsunternehmen nennt und in seinen Liedern gern auf morbide Art mit Tabubrüchen von Religion, Sex und Gewalt spielt, von der Zeit der Besinnlichkeit? „Ich bin schon ganz weihnachtlich gestimmt“, erzählt der 28-Jährige. Aber mit Kitsch könne er nichts anfangen. Seine Mutter schmücke zwar die Wohnung, aber eher subtil ohne Elfen und Engel. Er würde sich sogar wünschen, wenn der Baum mal ein bisschen länger stehen würde als nur vom 23. bis 27. Dezember, verrät der Musiker.
Sein liebstes Weihnachtslied sei „Fairytale of New York“ von der anglo-irischen Folk-Punk-Band Pogues von 1987, das er auch schon mal selbst auf der Bühne gesungen habe. Vor allem die verlebte Stimme von Shane MacGowan gefällt ihm. Im Text geht es um ein Pärchen, das sich an Weihnachten recht deftig streitet. In England und Irland sei der Song ein großer Hit gewesen, aber in jüngerer Zeit wegen eines politisch unkorrekten Kraftausdrucks auf dem Index.
Wave und Punk sind Drangsals Musik. Sie klingen auch in seinem gefeiertem Debütalbum „Harieschaim“ nach. Was der Mensch als Erstes liebe, daran halte er für immer fest, sagt er über sein Faible zur Musik der 1980er-Jahre. Doch wie schon bei seinen Folge-CDs „Zores“ und „Exit Strategy“ brauche er die künstlerische Kehrtwende, um nicht das Gefühl zu haben, sich selbst zu kopieren. „Das wäre Betrug an mir selbst.“ Deshalb werde es auch noch etwas dauern bis zur nächsten Platte. Die Musik müsse reifen, denn für sich als Künstler wünscht er sich Langlebigkeit. „Ich will so lange Musik machen können, wie ich möchte.“
Wer hofft, dieser Tage wieder ein Konzert mit Drangsal wie 2018 in der Landauer Kneipe Marock zu erleben, der wird enttäuscht. Das sei wegen Corona in diesem Winter zu schwer auf die Beine zu stellen, obwohl er sich schon habe boostern lassen, erzählt Max Gruber. Er werde sich in der Südpfalz bei Freunden eine Gitarre leihen und weiter an neuen Songs arbeiten. Vielleicht gibt es ja irgendwann auch mal ein Weihnachtsalbum von Drangsal – doch das sei was für später, wenn er älter sei. Die Smashing Pumpkins hatten vor drei Jahren mit einer solche Platten geliebäugelt – die hätte er gerne gehört.
Geld et Nelt
Gerd Kornmann und Niels Benken alias Geld et Nelt haben kein Lieblingsweihnachtslied, sagen sie. „Viele Weihnachtslieder haben sicher eine schöne Melodie, aber genau wie bei einem Pop-Hit, der in Dauerschleife gespielt wird, geht der Zauber verloren.“ Jedes Jahr um Weihnachten höre man die gleichen Lieder im Supermarkt, in Filmen oder auf Märkten in Chill-Out Versionen, im Country-Style oder gar im Metal-Gewand. „Noch dazu haut jeder einigermaßen bekannte Musiker noch mal eine Weihnachts-Platte raus, als müsste das auf einer Checkliste – zusammen mit Orchester-Platte und Akustik-Album – abgehakt werden.“
Rainer Engelhardt
Hawaii-Hemd und Blütenkette – wie passt das zum Fest? Die ganze Schlagzeuggruppe der Badischen Staatskapelle am Staatstheater in Karlsruhe hat sich damit ausstaffiert für ihr Türchen im Online-Adventskalenders und wünscht „Mele Kalikimaka“ – Frohe Weihnachten – mit pazifischem Hüftschwung. Einer von ihnen ist Rainer Engelhardt, der in Offenbach lebt und seit 1983 am Theater trommelt. Seit Oktober ist er zwar im Ruhestand. Doch für solche Projekte seiner Perkussionisten-Kollegen lässt er sich noch gerne einspannen.
Engelhardt hat ein Faible für jazzige, swingende Weihnachtssongs, von denen in den USA der 1950er- und 60er-Jahren viele herauskamen. So auch „Mele Kalikimaka“ von R. Alex Anderson, das von Bing Crosby und den Andrews Sisters 1950 eingespielt wurde. Solche Songs finden sich auch auf der CD „Jazzet Frohlocket“, die Engelhardt mit dem Opera Swing Quartet aufgenommen hat. 21 Jahre war er mit der Band neben dem Orchesterjob auf Tour.
Für das Weihnachtsprogramm hätten sie lange gestöbert, erzählt Engelhardt. „Da gibt es viel zu erzählen.“ Von Bing Crosby stamme auch der meistverkaufte Weihnachtssong aller Zeiten: „White Christmas“ von 1941 wurde 50 Millionen mal verkauft. Komponiert ist er von Irving Berlin, der erst 1989 mit 101 Jahren starb. Und nachdem die Urheberrechte 70 Jahre Bestand haben, dürfen sich die Erben noch bis 2059 an den Einnahmen freuen, erzählt Engelhardt.
Auf einen Festfavoriten möchte er sich nicht festlegen. Es gebe neben den sattsam bekannten noch so viele schöne Songs. In diesem Jahr steht bei ihm eben der hawaiianische Klassiker ganz oben. Schon vor Monaten haben sich die Pauker und Schlagzeuger des Orchesters auf die Suche nach einem Lied gemacht, das sich auch dafür eignet, ein paar Gags in das Video für den Adventskalender einzubauen.
Der Theaterfundus gibt einiges her, um die Band einzukleiden. Das öffnet Fantasien Tor und Türchen: Ist der Kugelgrill, auf dem jetzt die Ananas brutzelt, etwa derselbe, der in der Karlsruher Inszenierung von Wagners „Götterdämmerung“ auf der Bühne stand? Der Südseetraum der Staatskapellentrommler ist jedenfalls herrlich detailreich inklusive surfendem Weihnachtsmann und Limetten-Stunt ins Szene gesetzt. Engelhardts Hawaii-Outfit ist Original: mitgebracht 2012 aus Honolulu.
Im vergangenen Jahr sind die Perkussionisten als Cowboys aufgetreten – mit Teigrolle statt eines Schießeisens. Und 2019 haben sie sich in Elfen verwandelt. Die Videos finden sich noch alle auf Youtube.
Jochen Rieder
Als die Anfrage eintrudelt, sitzt der Dirigent Jochen Rieder bereits auf gepackten Koffern und im Grunde tatsächlich auch schon Richtung Christfest gestimmt. Seine Weihnachtstournee mit dem Weltklasse-Tenor Jonas Kaufmann und der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz über Mannheim, Düsseldorf, Hannover und Wien zitiert nahezu alles an melodienseliger Advents- und Weihnachtsliteratur.
„Wir haben dazu vor einem Jahr eine wunderbare CD eingespielt, aber corona-bedingt eben nicht live präsentieren können. In diesem Jahr klappt das weitgehend, auch wenn die verständlichen Absagen aus München und London schmerzen“, sagt Rieder. Er kommt aus Herxheim und ist nach einem Kapellmeisterstudium über die Opernhäuser Karlsruhe, Bremen und Zürich direkt aufs internationale Hochparkett gestartet.
„Die Musik an und um Weihnachten war für mich musikalisch immer die ergiebigste Zeit des Jahres und die, auf die ich mich am meisten freute“, erzählt der Stardirigent. „Als noch junger Chorleiter in der Südpfalz konnte ich nach den Sommerferien gar nicht früh genug mit dem Weihnachtsrepertoire anfangen.“ Was einer seiner Chorsänger einmal verschmitzt-wohlwollend so kommentierte: „De Woi isch noch nit im Keller, un mer singen schun Weihnachtslieder.“
Rieders Freude an der weihnachtlichen Musik hat bis heute nicht nachgelassen. „Ich höre eigentlich alles gern. Das Album mit Weihnachtsmusiken, vor zwei Jahren mit Jonas Kaufmann in Salzburg aufgenommen, war ein echtes Herzensprojekt.“ Es falle ihm nicht leicht, aus dem Riesenrepertoire einen Lieblingstitel zu benennen. „Aber Gänsehaut überkommt mich immer bei ,Es ist ein Ros’ entsprungen’ in Michael Praetorius’ schlichtem und doch so tief zu Herzen gehendem Satz, den Katholiken und Protestanten in vielen Ländern an Heiligabend singen.
Horst Christill
Horst Christill antwortet so spontan, wie es sicher viele seiner Kollegen tun würden: Er nennt das Leuchtfeuer des Genres, Bachs „Weihnachtsoratorium“. Christill ist seit 2019 hauptamtlicher Dekanatskantor im Bistum Speyer mit Dienstsitz an der Marienkirche Landau. Er hat ein besonders inniges Verhältnis zu zeitgenössischer Sakralliteratur, liebt Rhythmus und Besetzungen mit poppigem Charakter. „Freilich: Vieles ist da kurzlebig, überdauert kaum zwei Jahre; und kann, so betrüblich das ist, dem traditionellen Liedgut kaum Paroli bieten.“
Sein Favorit ist ein Adventslied, das auch Johannes Brahms zu einer seiner schönsten Motetten inspiriert hat: „O Heiland, reiß die Himmel auf“. Schon in der Kindheit habe ihn diese wunderbare eingängige Melodie fasziniert, erzählt Christill. „Sie transportiert unterschwellig den Text, der in den alten Versen uns heutigen Menschen ja oft unverständlich ist“, sagt Christill. In der ersten Kirchentonart Dorisch komponiert, mit dem poetischen Text von Friedrich Spee aus dem Jahr 1622, findet es sich in vielen Gesangbüchern, ist ein durch und durch ökumenisches Adventslied. „Und vielleicht auch deshalb mir persönlich so nah“, bekennt Christill.
Denn der Katholik, in Annweiler geboren und aufgewachsen, hat über den Umweg der evangelischen Kirchenmusik zu seiner heutigen Profession gefunden. „Ich konnte früh Klavier spielen und, gefördert durch den damaligen protestantischen Pfarrer Mann und den ersten Landeskirchenmusikdirektor Adolf Graf, auch schon mit zehn Jahren Orgel spielen. Der katholische Geistliche habe Angst gehabt, das Kind könne die Orgel kaputt machen. „Für die evangelische Kirche hatte ich dagegen schon im Alter von elf Jahren einen Schlüssel, konnte nach Herzenslust üben.“
Und nicht ohne Belustigung erzählt er, dass ihn der sehr wohlwollende Pfarrers eines Tages bat, er möge die Choräle – speziell bei Beerdigungen – nicht wie Tanzmusik klingen lassen. Das wiederum hatte mit der Hausmusik zu tun, die Vater Christill, der vorzüglich Geige, Klavier, Akkordeon spielte, mit ihm und seinen Brüdern pflegte. „Er kam halt aus der Popularmusik, und so klangen auch unsere häuslichen Weihnachtsmusiken.“
Matthias Fitting
Als Matthias Fitting im September sein Amt als Posaunenwart der Evangelischen Landeskirche antrat, dachte er unter der Sommersonne schon an Weihnachten. Denn mit dem Dienstsitz Landau verbindet sich auch die Pflege der lokalen Bläserensembles an der Stiftskirche, des mit fast 25 Bläsern üppig besetzten Posaunenchors und der zehn bis zwölf Nachwuchsbläser. „Und Weihnachten – das will gut vorbereitet werden. Das ist einfach unsere hohe Zeit“, sagt Fitting, der seit Anfang Dezember mit Frau und Kind auch in Landau wohnt.
Sein persönlicher Hit seit Kindertagen: „O du fröhliche“. „Es wird erst im Gottesdienst an Heiligabend und dann ganz als Letztes gesungen. Die Lichter im Kirchenschiff werden gelöscht, allein Altarkerzen und Weihnachtsbaum erhellen den Raum ganz sanft. Die Gemeinde braucht kein Liedblatt, der Text ist so bekannt. Und schon als Kind signalisierte mir das: Genau jetzt ist Weihnachten!“
Fitting liebt das ganz klassische Arrangement: Die erste Strophe singt die Gemeinde zusammen mit der Orgel, die zweite begleitet der Posaunenchor und zur dritten Strophe vereinen sich alle. Auch im elterlichen Pfarrhaus im hessischen Lauterbach sei nach den Gottesdiensten, wenn er mit Eltern und vier Geschwistern unterm Weihnachtsbaum zur Bescherung musizierte, dieses wunderbare, trotz seines hymnischen Gestus so frohe Lied für ihn die Krönung des Abends gewesen.
„Und jetzt setzt sich diese Tradition in der nächsten Generation auf bewegende Weise fort. Denn mittlerweile gibt es bei meinen und den Geschwistern meiner Frau viele Nichten und Neffen. Und als das so langsam begann, dass die Kleinen singen und mit einstimmen konnten, war das schlicht berührend“, schwärmt der Musiker. „Als ich das ,O du fröhliche’ vor ein paar Jahren zum ersten Mal am Weihnachtsabend von den kleinen Stimmen so inbrünstig und glockenhell gehört habe, sind mir wirklich die Tränen gekommen. Obwohl ich meine Emotionen sonst eher zurückhalte.“ Und in diesem Jahr stehen die Chancen ziemlich gut, dass die dreijährige Fitting-Tochter Wilhelmine schon kräftig mit einstimmt.
Madeleine Dietz
Sie hat etwas länger nachsinnen müssen, für welches Lied sie sich entscheiden soll. Doch dann fällt der Landauer Künstlerin Madeleine Dietz ein Weihnachtsfest vor 25 Jahren ein: „Ein großes Familienfest, auch meine Schwester mit Teenagern aus USA war mit dabei.“ Thema in der großen Runde waren die Rassendiskriminierung in den USA. Madeleine Dietz’ Schwester ist jung in die USA gegangen und hat einen Afroamerikaner geheiratet und ist als gemischtes Paar in ihrem weißen Wohnviertel genauso auf Ablehnung gestoßen wie unter Schwarzen. Vier Jahre vor diesem großen Weihnachtsfest 1996 waren in Los Angeles gewaltsame Unruhen losgebrochen. Der Anlass: Vier Polizisten waren freigesprochen worden, die wegen der Misshandlung des Afroamerikaners Rodney King angeklagt waren.
Während des Tischgesprächs erklingt auf einmal „Happy Xmas (War Is Over)“, ein Protestlied John Lennons gegen den Vietnamkrieg. Ihre jugendlichen Nichten und Neffen hatten ihre Plattensammlung durchstöbert und die LP aufgelegt. Die Hoffnung, die er besungen hat, rührt Madeleine Dietz heute noch. Nur leider hat sich Lennon getäuscht: Die Kriege sind noch lange nicht vorbei. Gerade heizt sich mit dem Ringen um die Ukraine wieder ein Krisenherd vor unserer Haustüre an. Und auch die Rassendiskriminierung in den USA treibt viele Menschen auf die Straßen. Wie singt Lennon: „Beenden wir doch den ganzen Kampf!“