Rheinpfalz Reifenwerk fährt 2015 Volllast

Rund um die Uhr, im Vierschichtsystem, wird im Homburger Reifenwerk von Michelin gearbeitet. Ab dem kommenden Jahr, nach fast einem Jahrzehnt erstmals wieder, in Volllast. Am saarpfälzischen Standort des französischen Reifenherstellers werden nach Angaben des Betriebsratsvorsitzenden Raymond Ott im nächsten Jahr 1350 Menschen Arbeit finden, 1200 dauerhaft. Michelin wirbt auch um Berufsnachwuchs.
„Wir haben schon und stellen noch verstärkt ein. Wir konnten viele neue Projekte für die Erstausstattung bei den Lkw- und Busherstellern gewinnen. Der Geschäftsplan sieht vor, dass Homburg 2015 nach vielen Jahren, wo wir das nicht erreichten, die Kapazitäten des Werks voll ausschöpft“, sagt Werksleiterin Lisa Janzen. Kapazitätsauslastung bedeutet: 3000 Neureifen am Tag, 1000 Runderneuerte für Nutzfahrzeuge, 1,5 Millionen Reifen Jahresproduktion. 45 Prozent gehen an Erstausstatter, ein Drittel in den außereuropäischen Export. Bei der Langen Nacht der Industrie, in der im Saarland wieder 1000 Menschen zwischen 18 und 23 Uhr in 20 Unternehmen unterwegs waren, sahen am Donnerstag 70 Besucher, darunter viele junge und Frauen, zwar nicht wie Brezel-, aber wie Reifenbacken geht. Die Michelin-Besucher wurden an einer brandneuen Anlage zur fast vollautomatischen Reifenfertigung vorbeigeführt. Die Anlage ermöglicht es, Kleinserien unterschiedlicher Modelle zu fertigen und so den Kundenwünschen auf individuelle Gestaltung der bis zu 70 Kilo schweren Pneus entgegenzukommen. Die Anlage gewährleiste kurze Rüstzeiten, sagt Janzen, ließ sich sonst aber nicht viel entlocken. Michelin lässt sie nicht fotografieren, macht keine Angaben zur Investitionssumme. Die Wettbewerber dürften ruhig neidisch sein, heißt es. Die Werksleiterin bestätigt nur, dass man einen zweistelligen Millionenbetrag jedes Jahr in Homburg investiere und große neue Investitionszusagen aus der Michelin-Zentrale in Clermont-Ferrand erhalten habe. Ein bedeutender Teil stecke in der neuen Anlage. In die Zukunft des Personals investiere Michelin mit Nachdruck. Die Ausbildungskapazität wurde nahezu verdoppelt. Statt acht Lehrlingen pro Jahrgang hat Michelin Homburg im September 14 eingestellt. 13 in den gewerblichen Ausbildungsgängen Industrie- und Zerspanungsmechaniker sowie Maschinen- und Anlagenführer, ein Lehrling zum Industriekaufmann. Der Altersschnitt der Belegschaft liege bei 44 Jahren, viele der Micheliner in Homburg seien über 55 Jahre alt. Das Projekt Verjüngung sei man systematisch angegangen. Laut Werksleitung richtet sich der Blick wieder geschärft auf das französische Gebiet hinter der Grenze. 55 Prozent der 1200 Beschäftigten der Stammbelegschaft sind Franzosen. Michelin begrüße es sehr, dass das Saarland erste Vereinbarungen mit Lothringen über grenzüberschreitende Ausbildung und Berufsabschlussanerkennungen geschlossen hat. So können Franzosen nun den betrieblichen Teil der Lehre in einem saarländischen Unternehmen machen und in Lothringen die Berufsschule besuchen. Weil die deutsche duale Ausbildung in Frankreich die Ausnahme ist, mussten viele Detailvereinbarung getroffen und auch die Kostenträgerschaft geklärt werden. Michelin hat noch keinen Azubi-Vertrag im neuen Modell geschlossen, „aber genau das wollen wir“, sagt die Werksleiterin. Die veränderte Lage auf dem Ausbildungsmarkt – weniger Schulabgänger, ein größerer Anteil Studierender – ruft bei Michelin Homburg aber noch keinen Bewerbermangel hervor. Für die 14 Verträge des Jahrgangs 2014 hatten sich 400 beworben. Die Lange Nacht der Industrie verschaffte den 70 Gästen vertiefte Einblicke. Etwa, dass noch erstaunlich viel Handanlegen nötig ist, bis so ein Reifen „steht“. Das Rezept fürs Pneubacken konnten sie mitnehmen. Man nehme Kautschuk, Ruß, viel Stahl und Gewebe, knete, walze, trage Schichten wie bei einem Baumkuchen auf, lege das Rohmaterial in einen Presse genannten Backofen (Michelin hat 116 davon), erhitze das Ganze auf 140 Grad und warte eine Dreiviertelstunde. Fertig ist so ein Michelin. (cps)