Kultur Südpfalz Raus aus dem Lügenhaus

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Das Bild einer Frau im Ringen um Erkenntnisse und Deutungen entwarf von der Lyrikerin und Theologin Dorothee Sölle der Religionswissenschaftler Wolfgang Pauly in einer Veranstaltung der Landauer Matineen im Alten Kaufhaus.

Sölle war seiner Darstellung nach ein Mensch, der den Menschen neben sich erreichen, der frei sein wollte für andere – und dies ohne Sozialromantik, aber mit kritischem Blick auf die Gesellschaft. Dabei folgte sie dem von ihr selbst gesetzten Lebensprinzip: „Liebesfähig zu werden, ist das Ziel des Lebens“. Sie habe herausführen wollen aus dem „Lügenhaus“ des gesellschaftlichen Lebens, die „Tochter befreien von der Mutter“, der Gefahr entgegentreten, „im falschen Leben zu leben“. Am Herzen lag ihr, „Erziehung abzuwaschen“, keinen Vorgaben des Lebens nachzueifern, sondern dem Leben selbst. Pauly schilderte zunächst den Lebenslauf Sölles: 1929 in Köln geboren als Tochter eines Professors für Arbeitsrecht, lebte die Familie in der Nazizeit zwar nicht mit offener Sympathie für das System, aber doch auch nicht dagegen. Die Jahre 1945 bis 1949 bedeuteten daher Unsicherheit, Rückzug und Ausweichen vor der Aufarbeitung sowie langsames Bewusstwerden der Katastrophe. Eine Biografin schildert Sölle als hochmütig, verlässlich, aber auch besserwisserisch, fragend und suchend. Zum „Erweckungserlebnis“ wurde ihr laut Pauly das Tagebuch der Anne Frank, das ihr offenbarte, was „Untertauchen“ bedeutet und in ihr die „Scham über mein Volk“ auslöste, „die sie brauchte“. 1949 begann Sölle, in Köln und Freiburg Philosophie zu studieren, auf der Suche nach anderen Formen des Lebens und der „Wahrheit“ auch Theologie in der Anhängerschaft eines „radikalen Christentums“. 1954 legte sie ihr Staatsexamen in Göttingen ab. Sie heiratete einen Maler, gebar drei Kinder, trennte sich aber von ihm 1965. Ihr Neuanfang danach war gekennzeichnet von einer eigenständigen Theologie „nach dem Tode Gottes“: Vor „neuen Antworten“ stand der „Bruch mit dem Seitherigen“, das hieß für sie, dass es „keinen Gott außerhalb des Unglücks gibt“. Zur „Vermittlungsfigur“ sei ihr dabei Jesus Christus geworden. 1968 wird für sie das Entscheidungsjahr für die Gesellschaftspolitik und 1969 das einer neuen Heirat mit dem vormaligen Mönch Fulbert Stefensky. Nach der Geburt einer Tochter habilitiert sich Sölle in Köln, erhält aber nie eine Professur an einer deutschen Universität und lebt bis 1987 in New York. 1972 wechselt sie nach Nordvietnam über, Chile besucht sie im Sommer 1978. Religiös sei sie nie gewesen, schließt Pauly aus ihrem Werdegang, Lebenskern sei ihr die Suche nach innerer Mitte in Meditation, Ruhe und Gebet geworden: „Sie wollte die Wahrheit wissen“, wollte ganz sein, nicht zerstückelt leben, heil und nicht zerstört. So wird sie zur gefragten Rednerin und Autorin, sensibel und verletzlich, aber auch hart im Verfechten ihres Standpunkts, endlich auch vielerseits anerkannt und gewürdigt mit Medaillen, Preisen; versehen auch mit Lehraufträgen, aber nie mit einer Festanstellung in akademischen Funktionen. 2003 erliegt sie in Bad Boll einem Herzinfarkt, und damit rundet sich das Lebensbild einer Persönlichkeit, für das ein aufgeschlossener Hörerkreis dem Vortragenden von Herzen dankte. (hd)

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