Eisenberg
Ramsen: Rotwild mit brauner Vergangenheit
Obwohl der Donnersbergkreis seit 65 Jahren rotwildfrei sei müsste, streifen im Stumpfwald nördlich der A 6 zwischen Hettenleidelheim und Enkenbach-Alsenborn noch immer Hirsche umher. Der Bestand scheint sich zu behaupten. Mit seiner Ansiedlung hatte unter anderem der damalige NS-Gauleiter Josef Bürckel zu tun.
Eigentlich dürfte es im Südteil des früheren Landkreises Kirchheimbolanden ja gar kein Rotwild mehr geben. Denn: Nach einem Beschluss des Landtags aus dem Jahr 1954 sollten die Rotwildreviere des Landes mit Rücksicht auf die Land- und Forstwirtschaft auf den Umfang des Standes von 1930 zurückgeführt werden. Demnach hätte das hier vorhandene Rotwild erlegt werden müssen, weil im Jahr 1930 dort kein Rotwild vorgekommen sei. Aber obwohl der Donnersbergkreis nunmehr seit 65 Jahren als rotwildfreies Gebiet ausgewiesen ist, ziehen im Stumpfwald nördlich der A 6 zwischen Hettenleidelheim und Enkenbach-Alsenborn noch immer Hirsche ihre Kreise. Kreisjagdmeister Klaus Weber spricht hier von einem Rotwildrestbestand. Dieser scheint sich aber trotz aller behördlichen Verordnungen zu behaupten, wie von Revierförster Klaus Schulte-Hubbert zu erfahren ist.
Die Annahme, dass vor 1931 im Stumpfwald, dem nördlichsten Ausläufer des Pfälzerwaldes, kein Rotwild vorgekommen sei, geht allerdings etwas an der Realität vorbei, wie aus einem in den Jahren 1951/52 angefertigten Untersuchungsbericht des Forstwissenschaftlers Hans-Bernhard Oloff über den Rot- und Muffelwildbestand im Pfälzerwald hervorgeht. In früheren Jahrhunderten, so Oloff, war Rotwild im gesamten Pfälzerwald Standwild. Erst die Umwälzungen nach der Französischen Revolution leiteten hier einen Wandel ein: Der Wildstand des Pfälzerwaldes, vor allem das Rotwild, sei – unter anderem auch durch legale und illegale Kugeln und Schrote der Bevölkerung - nahezu vernichtet worden; um die Mitte des 19. Jahrhunderts habe die Region als rotwildleer gegolten. Nach Oloff stelle der Pfälzerwald aber ein viel zu großes und unzugängliches Waldgebiet dar, um sichere Feststellungen darüber treffen zu können, ob nicht doch noch irgendwo kleine Rotwildbestände vorhanden waren. Diese zu hegen sei allerdings „Nicht wünschenswert!“ gewesen, wie aus dem Vermerk eines Regierungsreferenten aus dem Jahr 1875 hervorgeht.
Rotwild wurde oft wahllos erlegt
Im Übrigen habe es im Pfälzerwald und im Donnersbergmassiv als natürlichen geografischen Bindegliedern zwischen dem Soonwald und Hunsrück im Norden und den Vogesen im Süden immer Wanderbewegungen des Rotwildes gegeben. In all den Jahren bis zum Beginn der ersten Wiederansiedlungsmaßnahmen um 1928 bei Johanneskreuz durch die Oberforstmeister Rudolf Frieß und Wilhelm Ehrhard sei verschiedentlich Rotwild gespürt und auch mehr oder weniger wahllos erlegt worden. Oloff zitiert dazu den früheren Amtsvorstand des Forstamtsbezirks Ramsen, Forstmeister Zimmermann, wonach sich im Stumpfwald gelegentlich durchziehendes Rotwild versteckt habe, „das aber niemals länger … verblieben sei; ganz abgesehen davon, dass nach damaliger Gepflogenheit jedes Stück früher oder später nach seinem Auftauchen abgeschossen wurde“.
Da Rotwild keineswegs das Wohlwollen der damaligen Regierung fand, wurde der 1928 in Johanniskreuz errichtete 12 Hektar große „Hirschgarten“ als Anziehungspunkt für den Fremdenverkehr ausgegeben und in der Folgezeit jedes heimliche Aussetzen als nichtbeabsichtigtes Ausbrechen getarnt. Mit der vollständigen Öffnung des Gatters im Frühjahr 1936 war die Wiedereinbürgerungsperiode für Rotwild im Pfälzerwald abgeschlossen, so Oloff.
Unabhängig davon wurde 1931 am Modenbacherhof bei Edenkoben von den Ludwigshafener Industriellen Klaus und Kurt Raschig ein Privatgatter begründet. Aus diesem Gatter ausgebrochenes Rotwild habe sich mit aus dem Johanniskreuzer Hirschgarten stammenden Tieren vermischt. Das Wildgatter am Modenbacherhof wurde nach Kriegsende von den amerikanischen Besatzungstruppen geöffnet.
Josef Bürckel hatte Revier bei Ramsen gepachtet
Die Erfolge der Rotwild-Wiedereinbürgerung im Kerngebiet des Pfälzerwaldes hätten, so Oloff, den damaligen Amtsvorstand des Forstamtsbezirks Ramsen, Oberforstmeister Kempf, ermutigt, dasselbe auch im Stumpfwald zu versuchen. 1934 sei es Kempf gelungen, den in Neustadt/Weinstraße wohnenden NS-Gauleiter Josef Bürckel für diese Idee zu gewinnen. Bürckel hatte zu jener Zeit ein rund 750 Hektar großes Jagdrevier bei Ramsen gepachtet. Mit der Zustimmung des Gauleiters wurde im Winter 1936 im „Frauenwald“ ein 120 Hektar großes Gatter errichtet und darin zunächst Rotwild, später auch Muffelwild ausgesetzt. Für das Jahr 1940 wurden als Wildbestände mindestens sieben Stück Rotwild, 12 Mufflons, 20 bis 25 Wildschweine und eine nicht feststellbare Anzahl von Rehen angegeben.
Angesichts dieser Wilddichte sei es einerseits immer wieder zu Ausbruchsversuchen und andererseits zu horrenden Schäl- und Verbissschäden im Gatter gekommen. Im November 1942 wurde das Gatter aufgelöst und das sich darin befindliche Wild „in Freiheit gesetzt“. Es ist bemerkenswert, dass der im September 1944 unter bis heute nicht eindeutig geklärten Umständen gestorbene Bürckel hier selbst nie einen Hirsch erlegt habe. In dem auf der Gemarkung des Eisenberger Ortsteils Stauf 1937 fertiggestellten Jagdhaus „Lassmichinruh“ soll sich Bürckel oft mit Parteifreunden und Größen des NS-Regimes aufgehalten haben, unter ihnen auch „Reichsjägermeister“ Herrmann Göring. Das Jagdhaus befindet sich heute im Eigentum des Landes Rheinland-Pfalz und wird gegenwärtig vom Pächter des dortigen Jagdreviers genutzt.
Ramser Rotwild richtete viele Schäden an
Nach Oloffs Erkenntnissen richtete das Ramser Rotwild nach seiner Freilassung sowohl im Wald als auch auf den Feldern und Gärten der umliegenden Ortschaften erhebliche Schäden an. Allerdings konnte in dem nach Kriegsende von der französischen Besatzungsmacht als „Gouverneursjagd“ beschlagnahmten Forstamtsbezirk Ramsen „von einer planmäßigen jagdlichen Bewirtschaftung keine Rede sein, zumal da bis zum Sommer 1951 die deutschen Forstbeamten … von jeglicher Einflussnahme auf den Jagdbetrieb ausgeschaltet waren“. Die Empörung der bäuerlichen Bevölkerung über die ausufernden Wildschäden habe nicht selten zu Wilderei geführt.
Oloff kommt zu dem Fazit, dass der Forstamtsbezirk Ramsen nicht die Voraussetzungen für einen Rotwildhegebezirk biete. Ein restloser Rotwildabschuss in diesem Gebiet werde aber weder für erforderlich noch – mit Rücksicht auf einen in gewissem Umfang notwendigen Blutsaustausch zwischen den verschiedenen Rotwildgebieten - für zweckmäßig erachtet. Mit Blick auf die Grünbrücke bei Wattenheim geht Schulte-Hubbert davon aus, dass die Rotwildpopulation im Stumpfwald mit derzeit geschätzten 65 Individuen trotz intensiver Bejagung auch weiterhin bestehen bleibe: „Sie wird sich von selbst erhalten, gewollt oder nicht! “
Rosi Schilling, Sprecherin der BUND-Ortsgruppe Eisenberg, geht gerne im Stumpfwald spazieren. Sie hat dort selbst schon Hirsche beobachtet und setzt sich vehement für deren Daseinsberechtigung ein: „Im Sinne einer allseits gewünschten Artenvielfalt halten wir es für richtig, dem Rotwild im Stumpfwald eine gesicherte Zukunft zu geben.“