Kultur Südpfalz
Playlist aus der Redaktion mit Wumms fürs neue Jahr
Rezept für gute Laune: Schwamm drüber
So, jetzt wird alles besser. Das alte Jahr haben wir erfolgreich in die Tonne getreten. Schwamm drüber! Und das geht am besten mit dem „Schwamm-Drüber-Blues“ von Otto Waalkes. Sollte ich danach immer noch aufgestaute Lockdown-Frustration in mir spüren, lasse ich die mit einem herzlichen Gruß an alle, die mich gern haben oder gern haben können, raus: „Good Morning“, ein Song der Gruppe Blackfoot, der tatsächlich früh morgens und sehr, sehr laut gehört werden sollte. Ist mir jetzt immer noch nicht besser zumute, trete ich mit „The Unbroken“ aus dem Debauchery-Album „Germany’s Next Death Metal“ noch einmal kräftiger aufs Gaspedal oder träume mit Ulrik Remys „Die Kneipe“ von besseren Zeiten. Na denn, Prost aus dem Homeoffice. Hans Kraus
Lassen Sie es schmettern!
Was kann festlicher und nach dem ganzen Driss von 2020 zugleich auch aufbauender sein als ein Trompetenkonzert? Nicht dass ich von dieser Materie irgendeine Ahnung hätte - ein Kulturredakteur ist an mir nicht verloren gegangen –, aber einen Tipp hab’ ich halt doch: Ludwig Güttler geht immer, wenn Mutmachen und Aufbruch gefragt sind, egal, ob wir von Bach, Mozart, Händel oder Haydn sprechen. Den Dresdner kann auch hören, wer vielleicht sonst kein allzu großer Fan der klassischen Musik ist.
Güttler hab ich von meinem Vater geerbt, genauer: drei LPs aus den frühen 1980er-Jahren mit Musik des 1943 im Erzgebirge geborenen Virtuosen an der Trompete und dem Corno da Caccia. Letzteres ist mit Jagd- oder Waldhorn nur unvollständig übersetzt. Güttler hat jedenfalls mit einem Leipziger Instrumentenbauer eine eigene Version dieses vierventiligen Blechblasinstruments entwickelt, sozusagen eine Kreuzung mit der Trompete, und dieses Instrument hat ebenso wie die von Güttler gern gespielte Piccolotrompete den nötigen Wumms. Aufbruchstimmung hat der Musiker im Übrigen auch verbreitet, als er sich für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche einsetzte und zahlreiche Benefizkonzerte gab. Da ich Ihnen nicht gut meine Platten ausleihen kann, empfehle ich ein paar Kostproben auf Youtube. Die Auswahl ist groß. Blöd nur, dass zwischendrin immer der Landmaschinenhersteller Güttler wirbt. Anderseits: Mit Güttler im Ohr ackert es sich bestimmt auch ganz hervorragend. Sebastian Böckmann
Nichts gibt mehr Wumms als ein Schlagzeug
„Drums sind für mich das Wichtigste, der Herzschlag“, meint Joan Wasser, die Frau hinter der Band Joan as a Police Woman. Doch was uns vor allem durch diese Zeit retten kann, sind die Menschlichkeit und Lebensfreude, die ihre Lieder transportieren – ganz explizit. In „Human Condition“ hat sie eine Hymne auf das geschrieben, was uns im Moment am meisten fehlt: die Begegnung mit anderen Menschen. Den Fremden auf der Straße oder in der New Yorker U-Bahn einfach anlächeln – davon singt sie mit samtweicher und soulig melancholischer Altstimme: „I smile at strangers knowing it’s alright / When they smile right back at me / I know we agree / That good living requires smiling at strangers“. Dabei hält der unterkühlte Lounge-Groove den Song frei von Sentimentalität. Joan Wasser hat Anfang der 1990er-Jahre das Genre gewechselt: als Violinistin vom Boston Symphony Orchestra zur Indie-Rock-Band Dambuilders. Als ihr Freund, der Singer-Songwriter Jeff Buckley 1997 im Mississippi ertrinkt, wirft sein Tod sie aus der Bahn. Sie verdingt sich eine ganze Weile als Studio- und Tourmusikerin unter anderem für Antony And The Johnsons, Rufus Wainwright, Sheryl Crow und Lou Reed. Bis sie 2002 ihre eigene Band Joan as a Police Woman auf die Beine stellt. Für die ausgetüftelten Sounds ihrer Songs heuert sie immer wieder neue Musiker an. Allein fünf verschiedene Bassisten mischen bei ihrem dritten Album „The Deep Field“ mit, auf dem der Song „Human Condition“ erscheint. Und wer noch mehr Schwung braucht, dem sei ihre Up-Tempo-Nummer „Holy City“ vom Album „The Classic“ empfohlen oder dessen bluesig gründelnder Titelsong. Birgit Möthrath
Nichts gibt mehr Wumms als ein geiles Schlagzeug
Wie verabschiedet man denn am besten dieses Drecksjahr 2020? Richtig, mit einer Abrissbirne. Derzeit – also seit einigen Jahren stabil – ganz vorne in diesem Genre ist für mich „The Heaviest Matter Of The Universe“ der französischen Trendsetter Gojira. Die ersten Takte des phänomenalen Einstiegs verlocken den Hörer schon dazu, die eigene Wohnung mit einem Presslufthammer umzudekorieren. Auf ihn folgt eine Transition zum Hauptthema, die einem die Kinnlade bis auf die Tischplatte fallen lässt. Hielt man den Einstieg noch für brutal, fragt sich der Hörer unwillkürlich, wie zur Hölle eine Band noch heavier spielen soll. Herausragend sind dabei nicht nur die Komposition (vor allem die Transitionen), sondern auch die technische Perfektion, mit der die Truppe zu Werke geht. Gerade die Brüder Mario (was für ein unfassbarer Schlagzeuger!) und Joseph Duplantier (Gitarre) setzen Maßstäbe in puncto Timing, Präzision und Kreativität. Meine Lieblingsaufnahme gibt’s auf Youtube. Gespielt haben Gojira den Song am 17. Juli 2010 auf dem Vieilles Charrues Festival. Mit dem Stück kann man schön alle Aggressionen abbauen und frei von schlechter Laune in ein hoffentlich cooles 2021 starten. Falk Reimer
Das neue Jahr ruft nach großer Musik
Der Jahreswechsel ist für mich mit der wunderbaren Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ des Tschechen Antonín Dvorák verbunden. Seine 9. Sinfonie e-Moll op. 95 hat eine Urgewalt, der ich mich nicht entziehen kann. So muss das neue Jahr werden: verträumt und leise, bewegt und mächtig. Ich will die Pauken und Trompeten, aber auch die Streicher. Diese Musik erinnert mich an einen alten Freund, der sich schon als Jugendlicher der klassischen Musik und der Violine verschrieben hatte und aussah wie ein ungarischer Geiger. Umgeben von Vinyl hockten wir beide auf dem Boden vor dem Plattenspieler, als er mir seine Welt nahebrachte. Eine neue Welt für mich. Nun, Dvorák hat die Sinfonie nach einem dreijährigen Amerika-Aufenthalt komponiert. Für Trump-Amerika beginnt mit Joe Biden nun auch eine neue Welt. Sabine Schilling
Metal-Radau: auf die Sekunde genau
Wir starten jedes Mal mit ordentlich Wumms ins nächste Jahr, und zwar mit dem Song „Raining Blood“. Jeder hat so seine Tradition. Ein Kumpel von mir legt immer an Silvester den Film „Star Wars – A New Hope“ so getimed ein, dass um Mitternacht der Todesstern explodiert. Bei uns stellt mein Freund den Plattenspieler an, und der alte Slayer-Hit wird durchs Wohnzimmer geschmettert, sodass pünktlich um 24 Uhr der musikalische Donnerschlag durch den Raum erschallt. Er hat es tatsächlich auf die Sekunde geschafft. Ich war so gerührt. Ich stehe zwar mehr auf experimentellen Metal und nicht so auf den Altherren-Krach, aber zumindest in den ersten Minuten des Jahres kann man den Herren der Schöpfung ja mal die Illusion lassen, dass sie die Bestimmer wären. Und so peitschen alljährlich die Kult-Thrash-Metaller das Neujahr ein. Dazu legen wir einen Moshpit zwischen Sofa und Bücherregal aufs Parkett. Da bin ich immer gut mit dabei. Allerdings ist mein Part – zumindest bei der dritten Wiederholung – zu versuchen, die Lautstärke zu dimmen, um die Nachbarschaft nicht gänzlich gegen uns aufzubringen. Bisher war immer von Vorteil, dass die ganze Raketenböllerei vor der Tür so laut war, dass unser Metal-Radau nicht allzu viel auffiel. Doch dieses Jahr hat uns Corona in Sachen Nachbarschaftsfrieden einen Strich durch die Rechnung gemacht. Plötzlich gab's bis auf ein paar Restbestandsfeuerwerke kaum Lärm mehr von draußen, und die langhaarigen Kalifornier konnten ihre Kraft in voller Lautstärke durchs Haus entfalten. Ich sage an dieser Stelle schon mal: Schuldigung. Deswegen blieb’s diesmal auch bei einer Runde Wumms. Reduzierte Musik, reduziertes Feuerwerk, reduzierte Feiergemeinde, aber trotzdem genauso schön. Man muss ja nicht immer voll auf- und überdrehen, um Spaß an einer Sachen zu haben. Judith Hörle
Die Zukunft steht weit offen
Ich war 15 oder 16, in der Schule lief es gerade schlechter als so lala, und die Mädels waren für mich so unverständlich wie quadratische Gleichungen. Und daran hat sich auch nicht so viel geändert. Ich fuhr damals, das war Anfang der 2000er, täglich von meinem Heimatort Hayna nach Landau, und auf meinem MP3-Player (das war zu der Zeit der erste digitale Walkman, ziemlich angesagt) liefen Tom Petty & the Heartbreakers hoch und runter. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf die Jungs gestoßen bin, vielleicht lag es einfach daran, dass ich kein Heartbreaker war und mir der Name gefiel. Sicher gefielen mir die Texte, weil sie mir etwas vermittelten, was ich damals vielleicht brauchte: Zuversicht. Für mich klangen die Petty-Songs immer so: Hey Kleiner, die Girls beißen gerade nicht an, ja, und deine Gelfrisur ist womöglich auch nicht die beste Visitenkarte für den Mädelsmarkt, aber keine Sorge, irgendwann gehörst auch mal zu den Heartbreakern, und die anderen Jungs, die dir gerade die Show stehlen, die schauen dann neidisch auf dich, wenn du über den Schulhof gehst. Das Leben läuft ja meistens anders als man denkt, okay, die Gelfrisur ist schon verschwunden. Aber zum Glück noch nicht die Zuversicht, die mir die Lieder von Tom Petty und seinen Herzenbrechern hier und da schenken. Und ganz besonders mag ich diesen Song: „Into the Great Wide Open“. Da heißt es in einer Textzeile: „The future was wide open“ – die Zukunft stand weit offen. Gerade 2020 schien ja vieles ungewiss, dieses Virus hatte für viele die Zukunft verdunkelt. Aber wenn die Impfungen jetzt endlich laufen, dann ist da auch wieder Hoffnung, und wo Hoffnung ist, da ist Zukunft. Bei Tom Petty heißt es: „The sky was the limit“. Der Himmel war die Grenze. Wir kommen ihm wieder näher. Versprochen. Andreas Schlick
Das perfekte Jahresanfangslied
Die von mir seit Langem hochverehrte Kölner Band Erdmöbel veröffentlicht jedes Jahr zur Weihnachtszeit ein Jahresendlied. Hören Sie sich mal „Lametta“ von 2014 an – aber Vorsicht: Sie werden es vielleicht nicht wieder aus dem Ohr bekommen. Oder „Weihnachten ist mir doch egal“ von 2007, das tausendmal bessere „Last Christmas“. Halleluja. Kein Jahresend-, sondern ein Jahresanfangslied ist „Erster Erster“ vom fantastischen Album „Krokus“ aus dem Jahr 2010. Sänger Markus Berges und sein kongenialer Partner, der Multiinstrumentalist Ekimas, haben ein wunderbar schrulliges und eingängiges Stück verfasst, das die besondere Stimmung am Neujahrsmorgen perfekt trifft: „Ich bin vor mir da / Frohes neues Jahr!“ Hoffen wir, dass es ein Jahr wird, in dem auch diese Erdmöbel-Zeilen endlich wieder stimmen: „Mitten könnt’ ich durch / reißen mich vor Glück!“ Alles Gute! Nicole Sperk
Nach Glockengeläut Treppensteigen
Nachdem zu Beginn des Coronajahres 2020 die „Hells Bells“ von AC/DC erklangen, soll es nun im neuen Jahr aufwärts gehen oder, um es wie Led Zeppelin auszudrücken, auf die „Stairway to Heaven“. Dass dies zumindest zunächst mit dem gebührenden Abstand zu den anderen und nach den übrigen vertraut gewordenen Regeln geschieht, versteht sich, trotz mittlerweile, wenn auch noch nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehendem Impfstoff, von selbst. Michael Gottschalk