Billigheim-Ingenheim
Otfried Culmanns Straßenecke wie aus 1001 Nacht
Auswärtige Autofahrer, die auf der Raiffeisenstraße oder Gleisbergstraße durchs Dorf kurven, bremsen schon mal abrupt, wenn ihnen das Mauerkunstwerk ins Auge fällt. Aber die Mauer ist mehr als ein Geheimtipp. Brautpaare, auf der Suche nach einem schönen Fotomotiv, posieren vor den Mosaiken. Radfahrer machen Station und nehmen Platz auf der Bank, die zwar nicht bequem ist, aber umso spektakulärer: Ein großes maskenartiges Gesicht auf der Lehne betrachtet mit riesigen Augen starr und gelassen jeden Passanten, der sich nähert.
Wer Otfried Culmanns Kunst kennt, hat keinerlei Mühe, seine Handschrift auf diesem Plätzchen wiederzuerkennen: Porzellan- und Spiegelscherben, alte gemusterte Teller, Glasschälchen, in denen man früher Sülze aufbewahrt hat, fischförmige Backformen und allerlei Material von der Bauschuttdeponie sind zusammengefügt zu einem Mosaikwerk, das wie ein Märchen aus tausendundeiner Nacht wirkt. Dazwischen versammeln sich statuenhaft Gestalten, wie man sie auch von Culmanns Bildern kennt: Sie wirken, als wären sie nicht von dieser Welt. Selbst ein banaler Verteilerkasten ist mit Mosaikbemalung in das Gesamtkunstwerk einbezogen. Dorf-Art vom Schönsten.
Neugierde von Passanten groß
Die Geschichte der Billigheimer Mauer beginnt im Jahr 2012. Damals ging das angrenzende Grundstück nach dem Tod von Otfried Culmanns Mutter in seinen Besitz über. Der Zustand des kleinen Platzes an der Straßenkreuzung war ihm gleich ein Dorn im Auge: ein zusammengetretener Gartenzaun, struppige Hecken, eine einfache Gusseisenbank. Trotzdem: „Eigentlich ein schöner Ort. Das wär’ doch schön, wenn ich da was bau’,“ sagte sich der Künstler und fing gemeinsam mit seinen zwei Söhnen ohne große Umstände an, die L-förmige Wand zu mauern, die er mit Betonkugeln, kleinen Pyramiden und ausgedienten Druckausgleichsbehältern bekrönte. Dann wurden die Mosaiken komponiert, und die unscheinbare Straßenecke wurde märchenhaft und immer bunter.
Schon während der Bauzeit war die Neugier groß. Culmann schreibt in seinen 2020 erschienenen Memoiren: „Oft gab es Menschenansammlungen und Verkehrsstaus von Radfahrergruppen bis hin zu Rolls-Royce- und Sportwagenbesitzern, die das Gespräch mit mir suchten. Einmal hielt ein Autofahrer und erklärte seinem Sprössling auf mich deutend: „Siehst du, das ist der Herr Hundertwasser!“
Im Coronajahr großer Zulauf
Für Culmann war diese – im weitesten Sinn – Kunstkommunikation eine neue Erfahrung, arbeitet er doch normalerweise allein in seinem Atelier. Oder in seinem Garten. Der 2015 eröffnete „Traumgarten“ hinter dem Geburts- und Wohnhaus des Künstlers ähnelt im Stil dem Mauer-Kunst-Werk, ist aber viel, viel größer. Man könnte vermuten, dass Otfried Culmann auf dem kleinen Platz „geübt“ hat, um seine Traumarchitektur drei Jahre später in weit größerem Rahmen zu verwirklichen.
Stimmt aber nicht ganz, denn Teile der fantastischen Gartenkunst sind schon früher entstanden – nach und nach. Übrigens, so erzählt Culmann, war der in den Sommermonaten zugängliche Traumgarten im vergangenen Corona-Jahr so erfolgreich wie nie. Die Besucherzahl habe sich mehr als verdoppelt. Mit einem großen Bus sogar reiste der katholische Frauenverein Münster an und machte Station in Billigheim.
Eine Idee spukt dem Fantasten noch im Kopf herum: Er träumt davon, auf seinem Grundstück oberhalb des kleinen Platzes, am Abhang eines ehemaligen Wallgrabens, einen fantastischen Tempel zu bauen, von dem aus Wasserfälle herab in ein halbrundes Becken sprudeln sollen. Aber dieser Plan sei schwierig zu realisieren und liegt zurzeit noch auf Eis.