Rheinpfalz Miesauer Kirchenfenster kommen aus Südhessen

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Die Derix Glasstudios in Taunusstein lassen seit über 150 Jahren Glas zur Kunst werden, und zwar weltweit für kirchliche und weltliche Bauten. Derzeit fertigt der Weltmarktführer fünf Fenster für die evangelische Kirche in Miesau.

Was haben die taiwanesische Großstadt Kaohsiung und der eher beschauliche Ortsteil Miesau der westpfälzischen Doppelgemeinde Bruchmühlbach-Miesau gemeinsam? Über die U-Bahnstation „Formosa Boulevard“ in Kaohsiung spannt sich die größte Glasdecke der Welt: eine Explosion der Farben, akribisch durchdacht und mit modernster Technik umgesetzt – vom Glasbau-Unternehmen „Derix“ am anderen Ende der Welt im Ortsteil Wehen der südhessischen Stadt Taunusstein. Und ebendieses Unternehmen arbeitet derzeit auch an den extravaganten neuen Bleiglasfenstern der evangelischen Kirche von Miesau. Der Chef von Derix heißt Rainer Schmitt. Als Glasermeister, Glasbautechniker und Sachverständiger kennt er die Branche aus dem Effeff. Seit 2011 leitet er das Familienunternehmen gemeinsam mit Barbara Derix in fünfter Generation. „Wir arbeiten international mit Künstlern zusammen und tun alles, um ihre Vorstellungen zu realisieren“, sagt er. So wenig beeindruckend der Derix-Gebäudekomplex in Wehen von außen daherkommt, so erstaunlich ist nämlich, was hier seinen Ursprung nimmt und in aller Welt installiert wird. Glaskunst in sakralen und weltlichen Gebäuden, an Decken, Wänden, Fassaden – oder in Form von Fenstern. Seit über 58 Jahren arbeiten der Maler und Glaskünstler Johannes Schreiter und Derix schon zusammen. Schreiter hat in den Glasstudios seinen eigenen Raum. Und hier präsentiert er auch seine neueste Arbeit: fünf Bleiglasfenster für den Altarraum der evangelischen Kirche in Miesau, imposanter Ersatz für die Vorgänger, an denen der Zahn der Zeit genagt hat. „Da wir als Kirche auch einen kulturellen Auftrag haben, war es uns wichtig, die neuen Fenster mit Kunst zu verbinden“, erzählt Pfarrerin Ute Stoll-Rummel. Ersten Gesprächen und der Inspiration bei einem Besuch vor Ort in der Westpfalz folgten Entwürfe des Künstlers, in deren Mittelpunkt die Auferstehung und Kreuzigung Jesu stehen. „Zentrale Themen unseres Glaubens im Bild gebannt“, sagt Schreiter, der sich bei der Farbgebung dem Holzton der Kirchenausstattung angeschlossen hat, „um die Wärme und Geborgenheit, die sie ausstrahlt, zu erhalten.“ Gesteigert werde die Atmosphäre durch goldgelbe Glastöne, die den Eindruck von Licht und Festlichkeit in den Raum bringen sollen. Abstrakte Kompositionen aus klar gegliederten Flächen und himmelwärts strebenden Vertikalen, die aber dennoch nicht ohne Brüche auskommen. „Sie stehen für die Gefährdungen in unserem Leben, für das, was uns attackiert und irritiert und keine Welt göttlicher Ordnung ist“, sagt Schreiter. Eine Runde durch die Derix-Werkhallen ist wie eine Zeitreise durch die Geschichte der Glaskunst. Das Material, das hier im Zentrum steht, ist ebenso fragil wie hart. Glasscheiben reihen sich in Regalen aneinander. Im Rohzustand kommen sie aus der Glashütte Lamberts im bayerischen Waldsassen. Dort wird Glas nach alter Tradition mundgeblasen, „in Form von Zylindern, die anschließend aufgeschnitten und zu 60 mal 90 Zentimeter großen Scheiben glatt gebügelt werden“, erklärt Firmenchef Schmitt. In den hessischen Glasstudios werden sie weiterverarbeitet. Schneiden, brennen, ätzen, malen – was mit schlichten Worten auskommt, ist in Wirklichkeit ein hochdiffiziles Zusammenspiel von althergebrachter Handwerkskunst, modernster Technik und 75 Mitarbeitern, die viel Know-how und Erfahrung mitbringen. Den Nachwuchs bildet das Unternehmen selbst aus, zu Glasern und Glasmalern. In der Restauration, abseits der Geschäftigkeit in den Werkhallen, werden jahrhundertealte gläserne Kunstwerke vor dem Verfall gerettet. Mit Feingefühl und teilweise unterm Mikroskop werden alte Kirchenfenster mit Watte und speziellen Mittelchen gereinigt, gebrochenes Blei wird Stück für Stück nachgelötet, ein Sprung geklebt. „Das sind sehr sensible Dinge, die sich so nicht mehr herstellen lassen“, erklärt der Geschäftsführer. „Deshalb ist es ein Glück, dass sich die Restaurations-Ethik geändert hat. Früher hat man defekte Teile herausgenommen und durch neue ersetzt. Heute versucht man sie zu erhalten.“ Auch in den anderen Bereichen ist Sensibilität geboten. Eine versehentliche Bewegung, ein falscher Handgriff, schon könnte wertvolles Glas zu Bruch gehen. Deshalb werden selbst kleine Stücke aufgehoben, für den Fall, dass sie noch einmal nützlich sind. Es ist altes, geheimnisvoll erscheinendes Wissen, das die hessischen Experten Tag für Tag anwenden. Jeder ein Meister auf seinem Gebiet. Sie fühlen die Spannung von Glas, schneiden es zurecht, feilen die Kanten. Sie arbeiten mit 3500 Farben, per Airbrush oder Ätzen, Sandstrahlen, Sieb- oder Digitaldruck und durch Brennen in speziellen Öfen. Sechs Brennöfen stehen bereit – einer davon ist laut Derix der weltweit größte seiner Art. Darin wird bei Temperaturen von über 580 Grad Glas verformt, werden Farben und Strukturen ein- und aufgebracht. Hier gehen und gingen Künstler ein und aus wie Markus Lüpertz, Pop-Art-Ikone James Rizzi oder Guy Kemper, der die Fenster für die Gedächtniskirche am Ground Zero in New York entworfen hat. Und eben Johannes Schreiter – der nun in Sachen Miesauer Kirche am Werk ist. Vor der endgültigen Fertigstellung werden die Fenster nur mit Hartwachs auf die Unterlage gedrückt, damit sich jederzeit etwas ändern lässt, bis das perfekte Ergebnis erreicht ist. Schreiter überwacht jeden einzelnen Schritt und korrigiert, wo nötig. An seiner Seite ein festes Team, das den hohen Anforderungen gewachsen ist. „Wir sehen uns als Werkzeuge der Künstler“, sagt Firmenchef Schmitt. Eine Panne kann zu einem Wettlauf mit der Zeit werden, will die Glaskunst rechtzeitig an ihrem Platz sein. In Miesau sollen die fünf Schreiter-Fenster am Ostermontag in einem Gottesdienst mit Kirchenpräsident Christian Schad eingeweiht werden. Dann werden sie Zeugnis ablegen von einer Schaffensphase des Künstlers, die im Zeichen der Ruhe steht und „die schöpferische Qualität der Stille akzentuiert“. Damit die neuen Bleiglasfenster dauerhaft dem Wetter trotzen, schirmt sie eine thermische Schutzverglasung vor schädlichen Einflüssen ab. Sie stammt ebenfalls aus dem Hause Derix. Das ehrgeizige Projekt hat seinen Preis. Doch dank Spenden und Stiftungsgeldern – insgesamt 74.000 Euro – und dem Beitrag der Kirchengemeinde – noch mal 76.000 Euro – sind die Altarfenster so gut wie bezahlt. Für sechs Emporenfenster, die ebenfalls von Johannes Schreiter künstlerisch gestaltet und von Derix gefertigt werden sollen, fehlt es allerdings noch an Geld. Deshalb will sich die Kirchengemeinde an der Aktion Chrismon Gemeinde 2017 beteiligen, die in diesem Jahr zur Förderung besonderer Gemeindeprojekte 20.000 Euro bereitstellt. Das Geld würde helfen, der Kirche den letzten künstlerischen Schliff zu verleihen.

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