Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Lektionen aus der Zukunft: Das Bühnenstück „(R)Evolution“ in Landau

Im Stück „(R)Evolution – Eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert“ geht es um die Auswirkungen und Herausforderungen der
Im Stück »(R)Evolution – Eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert« geht es um die Auswirkungen und Herausforderungen der digitalen Revolution.

90 unterhaltsame Minuten lang wurde das Publikum in der Landauer Festhalle am Donnerstagabend ins Jahr 2043 gebeamt. Dort bekam es im Bühnenstück „(R)Evolution“ in der Inszenierung des Metropoltheaters München haarsträubende Einblicke in die zunehmend digitalisierte Welt des 21. Jahrhunderts.

2043 ist keine allzu utopische Jahreszahl, wenn es um unsere Zukunft geht. Die vielen jungen Leute in den Zuschauerreihen, die das intelligente Theaterstück und die sehr intensiv agierenden Schauspieler mit lauten Beifallsbekundungen belohnten, sind dann vielleicht noch nicht mal Großeltern. Aber wenn man Alecto (Judith Toth), der allwissenden, allgegenwärtigen humanoiden Künstlichen Intelligenz Glauben schenkt, dann wird sich die Menschheit, in den 20 Jahren, die uns vom Heute trennen, „stärker verändern als in den 500 Jahren zuvor.“ Und wenn man gar 200 Jahre vorausdenkt, wird „der Homo sapiens, wie wir ihn kennen, ausgestorben sein“.

Dieser revolutionär-evolutionäre Prozess hat eigentlich schon begonnen, und das Publikum wird – vor Handlungsbeginn – passend darauf hingewiesen, dass es mit im Saal installierten Kameras und in Sitzen eingelassenen Chips auf seine Emotionen und Reaktionen hin vermessen wird, um das Theaterstück seinem Gusto entsprechend zu optimieren. Dann kippt der große Spiegel auf der Bühne, in dem sich das Publikum bis zu diesem Moment selbst gesehen hat – und wird zur drehbaren Projektionsfläche für Alecto und die fünf Menschen, denen sie zu Diensten ist: René (Jakob Tögel) und Tatjana (Ina Meling) sind Eltern einer sechsjährigen, noch „naturbelassenen“ Tochter, und wünschen sich ein zweites Kind. Ihre Meinungen, ob das nun mit oder ohne „Erbgutoptimierung“ in eine immer stärker manipulierte Welt kommen soll, klaffen weit auseinander.

In klugen Dialogen und Monologen – etwa der ehemalige Waldorfschüler René vom Beginn der Unfreiheit des Menschen durch den Anbau von Weizen referiert – oder Tatjana den Segen gesunder Gene propagiert – wird deutlich, dass wir solchen Entscheidungsdilemmata und der damit verbundenen Verantwortung längst ausgeliefert sind. Ärzte, wie Dr. Stefan Frank (Hubert Schedlbauer), dürfen sich fast wie Gott fühlen, wenn sie ganz ohne Beteiligung der Natur, schöne Gesichter modellieren oder aus besten Genschnipseln interessante Idealwesen erschaffen. Aber mit dem eigenen Leben und ganz besonders mit dem Liebesleben hapert es bei Stefan dann doch noch.

Sex nur im virtuellen Raum

Dass sein Ehemann Ricky (Marc-Philipp Kochendörfer) nur noch im virtuellen Raum für fantasievollen Sexspielchen zu erreichen ist, aber jeden direkten Körperkontakt scheut, erfordert genau jene Paartherapie, die Alecto bereits vorausgesehen hatte. Weil sie von ihren Schützlingen ja schon zigtausende Daten gesammelt hat, weiß sie längst, dass Ricky ein „Trans“ ist – allerdings will er sich nicht in eine Frau, sondern in einen Chip verwandeln lassen, um dann mit Stefan völlig körperfrei auf einer Cloud den Lebensabend zu genießen. Solche Ideen, die reichlich gestreut sind, belohnt das Publikum mit befreitem Gelächter, während es fast bestürzt Anteil nimmt am Schicksal von Lana (Isabel Kott), die als Renés Ex so vereinsamt ist, dass sie ihre Alecto emotional vermenschlicht. Da denkt man sofort an die aktuellen Diskussionen zur Ethik in der Anwendung Künstlicher Intelligenz und die heiß diskutierte Frage, ob KI ein eigens Bewusstsein entwickeln kann.

Eine neue Weltmacht wird in Jochen Schölchs Inszenierung noch nicht heraufbeschworen und die handelnden Personen sind noch in unserer Gegenwart verwurzelt. Alecto trägt zwar den Namen einer griechischen Rachegöttin, und die Daten, die sie sammelt und auswertet, verleihen ihr (und dem Staat, den sie mit Informationen versorgt) zwar große manipulative Macht, aber sie hat noch keine völlige Kontrolle über Gedanken und Gefühle. Die Ambivalenzen, die sie als humanoider Roboter ausstrahlt, die Logik, mit der sie Fragen und Antworten generiert und den Spagat, den sie zwischen dem schon heute Realen und einer noch surreal anmutenden Zukunft vollführt, speisen sich aus Yuval Noah Hararis Bestseller „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“, den die Bühnenautoren Yael Ronen und Dimitrij Schaad als Inspiration für ihr Theaterstück nutzten. Vielleicht ist der Respekt vor dem Sachbuch aber auch der Grund für die etwas allzu didaktische Grundhaltung der Inszenierung, die ein Dutzend pointierter Szenen aneinanderreiht, trotz personeller Vernetzung der Protagonisten aber keine greifbare Handlung aufweist. Die schlaglichtartigen Einblicke in die digitalisierte Zukunft lassen das Publikum zwar smart unterhalten, aber ohne Erkenntnisgewinn nach Hause gehen.

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