Kultur Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Landau: Hogwarts an der Uni: Wie funktioniert Gamification?

Daniel Radcliff als Harry Potter im Film zu Band 5.
Daniel Radcliff als Harry Potter im Film zu Band 5. Foto: Warner Bros

Wenn Studenten schon über eine halbe Stunde vor dem Beginn eines Seminars erscheinen und beim Aufbauen helfen, dann ist klar: Etwas Besonderes ist im Gang. Diesmal hat Hogwarts, die Schule, an der Harry Potter lernt, gerufen. Nicht nach England, sondern an die Landauer Uni, in den Festsaal der Bürgerstraße.

Das Seminar „Hogwarts als schulische Lernumgebung?“ des promovierten Erziehungswissenschaftlers Michael Lenz befasst sich mit Gamificiation. Die Übersetzungen des englischen Begriffs holpern: Gamifizierung oder Spielifikation schlägt Google vor. Verspielung könnte man auch sagen. Wer gamifiziert, will aus Computerspielen bekannte Elemente nutzen, um die Motivation von Lernenden oder Mitarbeitern zu erhöhen, erklärt Lenz. Eingesetzt werden Erfahrungspunkte, Challenges, Quests oder Highscores, um die Menschen zu mehr Leistung anzustacheln.

Hier, im Landauer Zauberpalast, hat Lenz die Hogwarts-Häuser Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin gegründet und die Studenten darauf verteilt. Sie stehen in Konkurrenz zueinander. Zunächst habe er das Thema „Jedi“ gegen „Sith“ aus Krieg der Sterne wählen wollen. Doch ein Student habe Harry Potter vorgeschlagen. Lenz kam dies sinnvoll vor. „Es gibt wohl keinen Menschen in diesem Alter, der nicht zumindest eine Zeit lang Fan des Werks von Joanne K. Rowling war.“ Die Seminarstunde startet mit einem Video – die Besucher sollen aus der realen Uni-Welt in das Spiel eingeführt werden. Lenz hat die Bearbeitung von Greenscreen-Technik gelernt – er fliegt auf einem Besen, Harry Potter schießt ihm mit einem Quidditch-Ball vom Fluggefährt herunter. „Man muss sich auch selbst auf die Schippe nehmen können“, kommentiert Lenz.

Die Studis kriegen Erfahrungspunkte für Quests

Spiele in Lernumgebungen einzubinden, ist keine neue Idee. Lernspiele gibt’s ja schon beinahe eine Ewigkeit. Aber die Frage, ob Lernen als Spiel organisierbar ist, ist eine relativ neue. Sie wird laut Lenz in unterschiedlichen Ausprägungen schon seit 10 bis 20 Jahren in der Industrie als „gamification of learning“ untersucht. Was in der Industrie eingesetzt werden kann, kann auch auf die Schule übertragen werden. Dort heiße es immer, man müsse die Kinder dort abholen, wo sie stehen, erläutert Lenz. Junge Leute zockten verschiedenen Studien zufolge im Schnitt zwischen 10 und 15 Stunden pro Woche. Warum nicht dieses Spielinteresse nutzen?

Die jungen Leute müssen in Landau-Hogwarts noch einmal Untergruppen bilden. Erfahrungspunkte in Form von Stempeln gibt’s für Anwesenheit, besondere Aktionen und Ähnliches. Oder für die „klassischen“ Seminaraufgaben: Am ersten Mittwoch im Dezember präsentieren zwei Gruppen ihre Videos. Lenz – stilecht als zwielichtiger Lehrer Severus Snape verkleidet – und zwei der sieben freiwilligen studentischen Hilfskräfte bilden eine Jury, die gemäß den Noten in Harry Potters Schule bewerten. Keiner bekommt heute die schlechteste Bewertung, den Troll. „Ich will den immer mal hochhalten“, sagt Lenz, aber er habe bisher noch nie die Gelegenheit dazu gehabt.

Gamification kann zur Bloßstellung werden

„Gamification ist erstmal eine Methode und als solche wertneutral“, sagt Lenz. Man könne sie sinnvoll einsetzen, sinnlos – oder sie könne gar schädlich sein. Er verweist auf die Franchise-Kette Applebee’s. Dort gab es ein auf Verkäufen der Mitarbeiter basierendes Punktesystem – der Menschen wurden mit Klarnamen gelistet. So konnte nicht nur der Chef, sondern jeder sehen, wer gerade schlecht drauf war. „Eine Bloßstellung“, kommentiert Lenz. Manches funktioniere auch zu gut. Ein Beispiel: Zuckerkranke Kinder vermieden oft, den Blutzucker zu messen. Ein Pieks tut schließlich weh, dazu ist eine Nadel im Spiel. Es gebe eine App, die die Eingabe von Blutzuckerwerten mit Punkten honoriere. Erreicht der Nutzer eine gewisse Punktzahl, wird ein virtuelles Tier der Sammlung hinzugefügt. Das Resultat: Die Kinder haben sich viel zu häufig den Blutzucker gemessen, berichtet der Wissenschaftler.

Solche Effekte habe Lenz auch schon in der Landauer Uni beim Hogwarts-Seminar beobachtet. Eine Gruppe habe beispielsweise Verpflegung für alle mitgebracht, um Bonuspunkte zu erhalten. Das sei einfach zu viel gewesen, er habe darauf reagiert. Aber auch mit negativen Effekten wie Bloßstellung habe er sich befasst – und versuche, diese zu vermeiden. Im Seminar gibt es keine Klarnamen, bei Punktvergaben bleiben die Studierenden anonym.

In der Pfalz setzt beispielsweise das Speyerer Sea-Life Gamification ein. Für Kinder kann für 5,50 Euro das „Abenteuer-Paket“ dazu gebucht werden. Kleine Besucher sollen mit Spiel und Spaß Wissenswertes lernen können, verspricht das Aquarium. Es gibt eine Lupe, Schlüsselband und Sammelkarten dazu – gerade die Sammelkarten sind ein klarer Anreiz. Eine andere Variante der Karten sind die im Einzelhandel vielfach eingesetzten Treuepunkte. Auch hier wird gamifiziert. Viele Konzepte, die heute als Gamification bezeichnet werden, seien teilweise 40 Jahre alt, sagt Lenz.

„Bulimie-Lernen“ nicht das Ziel

Das Ganze ist für den Dozenten ein Riesenaufwand. Lenz produziert Videos, Artikel für den Tagespropheten, die Zeitung aus der Harry-Potter-Welt, dazu abgedrehte Hintergundstories. Alleine schon die Punktelisten zu führen sei ohne Digitalisierung und spezielle Programme nicht leistbar. Die Kosten dafür trägt Lenz. Aber was lernen die jungen Leute?

Was Lenz nicht will, ist „Bulimie-Lernen“. Die Studierenden sollen nicht Inhalte auf Prüfungen hin büffeln und diese dann direkt wieder vergessen. Ihm sei das Sammeln von Erfahrungen und die Kreativität wichtiger als die Inhalte. Natürlich werden auch diese transportiert. Es ist kein Spiel-und-Spaß-Seminar: In den Präsentationen und Videos der Studenten wird Wissen vermittelt. Eines befasst sich mit Rassismus, Rassenkunde und Eugenik in Hogwarts, ein anderes mit Heterogenität. Dazu müssen die Studenten lernen, was diese Phänomene sind und das Wissen auch anwenden können. Auch die Videoproduktion lernen sie, die angewandte Technik fließt in die Bewertung mit ein. Auch die Kreativität.

Eine weitere Aufgabe, die Anfang Dezember im Massenseminar – über 100 Teilnehmer – behandelt wird, ist klassische Textarbeit. Die Studenten sollten sich zu Hause mit einem Text auseinandersetzen, im Seminar kriegen sie dazu Fragen gestellt. Jede Frage muss auf einem DIN-A4-Blatt beantwortet werden. Abgabe ist per Luftpost. Die Abiturienten müssen Papierflieger basteln und diesen in einen Karton segeln lassen. „Gerade für angehende Grundschullehrer eine Chance, sich zu blamieren“, scherzt Lenz. Eigentlich eine einfache Hausaufgabenüberprüfung. Wer in den Karton trifft, bekommt extra Erfahrungspunkte. Gekicher allerorten.

Wenn die künftigen Lehrer in den Beruf kommen, sollen sie sich erinnern: Da gab es dieses Hogwarts-Seminar, wie haben wir das damals gelöst? So können sie auf Ideen kommen, wie Kinder besser zum Lernen motiviert werden.

Ralph Fiennes als Voldemort.
Ralph Fiennes als Voldemort. Foto: Warner Bros
Vorlesung an der Uni Landau.
Vorlesung an der Uni Landau. Foto: van
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