Kultur Südpfalz Klanggewaltiger Brahms

Das „Requiem“ von Johannes Brahms zählt längst zum festen Kanon eines jeden befähigten Oratorienchors. Mit einem Großaufgebot an Ausführenden – dem Oratorienchor Landau, dem „Ars Musica Chor Bensheim“ und der Kammerphilharmonie Weinheim – brachte Hans Jochen Braunstein am Samstag das Werk in der voll besetzten Stiftskirche zur Aufführung, gestaltet als machtvolles Klanggemälde.
„Ein Deutsches Requiem“ hatte der Protestant Brahms sein sechs-, später siebenteiliges Werk übertitelt. Folgt es doch weder dem katholischen Requiem-Ritual noch sonst einem vorgegebenen liturgischen Schema, sondern bündelt in freier Textwahl biblische Zitate aus Altem und Neuem Testament. Trost lautet die allumfassende Botschaft. Nicht die Toten sollen betrauert, sondern die Lebenden getröstet werden. Haupthandlungsträger ist der Chor, und was er in rund 50 Minuten abzuliefern hat, ist stimmlich wie atemtechnisch Hochleistungssport. Braunstein hatte seine Ensembles tadellos einstudiert; der Notentext saß, das Engagement war spür-, das Mühen um klare Deklamation und vokales Feuer unüberhörbar. Allein die Tatsache, dass vom Pult aus mehr als eine Hundertschaft – wohlgemerkt: an Laiensängern – im Fluss zu halten ist, gibt dem Erscheinungsbild ein ganz eigenes Gepräge. Stets hielt Braunstein mit großen Bewegungen sein Riesenensemble im Metrum. Eindrucksvolle Solo-Passagen lieferten zudem immer mal wieder die Altistinnen und Tenöre. Es ging klanggewaltig zu in diesem Brahms-Requiem. Braunstein schien die Fortissimo-Dome wie Reihenhäuser nebeneinander zu gruppieren. Schon das allererste „Selig sind“ posaunte wirkmächtig, keine „lieblichen Wohnungen“ wollten zu Beginn des vierten Satzes vor dem inneren Ohr erstehen, auch die fast mystische Atmosphäre des beginnenden sechsten Satzes mochte sich derart überbordend ausgeführt nicht einstellen. Die geradezu inflationäre Klangfülle ließ vor allem von der großartigen Fuge-Architektonik in Satz drei und sechs kaum mehr als ein vehementes Konglomerat an Phonstärken übrig. Ein Jammer! So wurde die Spannung des Dialogs zwischen Bariton und Chor vor der geradezu bühnenimmanenten Passage der „letzten Posaune“ preisgegeben, das Pulver schon vorab verschossen. Besser hätte sich Braunstein der Partiturvorgabe, die dem „Wir werden nicht alle entschlafen“ davor ein zweifaches Piano verordnet, und damit dem Mysterium Brahms’scher Dramaturgie anvertrauen sollen. Die ist oftmals hinterfragend, behutsam, milde. Hier indes wurde permanent klangmächtige, große Oper inszeniert. Was letztlich auch Auswirkungen auf die Intonation hatte, die zunehmend von Satz zu Satz gegenüber dem Orchesterfundament absackte. Im Schlusssatz wirkte die Chorgemeinschaft erschöpft. Von den beiden Solisten gefiel vor allem Veronica Wiedekind, die den wunderbaren fünften Satz zum Höhepunkt adelte. Mit großem, makellos durch alle Register geführtem und von inniger Wärme durchpulstem Sopran interpretierte sie das schlichte, gesangstechnisch jedoch hochanspruchsvolle Solo souverän und maximal nachdrücklich. Hier begleitete auch der Chor recht sorgsam. Das männliches Pendant, der Bariton Michael Roman, überzeugte nicht zuletzt durch sein schönes Höhenregister. Allerdings irritierten etwas die merkwürdig verfärbten Vokale. Die Kammerphilharmonie Weinheim empfahl sich als ein properes Ensemble von fabelhafter Disziplin und klanglich exquisitem Erscheinungsbild. Schon beim Eingangsstück brillierte die Orchestergemeinschaft, die seit 2011 unter der Leitung von Hans Jochen Braunstein arbeitet, mit einem musikalischen Erscheinungsbild, das Verve, Expressivität und Noblesse ebenso einschließt wie solo-taugliches Profil quer durch alle Stimmgruppen. Stellvertretend für alle eine tiefe Verbeugung vor der großartigen Blechbläserformation, beispielsweise den Hörnern.