Rheinpfalz Kirche fliegt in die Luft
Im Internet stellt sich der St. Wendeler Ortsteil vor als „Oberlinxweiler mit Herz & Charme“ – „Aber ohne Kirche“, könnte man bald hinzufügen. Denn das evangelische Gotteshaus soll im Sommer in die Luft gesprengt werden, wie die Kreisstadt jetzt mitteilte.
Die Kirche soll neuen Bauplätzen weichen. Zehn Plätze für Häuslebauer sollen auf dem Grundstück entstehen, heißt es in der Mitteilung der Kreisstadt. Dazu müssten das Hauptgebäude der Kirche sowie der 23 Meter hohe Turm gesprengt werden. Nachdem die Kirche bereits im November 2014 außer Dienst gestellt worden war und nur noch als Gemeindezentrum fungierte, hatte die Kreisstadt St. Wendel das Gelände im vergangenen Jahr gekauft. Die Kirche in Oberlinxweiler diente den evangelischen Christen des Ortes mehr als 50 Jahre als Gotteshaus. Ihr Grundstein war von der damaligen Kirchengemeinde Niederlinxweiler im Jahr 1961 gelegt worden, eingeweiht wurde sie ein Jahr später. Die Baukosten betrugen damals rund 500.000 Euro, berichtet der St. Wendeler Pfarrer Wolfgang Meyer. Finanziert worden sei der Bau auch durch Zuschüsse und Spenden von Gemeindemitgliedern. Die Gesamtkirchengemeinde St. Wendel, zu der neben Oberlinxweiler mit 560 Evangelischen auch Remmesweiler und Niederlinxweiler gehören, hatte das Gotteshaus aus Kostengründen aufgeben müssen. Der Pfarrer beziffert den damaligen Renovierungsstau auf 300.000 bis 400.000 Euro. Mehrere Jahre hatte sich das Presbyterium mit der Zukunft des Kirchengebäudes in der Eckenthalstraße befasst. Meyer: „Das war ein Prozess von zehn Jahren. Bis zur Entscheidung war das nicht einfach. Es hat auch Widerstand gegeben.“ Vor allem aber seien die Leute resigniert gewesen, „denn unsere Argumente konnte niemand entkräften“, sagt Meyer. Im November 2013 wurde die Aufgabe der Kirche beschlossen. Der letzte Gottesdienst fand am 9. November 2014 statt. Nun ist die Kirche endgültig bald Geschichte. Für Aufsehen sorgte bereits die Sprengung des Kirchturms im Ottweilerer Ortsteil Fürth im Jahr 2014. Und im gleichen Jahr wurde auch in Quierschied ein Kirchturm gesprengt, wie auf Internet-Videos zu sehen ist. Ansonsten kennt man Kirchensprengungen eher aus DDR-Zeiten. Auf Anordnung der SED wurden in der DDR rund 60 – beschädigte und intakte – Kirchenbauten gesprengt oder abgerissen. Allein Berlin war mit 17 gesprengten Kirchen betroffen. Anstatt das Gebäude mit schweren Maschinen abzureißen, plant die Stadtverwaltung eine Sprengung. Dadurch sollen längere Lärm- und Staubbelastungen eines herkömmlichen Abrisses für die Anwohner vermieden werden, argumentiert die Stadt. Die Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren. In einem ersten Schritt werde das Gotteshaus entkernt. Das heißt, alle Innenausstattungen wie Fenster, Türen, Zwischenwände und das Dach werden entfernt. Somit kann die Druckwelle der Sprengung entweichen. Ende April sollen Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) die drei Glocken aus dem Turm bergen – weil es eine Übung ist sogar ohne Kran. „Dabei sollen sie auch das Kreuz vom Turm nehmen“, bemerkt Pfarrer Meyer. Die Glocken werden der evangelischen Kirchengemeinde Uchtelfangen in der Gemeinde Illingen übergeben. Die eigentliche Sprengung soll während der Sommerferien erfolgen. In Absprache mit dem Ortsverband des THW wird die Kirche dann in wenigen Minuten in Schutt und Asche gelegt. Was die Sprengung kostet, ist derzeit noch unklar. Der Sprecher der Kreisstadt, Volker Schmidt, berichtet auf Nachfrage der RHEINPFALZ, dass die Ausschreibungen erst kommende Woche konkret würden. „Mehr als 100 Kräfte werden während der Sprengung im Einsatz sein“, kündigt Markus Tröster, Ortsbeauftragter des St. Wendeler THW an. Die Sprengexperten des THW könnten dabei auch für den Ernstfall üben, fügt Tröster hinzu. Die Kirchensprengung biete Gelegenheit, einen Lehrgang für Sprengstoff-Experten aus ganz Deutschland anzubieten. „Der Abriss in Oberlinxweiler eröffnet landesweit eine der wenigen Möglichkeiten, ein Gebäude dieser Größenordnung zu sprengen“, heißt es weiter. Über den genauen Ablauf der Sprengung wird die Kreisstadt am 15. Mai in der Oberlinxweiler Kulturscheune informieren. Die Uhrzeit wird noch bekanntgegeben.