Landau
Keramik an der Grenze des Machbaren in der Villa Streccius
Ob sie sich daran gewagt hätten, wenn sie von den Schwierigkeiten des Unterfangens vorher gewusst hätten? Im vergangenen Jahr wollte der Landauer Kunstverein eine groß angelegte Keramik-Präsentation zum Kultursommer-Motto „Nordlichter“ auf die Beine stellen. Eine besondere Schau mit besonderen Herausforderungen – allein schon wegen des Transports aus dem hohen Norden, für den eigens ein Unternehmen verpflichtet wurde, das die Künstler nacheinandern anfährt.
Dann kam Corona und brachte das Zeitmanagement zweimal gehörig durcheinander, erzählt die Kuratorin Karin Flurer-Brünger. Eine Künstlerin aus Schweden hatte wegen anderer Verpflichtungen ein Jahr später kein Zeitfenster mehr für die Landauer Ausstellung frei. Und zwei der geplanten zehn Aussteller sprangen ganz kurzfristig noch ab. Andrea Scholze aus Norwegen machte einen Rückzieher, als es an die Verpackung ihrer lebensgroßen keramische Figuren gehen sollte, weil sie fürchtete, dass sie auf dem Weg zerbrechen. Und die Dänin Tina Marie Bentsen sagte ganze zwei Wochen vor der Eröffnung ab, als sogar die Plakate längst gedruckt waren.
Verlorene Form der besonderen Art
Doch die Kuratorin hat mit ihren Verbindungen nicht nur spontan Ersatz gefunden, sondern mit Valda Podkalne aus Riga für einen Höhepunkt in der Villa Streccius gesorgt. Sie „liebe Architektur“, sagt sie im Gespräch vor Ort. In der Tat wirken einige ihrer Arbeiten wie räumliche Inkarnationen der konstruktivistischen Fantasien eines De Chirico.
Podkalne fertigt Verschalungen aus Gipskarton, in die sie Porzellanmasse gießt. Heraus kommen surreal verwinkelte Behausungen in glattem Biskuitporzellan. An manchen Stellen sind Nähte entstanden. Stopft sie die Form aber mit Holzwolle aus, verbrennt diese im Ofen, und es bleibt eine Craquelé, deren rissige Haut durch Einfärben noch stärker hervortritt. Bei einem Wandobjekt hat Podkalne die Holzwolle in Porzellan getränkt. Nachdem sie im Ofen verbrannt ist, bewahren nun feine Porzellan-Knäueln unter amorphen Platten die Erinnerung an die verlorene Form.
Porzellan ist wieder in
Durch die Absagen hat sich der Schwerpunkt der Ausstellung von Ton auf Porzellan verlagert. Verwundern muss das nicht, denn das weiße Gold ist unter Keramikern in den vergangenen zehn Jahren wieder sehr populär geworden, nachdem es in den 1970er- und 80er-Jahren einen ganz schweren Stand hatte, erzählt Flurer-Brünger. Es ist ein extrem schwieriger Werkstoff. Nicht nur wollen die Proportionen der beim Brennen schrumpfenden Masse kalkuliert sein, auch kann die Form jederzeit im Ofen kollabieren, und vor dem Brand ist sie extrem fragil. Im Zwinger von Dresden lassen sich einige verunglückte Stücke Meißener Meister früherer Epochen bestaunen.
Umso erstaunlicher sind die Dimensionen, die Tulla Elieson aus Norwegen ihren Wandbildern aus Porzellan verleiht. Die quadratischen Platten von etwas über einem Meter Kantenlänge scheinen mit ihrer monochromen Glasur jenes Dämmerlicht einzufangen, in dem Formen, aber keine Farben mehr zu erkennen sind – vielleicht sollen sie das Licht nordischer Nächte einfangen, in denen es nie wirklich dunkel wird. Auf einer Tafel meint man die Silhouette eines Menschen am Strand zu sehen, auf einer anderen vielleicht Wellen und die Kanten von Packeis.
Spektakuläre Installation
Sorgen um den Transport nach Landau hätte sich vielleicht am ehesten Anne Türn aus Estland machen können. Ihre Kombinationen von einer Art gewelltem Porzellangewebe mit aufrecht stehenden, grazilen Glasfäden sind jedoch heil in der Villa Streccius angekommen. Türn ist eigens aus Tallin anreist, um ihre große spektakuläre Installation aufzuhängen: Wie ein Windspiel aus leuchtenden Elfen schweben gekrümmte und durchlöcherte Tuben im Raum, aus denen lange Bündel Nylonfäden herausragen und das Licht fangen.
Aufwendig ist auch die Arbeit von Eugenia Loginova aus Lettland inszeniert: ein Strauß stilisierter Porzellanblüten zwischen zwei unnahbar wirkenden Figuren. In ihrer stylishen Pracht und dem goldenen Überschwang ist sie so etwas wie der Gegenpart zum schnörkellosen skandinavischen Design, und so passt die dekorative Arbeit gut in die stuckverzierte Rotunde im Obergeschoss der Villa Streccius.
Schnörkelloses Design des Nordens
Die Finnin Kirsi Kivirvirta ist bekannt für ihre mosaikartigen Reliefs. Zwischen rechteckige Plättchen aus Biskuitporzellan legt sie Tropfenformen ein. Der Betrachter darf eigenen Assoziationen nachhängen – sind das vielleicht vereinzelte Regentropfen auf von einer Dürre rissigen Boden? Die Tropfenform lässt sich auch in ihren plastischen Arbeiten wiederentdecken, wenn sich aus der Oberfläche eines hellblauen Zylinders ein Löffel herausschält.
Diese klaren Formen würde man am ehesten mit dem Stil des hohen Nordens assoziieren. Ebenso die großen, aber ausgesprochen grazilen Porzellanschalen in vorwiegend hellen Grau-, Blau- und Beige-Tönen von der Norwegerin Hanne Heuch. Auch sie wagt sich vor an die Grenzen des Materials, wenn sie die dünnen Wandungen ihrer Gefäße eindrückt, bis sie fast einfallen. Jetzt stehen sie hier in Reih und Glied, ein jedes mit dem ihr eigenen Schwung.
Daumenkino des eigenen Scheiterns
Was man aus den eigenen Fehlern machen kann, zeigt Rokas Dovydenas aus dem litauischen Vilnius mit seiner irdenen Installation. Immer, wenn ihm der Ton auf der Drehscheibe beim Hochziehen ins Eiern gerät, macht er aus der deformierten Form eine Art Röhre und glasiert sie hell. Zu kleinen Kaminen gestapelt, wirken sie nun wie die Dachlandschaft alter Häuser. Für Dovydenas sind sie so etwas wie ein Daumenkino seines Scheiterns, wie Bilder eines Films: ein jedes leicht anders als sein Vorgänger, erklärt er im Gespräch vor Ort.
Als echter Töpfer sieht sich Svein Narum aus Norwegen, der auch oft in Deidesheim arbeitet. Er habe sich lange mit der Tradition seiner Heimat befasst, in der es nur roten Ton gibt, der auf niedriger Temperatur gebrannt wird. Er liebe die Arbeit mit den Händen, das Urwüchsige des Holzfeuers. Inzwischen verzichte er sogar auf die Drehscheibe und bevorzuge den langsamen Aufbau von Gefäßen mit Tonwürsten – eine Technik, die schon Kindergartenkindern Spaß macht. Auf diese Art hat er ein sehr ungewöhnliches Objekt in Form eines Sacks gefertigt. Und auch eine fernöstlich wirkende kantige Form, die an ein Gefäß für Räucherstäbchen erinnert.
Ausstellung auf höchstem Niveau
Für seine Glasuren setzt Narum traditionelle Farben ein wie Kupfergrün und Eisengelb, wie sie sich auch auf der Täfelung alter deutscher Kachelöfen finden. Aber auch bei der Bemalung holt sich der Norweger Inspiration aus fernen Ländern. So wirken die mit großem Schwung gesetzten Pinselstriche wie japanische Tuschemalerei. Sie müsse auf Anhieb so sitzen, dass eine Spannung entstehe – über die Hälfte der Arbeiten schmeiße er daher weg, erzählt Narum.
Warum er allerdings die beiden an Gebrauchskeramik erinnernden Teller mit gelber Glasur in die Ausstellung gegeben hat, bleibt ein Rätsel. Sie wirken deplatziert in dieser fabelhaften Ausstellung auf höchstem Niveau, die selbst der rheinland-pfälzischen Kulturministerin Katharina Binz (Die Grünen) am Donnerstagabend einen Besuch Wert war. Auch die Vernissage war komplett ausgebucht.
Termin
„Durchs Feuer“, bis 26. September in der Landauer Villa Streccius: Di und Mi 17-20 Uhr sowie Do-So 14-17 Uhr.