Hirschthal RHEINPFALZ Plus Artikel Kein Arzt, keine Jobs, keine Kita: So ergeht es Pfälzern in einem Dorf am Ende der Welt

Beate Serbiné lebt bewusst und gerne in Hirschthal.
Beate Serbiné lebt bewusst und gerne in Hirschthal.

Vier Straßen, eine Brücke, kaum 80 Bewohner. Hirschthal in der Südwestpfalz ist deutschlandweit Letzter im Gemeindecheck. Ein Besuch bei Menschen, die das nicht stört.

Es hätte kaum besser laufen können, die Sache mit dem letzten Platz ist super – findet Uwe Großmann. Der Mann mit dem freundlichen Gesicht grinst. „Ganz ehrlich, ich sehe das total positiv“, sagt der Ortsbürgermeister der Gemeinde Hirschthal. Das Dorf in der Südwestpfalz, unmittelbar an der Grenze zu Frankreich gelegen, hat bundesweite Bekanntheit erlangt, weil es laut einer Erhebung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) die am schlechtesten versorgte Gemeinde in ganz Deutschland ist. Übersetzt bedeutet das: Laut des Zahlenwerks ist Hirschthal abgehängt, umgangssprachlich befindet sich hier „das Ende der Welt“.

„Aus zweierlei Gründen eine gute Sache“

„Das ist aus zweierlei Gesichtspunkten eine gute Sache“, sagt Großmann und muss wieder lachen. „Einerseits ist das Werbung für uns, ich wäre enttäuscht gewesen, wenn wir nur Vorletzter geworden wären.“ Hirschthal liegt mitten in einer beliebten Wandergegend und die Schlagzeilen sorgen für Aufmerksamkeit, und das könne schließlich immer helfen. „Andererseits werden durch die Erhebung gewisse Dinge deutlich“, sagt der Ortsbürgermeister.

Ortsbürgermeister Uwe Großmann findet Gefallen am ungewöhnlichen „Sieg“ der Gemeinde Hirschthal.
Ortsbürgermeister Uwe Großmann findet Gefallen am ungewöhnlichen »Sieg« der Gemeinde Hirschthal.

Fünf Bereiche werden untersucht

Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat alle 10.817 Gemeinden in Deutschland untersucht. Dabei wurden die Dörfer, Städtchen und Metropolen anhand der fünf Bereiche Digitales (Mobilfunkabdeckung, Breitbandverfügbarkeit), Gesundheit (Erreichbarkeit von Hausärzten, Krankenhäusern, Apotheken, Pflegeeinrichtungen), Mobilität (Qualität von Brücken, Verbindungen Schienenregionalverkehr, Anbindung an Autobahn und Flughafen), Freizeit (Erreichbarkeit von Schwimmbädern, Theatern, Museen) und Bildung (Erreichbarkeit von Grundschulen, weiterführende Schulen, Gymnasien, Versorgung mit Kitas) miteinander verglichen. Der „Gewinner“ ist die Gemeinde Haar in der Nähe von München, auf Platz 10.817 landet das Dorf in der Südwestpfalz.

Keine Schule, keine Kneipe, keine Jobs

Wer in der Stadt oder in einer urbanen Umgebung lebt, erschrickt womöglich angesichts der Lebensumstände der knapp über 80 Einwohner Hirschthals. Der Bus kommt nur acht Mal am Tag, es gibt keinen Supermarkt, keinen Kindergarten, keine Schule – weder Kneipe noch Kino. Jobs sind praktisch nicht vorhanden, die Menschen fahren nach Dahn, Pirmasens oder noch weiter, um zu arbeiten. Ortsbürgermeister Großmann hat dahingehend Glück, er arbeitet von zuhause. „Für die anderen ist es schwierig, klar“, sagt er in dem Wissen, dass es keine Arbeitsplätze um die Ecke gibt.

Der Bus kommt nur ein paar Mal am Tag nach Hirschthal.
Der Bus kommt nur ein paar Mal am Tag nach Hirschthal.
Die ärztliche Versorgung ist ein großes Problem für die Menschen in Hirschthal.
Die ärztliche Versorgung ist ein großes Problem für die Menschen in Hirschthal.
Kaum mehr als 80 Einwohner, letzer Platz im IW-Gemeindecheck: Hirschthal in der Südwestpfalz.
Kaum mehr als 80 Einwohner, letzer Platz im IW-Gemeindecheck: Hirschthal in der Südwestpfalz.
Am Wegesrand in Hirschthal stehen schöne Figuren. Touristen mögen die Gegend.
Am Wegesrand in Hirschthal stehen schöne Figuren. Touristen mögen die Gegend.
Am Dorfgemeinschaftshaus in Hirschthal werden Neuigkeiten verbreitet – und per WhatsApp.
Am Dorfgemeinschaftshaus in Hirschthal werden Neuigkeiten verbreitet – und per WhatsApp.
Nur ein paar hundert Meter hinter Hirschthal verläuft die Grenze zu Frankreich.
Nur ein paar hundert Meter hinter Hirschthal verläuft die Grenze zu Frankreich.

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Es gibt hingegen vier Straßen, einen Bach und eine kleine Brücke – und es gibt Menschen, die gerne hier wohnen. Einer statistischen Auswertung des IW und aller Dinge, die es vor Ort nicht gibt, zum Trotz.

„Ärztliche Versorgung ist ein Problem“

„Es fehlt trotzdem gefühlt nichts“, sagt Ortsbürgermeister Großmann. Nun ja, beinahe nichts. „Die ärztliche Versorgung ist ein Problem“, und das liegt nicht nur daran, dass überwiegend ältere Menschen im Dorf leben. Alle zwei Monate kommt der Arzt für einen Tag ins Dorfgemeinschaftshaus, dort können unter anderem Rezepte ausgestellt werden. Die nächste Praxis befindet sich in Bundenthal, eine knappe Viertelstunde mit dem Auto entfernt.

„Zuletzt ging es meiner Tochter nicht so gut, das war schon echt blöd“, berichtet Lena Traudt. Der Liebe wegen zog sie vor ein paar Monaten nach Hirschthal, jetzt ist sie dabei, sich einzuleben. „Wunderbar ruhig“ sei es hier, sagt sie. Die Tochter könne auf dem großzügigen Grundstück wunderbar spielen, Sandkasten und Klettergerüst stehen hinter dem Haus bereit. Das sind gute Voraussetzungen, auch wenn Traudt knapp 45 Minuten fahren muss, um ihren Arbeitsplatz in Pirmasens zu erreichen.

Wer hier lebt, hat sich arrangiert

Ihre Tochter wird bald drei Jahre alt, im Moment steht die Eingewöhnung in der Kita an. Die befindet sich in Schönau, dem nächsten Ort. Immerhin nur knapp zwei Kilometer entfernt. In ein paar Jahren werden die Strecken weiter, die Grundschule befindet sich knapp zehn Kilometer entfernt, die weiterführenden Schulen sind noch weiter weg. Spätestens da wird klar, dass ein Leben in Hirschthal ohne Auto kaum vorstellbar ist. Mobilität ohne eigenes Kfz gibt es nicht, den öffentlichen Nahverkehr kennen die Bewohner nur vom Hörensagen. Aber das findet in Hirschthal niemand schlimm, es ist Gewohnheit.

Wer hier lebt, hat sich damit arrangiert. Wer das nicht möchte, zieht weg. Wie André Schubert zum Beispiel. Er ist der Bruder des Lebensgefährten von Lena Traudt und in Hirschthal aufgewachsen. Ihn zog es früh hinaus, inzwischen lebt der 34-Jährige in Trier. „Mit 16 bin ich hier weg, weil ich eine Ausbildung begonnen habe“, sagt Schubert. Inzwischen kann er es sich nicht mehr vorstellen, dauerhaft in sein Heimatdorf zurückzukehren. „Ich möchte hier nicht mehr leben“, sagt er. An Wochenenden ist er gerne bei der Familie, aber sein Lebensmittelpunkt befindet sich jetzt in der Stadt.

Das Dorf ist ein Ruhepol

Die meisten Bewohner, die nicht wie Schubert irgendwann gegangen sind, haben sich bewusst für Hirschthal entschieden. Für die Ruhe, beziehungsweise für die „Entschleunigung“, die das Dorf bietet. Beate Serbiné empfindet ihr Leben hier so. Die 64-Jährige ist in Hirschthal aufgewachsen, hat in der Reisebranche gearbeitet, ist viel rumgekommen – und hat ihren Lebensmittelpunkt nie verlegt. „Dieses Dorf ist mein Ruhepol“, sagt sie.

Sie schätzt das Miteinander, die Fürsorge der Bewohner untereinander. So etwas gibt es nicht überall, vor allem nicht in größeren Gemeinden oder Städten. Die ärztliche Versorgung sei ein Manko, zweifellos, aber ansonsten fühle sie sich „überhaupt nicht abgeschnitten“. In jungen Jahren hatte sie eine Zeit lang eine Wohnung in Frankfurt, aber Hirschthal ist stets der Erstwohnsitz geblieben. Sie genießt die Ruhe und das Gefühl einer nachbarschaftlichen Großfamilie, die füreinander da ist.

Infos gibt es über die WhatsApp-Gruppe

Der Ortsbürgermeister hat eine WhatsApp-Gruppe erstellt, rund 80 Prozent der Bewohner gehören ihr an. Was wichtig ist, wird hier verkündet. Der Schaukasten am Dorfgemeinschaftshaus wird auch noch behängt, aber mittlerweile funktioniert das über WhatsApp besser. Der Handyempfang und die Internetstabilität sind ohnehin sehr gut – Hirschthal ist eben nicht von der Telekommunikation abgehängt. Auch wenn das Platz 10.817 im Gemeindecheck des IW vermuten lassen könnte.

Über die Schlagzeilen der vergangenen Tage können Ortsbürgermeister Großmann und viele Bewohner schmunzeln. Sie wissen, was sie in Hirschthal alles nicht haben. Aber sie wissen auch, welche Vorzüge das Leben hier hat – und die überwiegen für sie deutlich.

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