Kultur Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Karlsruhe: ZKM-Projekt forscht nach einem intelligenten Museum

Installation „YOU:R:CODE“ von Bernd Lintermann und Peter Weibel, die am ZKM-Hertz-Labor entwickelt wurde.
Installation »YOU:R:CODE« von Bernd Lintermann und Peter Weibel, die am ZKM-Hertz-Labor entwickelt wurde. Foto: ZKM/Felix Grünschloss

Wohin es ihn führen wird, weiß er selbst noch nicht so genau. Wer ahnt schon, auf welchem Stand die Technik in vier Jahren sein wird, wenn sich sein Forschungsprojekt dem Ziel nähert. Yannick Hofmann, Medienkünstler und stellvertretender Leiter des Hertz-Labors im ZKM, sucht das intelligente Museum.

So paradox das klingen mag: Dieser Weg soll wegführen vom elitären Museum als intellektueller Vergnügungsstätte hin zu einer demokratischeren Bildungseinrichtung. Yannick Hofmann sucht neue Wege musealer Kommunikation und Vermittlung mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) und dem sogenannten Deep Learning, das interaktiv auch das Besucherverhalten einbezieht.

Gefördert wird das Forschungs- und Entwicklungsprojekt mit 880.000 Euro, verteilt auf vier Jahre, durch den Fonds Digital der Bundeskulturstiftung. Das Gesamtvolumen beträgt 1,1 Millionen Euro. Beteiligt ist neben dem Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe das Deutsche Museum in München mit seiner künftigen Dependance namens Zukunftsmuseum in Nürnberg und das Fraunhofer Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB) in Karlsruhe.

So wird nun also auch das Museum Experimentierwiese für eine so umstrittene Technik wie das Tracking. Im Einsatz ist es seit einem Jahr am Mannheimer Bahnhof, wo eine Videoüberwachung selbstständig lernt, Verhaltensmuster zu deuten, um Straßenkriminalität zu verhindern. In China ist Gesichtserkennung bereits allgegenwärtig. Beides ging durch die Medien.

Aber was taugt so etwas im Museum? Hofmann nennt Beispiele, wie die konkrete Erfahrung eines Ausstellungsbesuchs verbessert werden kann. Zunächst einmal banale: So könnten Lautstärke und Licht passend zur aktuellen Besucherdichte geregelt oder Texte angepasst werden, wenn eine fremdsprachige Gruppe ins Museum strömt.

Schon weitreichender wäre der Einsatz von KI bei interaktiven Kunstwerken. Bereits jetzt sind im ZKM Installationen zu sehen, die auf Besucher reagieren wie die digitalen Pflanzen auf einem Monitor, die wachsen, je mehr man sich mit den realen Exemplaren davor beschäftigt. Oder Systeme, die Größe und Alter von Betrachtern taxieren. Solche Computerkunst würde mit ausgereifterer Technik besser funktionieren und sich nicht mehr so leicht von Störungen wie Lichtreflexen verwirren lassen. Die Technik zur Verarbeitung großer Datenmengen (Big Data) sei robuster geworden, sagt Hofmann, der auch am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) lehrt. Gespannt ist er auf die Neuerungen, die das Quanten-Computing noch bringt.

Es lassen sich jedoch durchaus tiefere Eingriffe vorstellen – auch Visionen einer Ausstellung, die aus dem Besucherverhalten lernt und sich selbst optimiert: So könnten Inhalte jugendfrei abgeändert werden, wenn Schülergruppen eine Ausstellung besuchen. Oder eine Führung könnte auf jeden Besucher individuell zugeschnitten werden, indem ihm durch Rückkopplungsschleifen nach den gescannten Vorlieben Inhalte vorgeschlagen werden. Das wäre dann schon ein KI-unterstütztes Ausstellungskonzept, eine rechnergestützte Kuratierung.

Das Ergebnis seines Projekts in vier Jahren könnte aber durchaus sein, dass ein menschlicher Kurator vorzuziehen sei, sagt Hofmann. Auf jeden Fall sollen am Ende Ausstellungen im ZKM und in Nürnberg stehen, die gerade für die Prozesse des Deep Learning im Alltag sensibilisieren sollen.

Entwickeln will der 31-Jährige das Projekt im Kollektiv, etwa auf Symposien und Klausuren, die Software-Entwicklern offen stehen. Ähnlich wie bei Linux kann bei dem Projekt mitmachen, wer bereit ist, seine Quellcodes öffentlich zu machen nach dem Prinzip des Open Source Publishing. Das sei eine Vorgabe des Bundes-Digitalfonds. Für die Kunst, in der ja viel über Urheberrecht gestritten wird und wo auch die Technik zur künstlerischen Handschrift gehört, würde das nicht weniger als einen Paradigmenwechsel bedeuten.

Mit kollektiven Projekten hat das ZKM bereits Erfahrungen. So hat es im vergangenen Jahr ein Projekt zum Komponieren auf einer Cloud-Computing-Plattform gegeben. Der Einsatz von KI in der Musik sorgt ja im Moment für viel Gesprächsstoff, da Beethovens Unvollendete zum Jubiläumsjahr mit Hilfe von Algorithmen vollendet wird. Dazu füttert ein internationales Team aus Musikwissenschaftlern und Komponisten, dem Pianisten Robert Levin und Computer-Experten den Rechner mit den skizzenhaften Entwürfen der zehnten Sinfonie und anderen Stücken. Daraus soll der Computer Beethovens Kompositionsvorlieben filtern und Wahrscheinlichkeiten errechnen, wie der Meister sein Werk fortgeführt hätte. Das Ergebnis wird im April in Bonn uraufgeführt.

Auch gab es am ZKM schon ein Projekt zur emotionalen Intelligenz. Im Mittelpunkt Fragen, wie sie schon die Science-Fiction-Reihe „Star Trek“ mit seinem Androiden Data aufgegriffen hat und die auch Alexa beschäftigen: die Schwierigkeiten einer KI, die Stimmungen seiner menschlichen Gegenüber zu deuten. Zum Thema Vertrautheit legten die Filmemacher Data ein nettes Apercu in den Mund: „Es ist, als hätte sich eine Feedbackschleife in meinem mnemonischen System verselbstständigt.“

Projektleiter Yannick Hofmann.
Projektleiter Yannick Hofmann. Foto: Fiona Siegel
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