Germersheim
Jenseits des Materials – Camill Leberer und Heiko Börner beim Kunstverein Germersheim
Es ist ein Glücksfall, dass der Germersheimer Kunstverein den international gefeierten Künstler Camill Leberer aus Stuttgart in die Südpfalz holen konnte. Und es zeugt vom Fingerspitzengefühl der Kuratorin Marita Mattheck, Leberer viel Raum für sein vielseitiges, auf keine Kunstgattung festgelegtes Œuvre im Zeughaus einzuräumen. Partner in der Duo-Ausstellung ist der Bildhauer Heiko Börner, der bei München lebt und ein Meister der Holzbearbeitung ist.
„Die meisten meiner Werke haben etwas Skulpturales“, erklärte Leberer bei einem Rundgang durch die Ausstellung. Tatsächlich gehört der Großteil der Arbeiten in Germersheim eher zum Bereich der Installationen, denn sie sind vielschichtig aufgebaut, bestehen auf einer Melange aus unterschiedlichen Materialien. Eisenplatten, rauh oder poliert, ersetzen bei Leberer die Leinwand. Dieser Werkstoff, zu Haken und Klemmen geformt, hält und schützt bei anderen Arbeiten ein weiteres von ihm favorisiertes, empfindliches Material. Es ist Glas in unterschiedlichen Stärken. Teils ist es durchsichtig gehalten, teils opak, häufig mit transparenter Farbe bestrichen. „Meine Arbeiten zeichnen sich zuerst einmal durch eine rationale, geometrisch-konstruktive Form aus“, so der Künstler weiter.
Beim näheren Hinsehen wird dies deutlich, denn das Glas wird bisweilen mit kleinen Zwischenräumen angeordnet, erhält durch die Farbe noch zusätzliche räumliche Tiefe, wirkt hin und wieder wie ein Prisma, das das natürliches Raumlicht als Kunstelement mit einbezieht. Die Strenge dieser Flächen durchbricht Camill Leberer immer wieder bewusst, dezent dosiert, mit individuellen, schwarzen Linien. Er weicht damit die rationale Wirkung auf, stellt den Betrachter geradezu vor ein Rätsel. „Schauen Sie“, leitet er regelrecht zur Bildbetrachtung an, „wenn Sie sich vor diesen Arbeiten von links nach rechts bewegen, verändert das Bild sein Aussehen.“ Es spielt mit der Wahrnehmung, verwandelt sich, löst einen sanften Zauber aus, weckt die Fantasie. Und bringt Bewegung in den statischen Raum. Dieser Effekt ist Lederer extrem wichtig, er provoziert mit dem Auftrag der von ihm selbst gemischten Farben, einmal vorne auf den Glasscheiben, dann wieder dahinter, und dem Anordnen seiner Glasschichten bewusst die räumliche Ausdehnung. Seine Lust am Spiel und am Verwirren von Auge und Denken des Kunstgenießers zeigt sich auch in seinen filigranen Zeichnungen und an einer kleinen Installation mit Lupe und Reiskorn. „Ich habe meine Arbeiten ganz bewusst mit viel Abstand zueinander gehängt, damit jede konzentriert für sich betrachtet und erlebt werden kann“, sagt er.
Heiko Börners Arbeiten wecken den Wunsch, sie anzufassen
Ein überwältigendes Kunsterlebnis verschaffen dazu die Skulpturen von Heiko Börner. Börner lernte das Handwerk der Holzbearbeitung von Grund auf. Zuerst absolvierte er eine Ausbildung zum Schreiner und schloss eine dreijährige Meisterschule an. Handwerklich bestens vorbereitet, ging er dann an die Kunstakademie in Wien. Ganz einfach beschreibt er seine Kunstwerke, die im ersten Moment fast sprachlos machen. „Ich möchte Zustände zeigen, keine Geschichten erzählen. Beim Betrachten sollen die Assoziationen frei fließen, deshalb gebe ich meinen Arbeiten auch keine Titel.“ Der Bildhauer lässt sich von der Natur inspirieren, lehnt sich an naturwissenschaftliche Vorgänge an, er greift Formen aus der Architektur und Geometrie auf. „Und ich spiele ausgiebig mit den Grenzen der Statik und der Balance.“
Was sich in Worten ausgedrückt eher kalkuliert, rational anhört, ist dem fertigen Kunstwerk auf den ersten Blick nicht anzusehen. Die Arbeiten, die Börner aus einem Holzstamm oder Stück herausarbeitet, wirken vielmehr wie in einer Momentaufnahme festgehaltene, spontane Lebendigkeit. Sie verströmen beinahe gefühlvolle Nähe und provozieren den unbändigen Wunsch, diese unglaubliche Gebilde anfassen, sie nicht nur optisch, sondern auch haptisch begreifen zu wollen. „Mit einer herkömmlichen Motorsäge beginne ich meine Arbeit“, beschreibt der Künstler seine Arbeitsschritte. Er lege so die grobe Form fest und welche Fläche eher glatt, welche Teile weiter bearbeitet, aufgerissen und in der Oberfläche zerfasert werden sollen.
Die Werkstücke liegen, stehen oder sind als Wandinstallation angelegt. Sie haben neben der Außenhaut auch oft ein sichtbares Inneres, es bereitet Freude, die großen Rauminstallationen zu umrunden, sie genau zu erkunden. Ganz unterschiedliche Hölzer wie Linde oder Eiche erhalten durch Börner ein neues Aussehen, ein zweites Leben. „Ich möchte, dass die Struktur und die Textur des Holzes, das, was in vielen Jahren gewachsen ist, in den Vordergrund tritt, deshalb behandele ich alle Arbeiten nur mit einer weißen Lasur.“ Einige so, dass sie auch im Außenbereich stehen können. Mit ein, zwei ergänzenden Zeichnungen zeigt der Bildhauer seine Vorgehensweise. Und erinnert damit sofort an die Skizzen, die Franz Bernhard, der 2013 verstorbene Bildhauer-Kollege aus Jockgrim, für seine Cortenstahl-Skulpturen anfertigte.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Grenzgänge“ ist bis 29. September im Zeughaus in Germersheim zu sehen. Öffnungszeiten: samstags von 15 Uhr bis 18 Uhr, sonntags von 14 Uhr bis 18 Uhr. Finissage am Sonntag, 29. September, 14 Uhr bis 18 Uhr, mit Kunst-Café und Künstlergesprächen.