Eisenberg Igel, Ortrud und jede Menge Spießer

Ihre Leidenschaft ist das Mittelalter: Britta Bachmann und Joerg Schifferstein in Gewändern des beginnenden 16. Jahrhunderts.
Ihre Leidenschaft ist das Mittelalter: Britta Bachmann und Joerg Schifferstein in Gewändern des beginnenden 16. Jahrhunderts.

Zinnknöpfe gießen, Gewänder nähen, mit dem mittelalterlichen Geschütz Ortrud auf Reisen gehen: Der Kerzenheimer Joerg Schifferstein und seine Frau Britta Bachmann haben ein ungewöhnliches Hobby – das Mittelalter. Am Wochenende tauchen sie beim Göllheimer Mittelaltermarkt wieder ein in die Welt vor gut 500 Jahren.

Igel kennt man als possierliche Nachtaktive, die bei Gefahr ihre Stacheln ausfahren. Aber: „Igel“, das ist auch eine Kampf- und Verteidigungsstellung mittelalterlicher Landsknechte. Die Stacheln sind hier bis zu fünf Meter lange Spieße, deren Träger einen martialischen Außenring bilden. Zwischen ihnen sind Schützen platziert. Was dahinter folgt, hat sich eingeigelt. Man wird so einen Igel, der nicht leicht zu formieren ist, auch beim Göllheimer „Mittelaltermarkt um 1500“ am Wochenende sehen können. Wobei der Begriff Markt mit seinen Händler- und Handwerkerständen nur einen Teil des zur 1200-Jahrfeier der Gemeinde ausgerichteten Spektakels beschreibt. Den aufregenden Part gestalten Mitglieder des „Bundes oberschwäbischer Landsknechte“. Sie knüpfen an den 1488 „zur Wahrung des Landfriedens“ gegründeten „Schwäbischen Bund“ an, der sich – unter anderem zur Niederschlagung der Bauern-Unruhen – dafür vieler Landsknechte bediente. Sie waren Vorläufer stehender Heere und viele von ihnen Spießer, also Träger von Stangenwaffen. Jedoch wie die übrigen Chargen einer hierarisch tief gestaffelten Söldnertruppe nicht militärisch grau, sondern farbenfroh gewandet. Die Hobby-Bündler folgen bei ihren Vorführungen – in Göllheim vor allem im Garten der Begegnung und an der Scheune Behlen, wo auch ein Teil von ihnen Quartier nimmt – strengen Regeln des Formierens und des Waffen-Gebrauchs. Auch Geschützdonner und Pulverrauch sind zu erwarten. Diese aber, so Organisator Joerg Schifferstein, sicherheitshalber im Werkhof der Verbandsgemeinde. „Wir wollen nicht unnötig Lärm machen und darum nur dreimal am Wochenende Schießvorführungen zeigen“, so Schifferstein. Schifferstein und seine Frau Britta Bachmann, beide in Kerzenheim zu Hause, haben die kürzeste Anreise. Ihre Rollen in der Heeres-Hierarchie sind fix: Beide sind Teil der Feldartillerie, er ist auch Chef am eigenen Geschütz. Die auf alten Kutschenrädern fahrbare Kanone heißt nach Schiffersteins Patentante Ortrud und ist ein funktionstüchtiger Eigenbau von 200 Kilo Gewicht. Ortrud ist behördlicherseits geprüft und zugelassen – das gab’s im Mittelalter sicher nicht. Der freie Journalist und RHEINPFALZ-Mitarbeiter, der das Göllheimer Event seit fast zwei Jahren vorbereitet, nimmt den Begriff „Authentizität“ nicht gern in den Mund. „Wir bemühen uns zwar um Originaltreue bis in Details, aber eine Zeitmaschine zurück ins Mittelalter können wir nicht anwerfen. Eines aber lehnen wir strikt ab: Klischees zu bedienen.“ Seit über 20 Jahren ist das Mittelalter Schiffersteins Hobby; angefangen hat er als „0-8-15-Topfhelmritter“. Von der nun freizeitfüllenden Begeisterung ließ sich Ehefrau Britta, kaufmännische Angestellte, schnell anstecken. Sie näht vor allem die Unter- und Obergewänder, von denen es inzwischen eine große Kollektion für Sommer wie Winter gibt, Schifferstein gießt die Zinnknöpfe dazu (sodass beide im Rollenspiel auch noch ein süddeutsches Gießer-Ehepaar verkörpern). Abends vorm Fernseher wird an mittelalterlichen Accessoires wie Ledertaschen, Gürteln und Strümpfen gebastelt. Außer den Schuhen ist fast alles Eigenbau und nach Vorlagen der Zeit gefertigt. Die übrigens nicht nur Historiker, sondern auch Künstler in Gemälden und Stichen überliefern. Gerade für die Zeit um 1500 gilt dies, den Spätherbst des Mittelalters. Nicht nur auf die Darbietungen in Göllheim freuen sich die beiden, sondern genauso auf das Wiedersehen mit Gleichgesinnten. Der Zusammenhalt sei groß, erzählen sie. Außer zu festen Mittelalter-Events der oberschwäbischen Landsknechte, deren weit entfernte Pfälzer „Außenposten“ die zwei Kerzenheimer sind, treffe man sich intern auch zu Vorträgen, Workshops, zum gemeinsamen Kochen nach mittelalterlichen Rezepten. Wobei es auch da nicht um verklärende Ritter-Romantik, die sprichwörtlich hinter sich geworfenen Knochen der Riesen-Haxe geht: „Wir kochen am offenen Feuer mit frischen Zutaten und ganz vielen Kräutern“, berichtet Britta. „Obwohl wir meistens weit fahren müssen, ist das ganze Wochenende pure Erholung“, sagt Joerg Schifferstein. Handy und Laptop bleiben aus. Dass auch in Göllheim Fähnlein – also Unterformationen eines Landsknechts-Regiments – gegeneinander kämpfen, tut der Freundschaft keinen Abbruch. Dafür haben sich die neuen Oberschwaben Regeln gesetzt. In ihrer „Gründtlichen Beschreibung der freyen und Landsknechtischen Kunst des Kampfes in der Formation“ heißt es: „Es ist das Ziel, unserem Gegner im Gefecht abends noch beim Bier ins Auge sehen zu können – nehmt ihn nicht zu hart ran.“ Wenn’s doch nur überall so zuginge auf der Welt ...

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