Rheinpfalz Guten Abend!
Mit fünf Jahren bin ich nach Heidelberg gekommen, mit 14 dann nach Paris gezogen. Natürlich kenne ich da die Pfalz. Mein Vater bezog seinen Wein zum Beispiel immer aus Deidesheim. Sie wurden in Tokio geboren. Wie gut können Sie Japanisch? Ich muss gestehen, dass ich gerade noch „Konichiwa“ sagen kann, aber nicht mehr. Als Kind habe ich jedoch fließend Japanisch gesprochen. Als wir nach Deutschland gegangen sind, war ich viereinhalb. Wenn man in dem Alter aufhört, eine Sprache zu sprechen, dann ist alles weg. Leider. Von Japan nach Heidelberg – warum? Es war so, dass nach Kriegsende, also 1947, alle Deutschen aus Asien, aus Japan und China, von den Amerikanern nach Deutschland gebracht wurden. Man nannte das Repatriierung. Da war die Frage: Wo gehen wir hin? Meine Eltern hatten zuvor in Berlin gewohnt, doch Berlin war zerstört. Mein Vater hatte einst in Heidelberg studiert, meine Mutter war dort Röntgenassistentin am Universitätsinstitut gewesen. Da haben meine Eltern gesagt: Gehen wir doch wieder nach Heidelberg. Ihren ersten journalistischen Beitrag hatten Sie mit gerade einmal 14 Jahren in der „Rhein-Neckar-Zeitung“. Es war so: Wir hatten zu Hause die „Rhein-Neckar-Zeitung“ abonniert. Und in der erschien am Wochenende immer eine Jugendseite, für die junge Leute geschrieben haben. Als wir von Heidelberg nach Paris gezogen sind, habe ich gedacht: Naja, dann schreib’ ich doch mal was über den Eiffelturm für die Jugend in Heidelberg, damit die weiß, was das ist. Danach habe ich zum Beispiel auch was über den Triumphbogen oder das Armeemuseum geschrieben. Ich fühlte mich da aber nicht als Journalist, sondern als Jungreporter. Sie sind Jurist. War Ihr Studium eine gute Wahl für den Einstieg in den Journalismus? Ich habe Jura studiert, weil ich damals keine Ahnung hatte, welche Berufe es gibt – außer Diplomat, weil mein Vater Diplomat war. Den Beruf fand ich eigentlich ganz spannend: Man sitzt im Büro in Paris, geht abends mit spannenden Leuten in Restaurants. Da hab’ ich gesagt: „Das ist doch ein guter Beruf!“ Voraussetzung dafür war damals ein Jurastudium. Also habe ich das getan. Aber ich habe Jura gehasst, muss ich sagen. Deswegen habe ich auch nur das erste Examen gemacht. Ich hatte das große Glück, ein Stipendium in Amerika zu bekommen. Als ich dann dort war, habe ich plötzlich gemerkt: Das Leben ist viel zu groß, es stehen einem viele Möglichkeiten offen. Da wollte ich nicht mehr Beamter in Deutschland werden. Das Studium habe ich dennoch fertig gemacht. Ich wusste dann aber nicht, was ich werden wollte. Journalist bin ich am Ende nur deswegen geworden, weil ich Geld verdienen musste und jemanden beim Hessischen Rundfunk kannte. Da dachte ich: Schreibste doch mal was für den. Und so bin ich in den Journalismus reingerutscht. Würden Sie jungen Leuten, die „irgendwas mit Medien“ machen wollen, empfehlen, Journalist zu werden? Wenn man Neugier als Gen in sich hat, wenn man gerne reist, auf fremde Leute zugeht, Neues lernen will, dann ist das ein wunderbarer Beruf. Aber: Man muss unglaublich viel arbeiten. Der Journalismus ist Handwerk. Und wie jedes Handwerk lernt man auch Journalismus nur durchs Machen. Ich bin der Meinung, dass heute viel zu wenige das Handwerk lernen, sondern sich nur da reinstürzen und sagen: „Ich will jetzt Moderator werden.“ Aber dafür sollte man eine journalistische Grundlage haben. Man muss ja wissen, was man sagt. Sie haben bis 1968 studiert, haben die Studentenruhen mitgekriegt. An der Uni in Landau wird zurzeit gestreikt, ein Hörsaal ist besetzt. Wie wichtig sind solche Studentenstreiks? Es gibt zu wenig Platz an der Uni, zu wenige Professoren, zu wenig Bücher in der Bibliothek – bei den ersten Streiks, die ich mitgemacht habe, ging es um genau das Gleiche wie in Landau. Ich war damals sehr aktiv, hatte mich sehr eingesetzt für die Diskussion über die Nazi-Vergangenheit der Uni Bonn, an der ich studiert habe. Ich bin der Meinung, dass es gut ist, wenn Studenten nicht nur klagen, sondern auch das demokratische Mittel Streik benutzen, um ihren Forderungen Nachdruck zu geben. Am Mittwoch werden Sie mit der Frank-Loeb-Gastprofessur der Uni Landau geehrt. Es wird nicht Ihre erste Auszeichnung sein. Ist das überhaupt noch etwas Besonderes? Natürlich ist das eine besondere Ehre. Es steckt ja ein Grund dahinter, weswegen ich die Professur bekomme. Eine Gastprofessur wird verliehen von einer Universität und ist nicht irgendein Medienpreis, den man erhält, weil man prominent ist. Es ist eine Auszeichnung, die man bekommt für das, was man getan hat. Das ist somit eine große Ehre. Ihre Festrede heißt „Macht und Verantwortung des Journalismus“. Waren Sie sich Ihrer Macht immer bewusst? Wenn ich nachdenke: nein! Es ist auch gut, wenn man als Journalist nicht denkt: Ich habe Macht und werde die jetzt ausüben. Als Journalist soll man in erster Linie aufklären. Diejenigen, die dann aufgeklärt sind, können anschließend darauf reagieren. Am Tag darauf, am 17. Dezember, halten Sie eine Vorlesung zum Thema „Deutschland und Frankreich“. Als ehemaliger Auslandskorrespondent in Paris und Frankreich-Experte: Unsere Nachbarn haben ja gerade extrem rechts gewählt. Ist Frankreich trotz dieses Wahlergebnisses immer noch ein Stück Heimat für Sie? Frankreich ist trotzdem ein Stück Heimat für mich. Ich bin gerade in Südfrankreich, verfolge die Wahl auch mit großem Interesse. Ich glaube, dass ich in meinem Vortrag da auch ein bisschen drauf eingehen sollte. Man darf ja nicht vergessen: Es gibt gewisse Interpretationen dieser Wahl. Es führt zu weit, das jetzt zu diskutieren. Es ist für mich aber auf jeden Fall nicht besorgniserregend, stimmt mich aber schon etwas nachdenklich. In einem Fernsehbeitrag haben Sie mal bewiesen, dass Frankreichs Autofahrer gar nicht so rücksichtslos am Steuer sind, indem sie einfach über die vielbefahrene Straße am Place de la Concorde in Paris liefen. Würden Sie das heute noch einmal tun? Das ist heute gar kein Problem mehr: Dort sind jetzt Ampeln. Sind die Franzosen mittlerweile rücksichtsloser geworden? Überhaupt nicht. Ich sage immer: Die Autofahrer sind vernünftig. Die sagen nicht „Ich habe Vorfahrt“, sondern „Da geht einer rüber, den darf ich jetzt nicht umfahren“. Man reagiert auf den anderen. Da sagt niemand: „Ich hab’ recht!“ Mit 70 sind Sie noch mal Vater geworden, von Zwillingen: Woher nehmen Sie die Zeit, Vorträge zu halten, Bücher zu schreiben und Interviews zu geben, wenn Sie doch eigentlich den inzwischen drei Jahre alten Kleinen das Dreiradfahren beibringen müssten? Also über Kinder rede ich nicht. Das ist bei mir tabu. Dann zu den Tagesthemen: Wie oft schauen Sie die? Immer, wenn ich kann. Und wie oft denken Sie dabei: Das hätte ich jetzt aber besser gemacht? Nie! Jede Moderation ist Ausdruck des jeweiligen Moderators. Als ich angefangen habe, habe ich von meinem Vorgänger Hans Joachim Friedrichs ein paar Moderationen genommen und übungsweise moderiert. Dabei habe ich festgestellt: Katastrophe! Das ging überhaupt gar nicht. Das waren seine Texte, in seinem Duktus geschrieben. Als ich die Texte umgeschrieben habe, ging’s. Jeder hat also eben seinen Duktus. Da kann man nicht sagen: „Das hätte ich jetzt aber besser gemacht.“ Vermissen Sie die Zeit? Ich habe das ja so lange gemacht, bis zum letzten Tag mit großem Vergnügen. Aber dann dachte ich mir, dass ich mal was anderes machen könnte, und habe mich auf das Schreiben von Büchern konzentriert. Herr Wickert, ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag und eine geruhsame Nacht. Danke, auch wenn das mit der Nacht noch ein bisschen früh ist.