Rheinpfalz „Geniale Volkspoesie“

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Dannstadt-Schauernheim (swz). Wochenlang hatte RHEINPFALZ-Redakteur Rolf Schlicher sich umgehört: bei Heimatvereinen, Mundartdichten, Zeitzeugen. Wer weiß etwas über den Tathergang, den das Lied schildert? Denn mindestens geht es in dem Text ja um Sachbeschädigung, wenn nicht gar um mehr: Mei Mudder hot en Gutselstand, do drowwe uff de Dannstadter Höh. Do kummt en Borsch mit em Stecke in de Hand und haat meiner Mudder uff de Gut- selstand. Hallihallo, Hallihallo, s’isch traurich awwer wohr: Im gaanze Land kän Gutselstand, wie meiner Mudder ihrer änner war. Das Ergebnis dieser Nachforschungen fasste Schlicher am vergangenen Samstag in dem Artikel „Mudders Gutselstand“ zusammen: Das Lied ist weit über den Entstehungsort Dannstadt-Schauernheim (Rhein-Pfalz-Kreis) bekannt, inzwischen ist es sogar in mehrere Sprachen übersetzt worden. Und womöglich gab es in den 1950-er Jahren in Dannstadt, als dort noch ein Bahnhof existierte, einen Stand, an dem BASF-Arbeiter bei der Heimfahrt kurz einen Schnaps tranken, bevor sie wieder auf den Zug aufsprangen. Doch war das der besungene Gutselstand? Und wer war der Borsch? Was der Grund für seine Zerstörungswut? Kaum war der Artikel erschienen, meldeten sich zahlreiche RHEINPFALZ-Leser zur Wort. Hier eine Auswahl ihrer Hinweise, Deutungen und Erklärungen: Der „Hewwel“ mit’m „Knewwel“ Rolf Schlicher habe ausgerechnet den historisch wichtigsten Teil des Liedes falsch wiedergegeben, moniert Ernst Sturm aus Neuhofen. Statt „Do kummt en Borsch mit em Stecke in de Hand“, heiße es korrekt: „Do kummt en Hewwel mit em Knewwel in de Hand“. Auch die Leser, die auf Facebook das Thema diskutierten, waren sich einig: Im Gutselstand drehe sich alles um „Hewwel“ und „Knewwel“. Aber warum? Ernst Sturm meint, der „Gutselstand“-Text sei ein Spottlied der Mutterstadter auf die Dannstadter „Hewwel“. Mutterstadt habe einst an zwei Handelsstraßen gelegen und sei zur Franzosenzeit Verwaltungssitz gewesen. „Die Mutterstadter fühlten sich als besser gestellte Leute und die Dannstadter waren in ihren Augen die ,Bauere uff de Höh – also die Bauernhewwel’“, sagt Sturm. Seine Großmutter, Jahrgang 1883, habe ihm erzählt, dass Dannstadter und Schauernheimer früher mit Knüppel (Knewwel) nach Mutterstadt zum Ostermarkt und zur Kerwe kamen und nach Alkoholgenuss Schlägereien angezettelt hätten. Zuhause in Dannstadt und Schauernheim habe es zur Kerwe sogar einmal eine 24 Stunden dauernde Wirtshausschlägerei gegeben. Sturm: „Wenn also auf der Dannstadter Kerwe ,en Hewwel mit soim Knewwel’ den Gutselstand einer Frau (vielleicht aus Mutterstadt?) demolierte, war das damals nichts Besonderes, aber wahrscheinlich eines Spottliedes wert.“ Dafür, dass es ein Hewwel, also ein starker Rabauke, gewesen sein muss, hat auch Stefan Wagner aus Ludwigshafen eine Erklärung: „Mal ehrlich, kann ein Borsch mit einem Stecke einen Gutselstand zerstören? Das ist ja fast noch ein Biewel.“ Der Augen- und Ohrenzeuge Winfried Seelinger, Leiter des Verbandsgemeindearchivs in Dannstadt-Schauernheim, hat sich in Dannstadt umgehört und im 78-jährigen Willi Becker einen Augen- und Ohrenzeugen der Entstehung des Liedes gefunden. Im Jahre 1948 oder 1949 sei es gewesen, als der damalige Geflügelzuchtverein einen Familienabend gefeiert habe. Ein Frankenthaler Musiker-Duo, so die Erinnerung Beckers, hatte da ein Lied gespielt, dessen Text lautete: „Meine Mutter hat einen Hühnerstall, dort droben auf der Dannstadter Höhe“. Wie Becker weiter berichtete, habe dann der Dannstadter Spenglermeister Otto Oberbeck – ein allseits bekanntes Original – den „Hühnerstall“ durch das Wort „Gutselstand“ ersetzt. Seelinger über sein Gespräch mit dem Augen- und Ohrenzeugen Becker: „Auf die Kernfrage, warum man einen (vielleicht alten?) Hühnerstall umhaut, konnte ich leider keine Antwort bekommen, aber auch heute noch strotzen viele Schlager nicht gerade mit intelligenten Texten, die für den Literaturpreis verdächtig sind.“ Arthur Oberbeck aus Rödersheim-Gronau erinnert sich so: Otto Oberbeck sei sein Großonkel gewesen, das Lied stamme tatsächlich von ihm. Erstmals habe er es 1951 im Dannstadter Gasthaus „Bug“ gesungen. Oberbeck und der Wirt hätten dafür extra einen kleinen Gutselstand gebaut: „Das war der Hit des Abends.“ Das Entstehungsjahr Glaubt man etlichen RHEINPFALZ-Lesern, ist das Lied freilich viel älter. Und die Geschichte der „Uraufführung“ um das Jahr 1951 wäre demnach zu hinterfragen. Wolfgang Hubach aus Haßloch schreibt: „Ich lernte den Text als Kind während des Krieges von meiner Urgroßmutter, diese war vor dem 1870er Krieg geboren und sie kannte das Lied bereits selbst von früher“. Auch Bernhard Dollerschell aus Rumbach glaubt, dass der „Gutselstand“ viel älter ist: „Es wurde schon von den Großeltern meiner Eltern gesungen, und die sind nun auch schon 80 Jahre alt.“ Die Intervention des Pfarrers Selbst wenn es stimmen sollte, dass die Dannstadter gerne bei Wirtshaus- und Kewerschlägereien den Knüppel geschwungen haben, eine richtige Erklärung für den Tathergang am Gutselstand liefert das nicht. Vielleicht lohnt doch der Blick auf jene Zeit, als von 1890 bis 1955 die Lokalbahn „Feuriger Elias“ von Ludwigshafen über Dannstadt und Hochdorf nach Meckenheim dampfte. Wenn Zahltag bei der BASF war, sollen die Aniliner in Dannstadt auf der Heimfahrt gerne für einen Schnaps am Bahnhof abgesprungen sein. Ein Leser meint: Der Pfarrer von Hochdorf sei damals immer wieder von den Frauen gedrängt worden, er solle endlich etwas dagegen tun, dass ihre Männer an jedem Zahltag nach Schnaps riechen würden und sich „so komisch“ verhielten. Als alles nichts geholfen habe, sei der Pfarrer schließlich schlagfertig zur Tat geschritten – an einem trüben Novemberabend kurz bevor der Feurige Elias im Nachbarort Dannstadt angedampft kam Die Verbreitung des Liedes Dass der „Gutselstand“ weit verbreitet ist, dafür liefern die RHEINPFALZ-Leser viele weitere Belege. Horst Bayer aus Dannstadt hat das Lied schon einmal auf einer österreichischen Skihütte gehört. Horst Braun kennt eine Schweizer Version: „Mei Mudder hor än Gutselstand, zu Basel uff de Brugg Die Schallplatte des Fahrlehrers Zum Bekanntheitsgrad des Liedes beigetragen hatte aber auch Klaus Schlachter, ein Fahrlehrer in Ludwigshafen-Oggersheim. Der hatte mit Freunden Ende der 1960-er Jahre den Song aufgenommen und auf Schallplatte pressen lassen. Diese Single bekam jeder, der bei ihm die Fahrprüfung bestand. RHEINPFALZ-Leser Georg Boudgoust: „Da ich sechs Geschwister hatte, war diese Schallplatte mehrfach in unserer Familie vorhanden. Als Kind habe ich die Platten meiner Geschwister rauf und runter gehört und so den Text bis heute behalten.“ Die Kraft der Bilder Auch der bekannte Pfälzer Mundartdichter Michael Bauer (Herxheim) hat sich zu Wort gemeldet. Wo der Text herkomme, wisse er zwar nicht, aber er sei ein „geniales Stück Volkspoesie“. Er setze Krieg und Frieden, Muttermilch und Testosteron, Süßigkeit und Heimeligkeit, Brutalität und Willkür in einfache Bilder um. Solche „Verbalkleinodien“ schliffen sich mit der Zeit ab, kristallisierten sich heraus und würden mit der Zeit immer besser, weil sie durch viele Volksmünder gingen, sagt Bauer. Alles nur eine süße Täuschung? Aber zum Schluss noch einmal die entscheidende Frage: Warum schlägt ein „Borsch“ – oder genau genommen ein „Hewwel“ – auf den Gutselstand? Was ist das Motiv? Sabine Karst aus Bad Dürkheim gibt zu bedenken, das in der Vorderpfalz „Gutsel“ eigentlich Marmelade bezeichne. Ein Marmeladenbrot sei ein Gutselbrot. Nach dem Ersten Weltkrieg habe ihr Opa, wenn er als Kind die Straße gefegt habe, zur Belohnung ein Gutselbrot von der Nachbarin bekommen. Sabine Karst: „Süßigkeiten waren sehr selten damals und deshalb vielleicht auch Ziel von bösen Buben mit Stecken!“ Hören wir noch einmal auf den Verbandsgemeindearchiv-Leiter Winfried Seelinger. Seine neusten Erkenntnisse sind für Fans dieses Liedes eher niederschmetternd: Alle von ihm befragten Einheimischen hätten gesagt, „in Dannstadt hat es noch nie einen Gutselstand gegeben, so wenig, wie es heute einen gibt“.

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