Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Gauthier Dance zeigt zur Eröffnung des Festivals Tanz Karlsruhe den neuen Trend

Hochenergetisch: „Contemporary Dance 2.0“ zeigt Gauthier Dance aus Stuttgart.
Hochenergetisch: »Contemporary Dance 2.0« zeigt Gauthier Dance aus Stuttgart.

Zum Auftakt des Festivals Tanz Karlsruhe hüllt sich der große Saal im Tollhaus in Nebel. Geheimnisvoll umwabert wartet das Publikum auf Gauthier Dance. Und dann geht es schlagartig los, der wummernde Beat setzt ein, und die vier Tänzerinnen und vier Tänzer toben über die Bühne.

„Contemporary Dance“ ist der neue angesagte Trend im modernen Tanz. Der in London lebende israelische Choreograf Hofesh Shechter hatte das Stück für seine eigene Junior Company geschaffen und wie immer selbst die elektronische Musik dazu komponiert. Seitdem ist seine Company damit international unterwegs.

Eric Gauthier hat das Stück für seine Stuttgarter Company seit zwei Jahren im Programm, mit großem Erfolg. Ein netter Nebeneffekt: Da es für acht Personen choreografiert wurde, Gauthier Dance aber aus 16 Tänzern besteht, können sie „Contemporary Dance“ an zwei Orten gleichzeitig tanzen. Zeitgleich zur Festivaleröffnung in Karlsruhe tanzte die andere Hälfte dasselbe Stück in Köln.

Das Stück verwandelt die Säle in dunkle Höhlen.
Das Stück verwandelt die Säle in dunkle Höhlen.

Ob Karlsruhe oder Köln, die Säle verwandeln sich in eine dunkle Höhle. Das Stück legt ein phänomenales Tempo vor. Der schnelle Beat, dessen Rhythmus an den des Herzschlags erinnert, treibt den Puls, während auf der Bühne gefeiert wird, was der Körper an Bewegung hergibt: mit einer unglaublichen Präzision und Intensität, welche die Tänzerinnen und Tänzer eine Stunde durchhalten, was für eine phänomenale Kondition spricht.

Wellenbewegungen, punktgenaue Akzente, rasante Schrittfolgen, dazu die vielen verschiedenen Arm- und Handbewegungen. Shechter hat aus vielen Stilarten Anleihen genommen und zu etwas Eigenem umgeformt. Es ist ein Wunder, wie sich die Tänzerinnen und Tänzer das alles merken können. Es wirkt ganz organisch und natürlich, wie sie sich zu einer dichten Gruppe zusammenballen, dann wieder auseinander streben, sich zu ein paar Schritten Paartanz oder einem kreisförmigen Reigen finden und wieder vereinzeln.

Typisch für Gauthier Dance: Die Tänzerinnen und Tänzer tragen Allagskleidung auf der Bühne.
Typisch für Gauthier Dance: Die Tänzerinnen und Tänzer tragen Allagskleidung auf der Bühne.

So würden Raver wohl gern tanzen, wenn sie so tanzen könnten wie echte Profis. Shechter hat dazu eine zurückhaltende, aber effektvolle Beleuchtung entworfen, die geschickt die Gruppe oder auch mal einen Einzelnen aus dem generellen Dunkel ins Licht rückt.

„Contemporary Dance“ ist in fünf Abschnitte unterteilt, deren Titel in einer ironischen Hommage an die Nummerngirls der 1920er-Jahre auf handbeschriebenen Pappkartons hochgehalten wurden. Da gab es zum Beispiel „Pop“, „With Feelings“ oder „Mother“. Am rasanten Tempo änderte das nichts. Aber es gab auch poetisch zarte Momente. Aus den in legeren Alltagsklamotten Tanzenden ragte optisch ein Tänzer in einer Art Schuluniform mit kurzer Hose heraus, der sich in „Mother“ sozusagen aus der Umklammerung befreite und alleine in den Hintergrund, in diesem Fall wohl die Eigenständigkeit, entschwand.

Eine Stunde hielt die Truppe die Präzision und Intensität aufrecht.
Eine Stunde hielt die Truppe die Präzision und Intensität aufrecht.

Völlig überraschend erklang Johann Sebastian Bachs ruhige „Air“ zwischen Shechters treibenden Beats. In seiner Choreografie ging Shechter nicht auf die langsam fließende barocke Musik ein. Trotzdem war es ein reizvoller, wenn auch in der Lautstärke übersteuerter Kontrast zum Dauerrave.

Ebenso überraschend kam die augenzwinkernde Hommage an einen anderen Klassiker. Zu „Part 5: The End“ wurde Frank Sinatras „My Way“ gespielt. Und ja, Shechters unverwechselbare Choreografie entspricht ganz der Aussage von Sinatras Song, er geht seinen eigenen Weg. Eric Gauthier, der im Tollhaus die Aufführung von „Contemporary Dance“ voll echter Begeisterung selbst angesagt hatte, kann sich in „My Way“ ebenfalls wiederfinden. Er hat aus dem Nichts eine Compagnie mit insgesamt 16 Mitgliedern geformt, die furios und leidenschaftlich tanzen. Der bleibende Eindruck dieser Festivaleröffnung ist ihnen zu verdanken. Hinter dem wilden, ungebändigt wirkenden Tanzrausch stehen Disziplin und Perfektion. Mit dem Stück jüngeres Publikum anzusprechen, das funktioniert aber wohl erst, wenn es länger gespielt wird und sich herumspricht. Im Tollhaus waren wieder gereiftere Semester versammelt.

Workshops zum Mitmachen

Bis zum 1. Dezember wird an verschiedenen Orten in Karlsruhe die Tanzkunst gefeiert. Und wer beim Auftritt von Gauthier Dance selbst Lust bekommen hat, sich mal so richtig auszuprobieren, kann bei Festival-Workshops mitmachen oder sich als Teil des Bewegungschors bei der Dagada Dance Company einklinken, die das Festivalfinale am 30. November und 1. Dezember gestaltet. Infos gibt es im Netz unter kulturzentrum-tempel.de.

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