Kultur Südpfalz Fließende Farbe und das Requiem für die Opfer des Terrors
„Con moto“ titelt eine breit gefächerte Ausstellung des Künstlers Flor Sumenho alias Rolf Ohnemus, die in der Galerie Christa Scheuer im Hofgut Holzmühle in Westheim zu erleben ist. Zeichnung, Malerei, Skulptur und Konzeptkunst vermischen sich hier mit Musik und Sprache und fordern die Besucher zum Dialog mit den Kunstwerken und daraus erwachsenden Diskursen mit jedermann auf.
„Farbe“ steht in breiten Lettern auf der weißen Tube, die von links oben diagonal in ein rabenschwarzes Nichts ragt. Aus der Tube allerdings quillt tatsächlich Farbe, die sich als wellenförmig aufgefächerter, regenbogenbunter Strom über die rechte Bilddiagonale ergießt. Der Titel der Ausstellung, „Con moto“ passt gut zu diesem Bild. Der Begriff aus der Musik bedeutet „mit Bewegung“, und hier sieht man nicht nur die sich wie ein Lavastrom ausbreitende Farbpalette, man spürt zugleich die unsichtbare Hand des Künstlers, der kraftvoll und energisch auf die Tube drückt, um diese Dynamik zu erzeugen. Der Künstler nennt sich Flor Sumenho und gibt sich damit selbst einen farbenfrohen, weil brasilianisch anmutenden Anstrich, den er mit dem einfachen Trick des Rückwärtsschreibens seines bürgerlichen Namens erreicht: Als Rolf Ohmemus ist er 1949 in Offenburg geboren, wurde Grafiker, dann Maler, parallel hierzu Lehrer an der evangelischen Akademie Karlsruhe, später Mannheim. Nicht zuletzt durch die stete, immer aktuelle Auseinandersetzung mit seinen Schülern blieb er ein fragender und auch im Ausland gefragter Künstler, der heute in Karlsdorf Neuthard verortet ist, in seiner Kunst aber viele Gebiete durchwandert. Sie reicht von karikaturhaften Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die Begriffe und Redewendungen unserer Sprache durch ihr wortwörtliche Interpretation augenzwinkernden auf den Boden der Tatsachen stellen, bis hin zu farbintensiven Gemälden. Die geben der ganzen „Schöpfung“ Raum, stilisieren Alltagsgegenstände in geometrischer Anordnung oder bannen die Entwicklung der menschlichen Kulturgeschichte auf eine einzige Leinwand bannen. Bei Letzterem spricht der Künstler gern von „narrativer Malerei“, die ihm viel, aber eben nicht alles bedeutet. Manchmal dreht er den Spieß um. Beim „Perspektivwechsel“ etwa bedient er sich eines aktuellen Zeitungsartikels über die noch bis Ende 2018 laufende, heiß diskutierte Balthus-Ausstellung in der Fondation Beyeler und greift damit in die #Me-Too-Debatte ein, die ja auch auf die Museumskultur überschwappt. Rolf Ohnemus fragt den Betrachter: „Wie pornografisch ist die Kunst“? Darf man beispielsweise die Gemälde irritierend verführerisch dargestellter Mädchen heute noch zeigen?“ Mit wenigen Pinselstrichen macht er aus der lasziv im Stuhl hängenden „Thérèse“ ein Skelett und legt mit diesem irrealen Röntgenblick dar, dass „die Diskussion völlig an der Realität vorbei geht“. Durchaus real, dabei charakterstark und sehr vital sind die kraftvollen Porträts. Die „Reliquien-Art“ wiederum, die eine eigenen Glasvitrine füllt, ist mit einem sarkastischen Seitenhieb auf religiöse Bräuche zu bewerten. Allerdings finden sich hier nicht die Gebeine Heiliger, sondern einfache Relikte, „die aus unserer Vergangenheit grüßen.“ „Wir machen uns viel zu wenig bewusst, wie viel Kunst in der Natur steckt“, meint Ohnemus, der sich für seine Skulpturen, etwa einem aus dem Wasser springenden Fisch aus Stahl, den er „Liberty“ nennt, ja auch gerne natürlicher Vorbilder bedient. Natur und Kultur sind für diesen Künstler keine Gegensätze – beides setzt er durch verschiedene Stilmittel in Bezug zu unserer Gesellschaft, die er zum Nachdenken bringen will. So ist auch der „Altar“ zu verstehen, der eine ganze Wand bestückt. Seine Mitte ziert kein Kreuz, sondern ein gerahmtes Gedicht zum Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin am 19. Dezember 2016. Wenn man sich dem Textbild nähert, um es zu lesen, erklingt Mozarts Requiem. Getragen von der traurigen, würdevollen Musik wandert der Blick über sechs parallel verlaufende, senkrechte Paneele, an denen kleine Bilder mit internationalen Flaggen angeschlagen sind, die wie Votivtafeln wirken. Die Hoheitssymbole sind befleckt, zerknittert, verrissen und sollen so symbolisieren, dass jeder Staat verletzlich ist. Die Installation ist ein Ausdruck der Trauer über die vielen Opfer, die der Terrorismus weltweit gefordert hat – auch eine sehr persönliche Reaktion des Künstlers auf sein „Erstaunen, über die schwache Reaktion der Politik damals in Berlin.“ Info Bis 16. November, Atelier und Galerie Christa Scheuer, Hofgut Holzmühle; Mittwoch bis Freitag, 14 bis 18 Uhr