Kandel
Erzählband huldigt der Dystopie
„Wenn die Fantasie Feuer gefangen hat, lässt mich das nicht mehr los,“ sagt Jürgen de Bassmann, „es gärt und brodelt in mir und ich muss es zu Papier bringen.“ Jetzt kann man nachlesen, was gegärt und gebrodelt hat und schließlich zu Literatur geworden ist.
Sechs Erzählungen sind in „Subcutano“ versammelt. Der Verlag edition federleicht bezeichnet sie als „Near-Future-Stories“. Es sind also Geschichten, die in der Zukunft spielen, aber einen ganz starken Draht zu unserer Gegenwart haben. Das Heute wird fortgeschrieben und das Morgen scheint nur einen Schritt weit weg. „Keine Feelgood-Geschichten“, sagt de Bassmann. Es geht um den Zerfall der Familie, den Umgang der Menschen mit dem eigenen Körper, das Gefühl des Ausgeliefertseins, die Dominanz der Maschinen.
Klimawandel und angeblich unfehlbare Maschinen
Und natürlich – wie könnte es bei dystopischen Erzählungen anders sein – um die Klimakatastrophe. Die eindrucksvolle Kurzgeschichte „In der Heat-Shift“ ist zweifellos nah an unserer Gegenwart. In der „Hitze-Arbeitsschicht“, also in den Stunden, an denen die Sonne besonders erbarmungslos brennt, sind Menschen in Schutzanzügen unterwegs, um die letzten noch verbliebenen Bäume zu retten. Oder zu fällen, wenn“s nicht anders geht. Einer der Baumarbeiter - man könnte sagen ein Idealist – begegnet unversehens dem Baum seiner Kindheit und wird von Erinnerungen überschwemmt. Doch er ist gezwungen, den Baumriesen umzubringen. Klimakatastrophe im Brennglas. Ganz alltäglich.
Was die sechs Stories berührend und beklemmend macht: Die Leserin, der Leser begegnet zunächst normalen Menschen im Alltag, die etwa locker miteinander plaudern. Plötzlich bricht in die Normalität das Grauen ein. Bei einem Gespräch am Arbeitsplatz schwärmt der Kollege von den Fähigkeiten seiner Kollegin Aleena. Wie nett, denkt man. Und dann in einem Nebensatz der Schock: „Dass sie anders ist, habe ich erkannt an der Art, wie sie kurz die Augen schloss, wenn der Speer den Probanden traf.“ Die Geschichte handelt davon, wie Menschen geopfert werden, um die vermeintliche Unfehlbarkeit von Maschinen zu beweisen.
„Symbiose aus Krimi und Kafka“
Die titelgebende Story erscheint rätselhaft. Der Verlagstext spricht von einer „Symbiose aus Krimi und Kafka“. Ein heruntergekommener Beamter, der die letzte Nacht durchgesoffen hat, gerät in das Labyrinth eines obskuren Unternehmens und in den Bann einer skrupellosen Wissenschaftlerin. Die zeigt ihm, was in den Räumen geschieht. Es ist eine Art freiwilliger Strafkolonie, Draht wird durch die Haut und die Adern der gefesselten Menschen gestoßen. „Wir injizieren Schmerzen,“ erklärt die Wissenschaftlerin kühl.
„Ich habe mich gefragt, wie befassen wir uns mit unserem eigenen Körper?“ sagt der Autor. „Tatoo, Piercing, Selbstverletzung, das ist heute schon ein großes Thema.“ Diesen Trend hat er auf beklemmende Weise fortgeschrieben. Der Anklang an Kafka sei gewollt: „Ich wollte das Ausweglose, das Ausgeliefertsein beschreiben.“ Auch für Leser kann es zur Quälerei werden, dieser finsteren Geschichte zu folgen, angewidert und fasziniert zugleich.
Teilnahme an Karlsruher Literaturtagen
Jürgen de Bassmann, 1964 geboren, lebt in Kandel. Nach einer Ausbildung im Buchhandel hat er als Journalist gearbeitet, danach in einem Verlag als Konzeptionstexter und Sachbuch-Redakteur, bevor er ins Marketing eines Finanzdienstleiters wechselte. Seit etwa sechs Jahren schreibt er literarische Texte und ist heute als freier Autor tätig. Mit dem vierköpfigen Autorenkollektiv „Alles Literatur!“, das er ins Leben gerufen hat, ist er häufig auf Lesungen unterwegs. Im Herbst wird de Bassmann mit „Subcutano“ auf den Karlsruher Literaturtagen vertreten sein.
Ein neuer Roman ist bereits auf dem Weg. Diesmal keine finstere Zukunft. Es wird es eine „humoristische Liebesgeschichte“ sein.
Lesezeichen
„Subcutano“ von Jürgen de Bassmann, edition federleicht, 194 Seiten, ISBN 978-3-68935- 021-5.
Mehr Infos und die Termine der nächsten Lesungen auf www.debassmann.de