Karlsruhe
Enrico Caruso als erster Popstar: Tagung an der Musikhochschule
„Die Schallplatte machte Caruso, und Caruso machte die Schallplatte“, sagt der Karlsruher Musikwissenschaftler Thomas Seedorf, der für kommende Wochenende an der Musikhochschule die Tagung „Tenorissimo“ zum Phänomen Caruso organisiert hat. „Caruso war so etwas wie ein Prototyp“, sagt Seedorf, etwas wirklich Neues für die Kulturgeschichte. Er hatte damals schon ein Beraterteam, das Marketing-Strategien entwickelten, wie man es heute vom Pop, aber auch manchen Klassikstar kennt.
Es gehe bei dem Symposium nicht vordergründig um die Biografie des großen Tenor, der an der New Yorker Met zum absoluten Publikumsliebling wurde und durch seine Opernauftritte nebst der vielen Schallplatten enorm reich wurde. Vor allem befassen sich die Wissenschaftler mit seiner Gesangstechnik und Ästhetik, seiner Ausstrahlung auf die nachfolgenden Tenöre, aber auch mit allen Facetten seiner Rezeptionsgeschichte.
„Den Tenor leibhaftig ins Haus holen“
„Caruso war eine öffentliche Persönlichkeit“, sagt Seedorf. Man könne ihn kaum mit Liszt oder Paganini vergleichen, die zuvor ebenfalls beachtliches Selbstvermarktungspotenzial bewiesen hätten. Denn diese mussten trotz aller Nachrichten, die die Presse über sie verbreitete, doch in Person vor Ort sein, um den Menschen nahe zu kommen. „Durch seine Schallplattenaufnahmen, die millionenfach verkauft wurden, war dies bei Caruso anders.“
Seine damalige Plattenfirma Victor habe dies für Werbekampagnen geschickt ausgenutzt, den Menschen suggeriert, mit einer Schellackplatte könnten sie sich den „Tenor leibhaftig ins Haus holen“. Zudem habe „Caruso unzählige Interviews mit teilweise widersprechendem Inhalt für Zeitungen gegeben“, erzählt der Musikwissenschaftler. Er sei ein Meister darin gewesen, die öffentliche Meinung zu lenken.
Auch als Karikaturist und Filmschauspieler aktiv
Durch die Schellackplatten, die teilweise in sehr guten Überspielungen zu Verfügung stehen, haben Interessierte auch heute noch Gelegenheit, sich mit der einzigartigen Stimme des Tenors und seiner Interpretationskunst auseinanderzusetzen. Auch die Vielseitigkeit und Verwandlungsfähigkeit des Sängers, der nicht nur ein hervorragender Karikaturist war, sondern auch in Filmen aufgetreten ist, werde bei der Tagung thematisiert.
„In dem Film ,My Cousin’ ist er in einer Doppelrolle zu sehen: als großer Opernstar und als dessen Cousin, einem biederen Handwerker.“ Es sei faszinierend zu beobachten, wie Caruso sich in seinem Gestus, seinem Gang und seine Bewegungen total verändern würde. Am Samstagabend um 17.30 und 19.30 Uhr im Marstall wird der Stummfilm mit einer von Studierenden der Hochschule neu komponierten Musik zu sehen sein. Am Tag zuvor gibt es um 19 Uhr im Velte-Saal zudem ein Abendkonzert mit Musik, die für Caruso oder über ihn komponiert wurde.
„Auf frühen Platten falsche Einsätze“
Das Symposium gehe auch auf die Möglichkeiten der frühen Aufnahmetechnik inklusive deren Manipulationsmöglichkeiten ein. „In den 18 Jahren, in denen Caruso seine vielen Einspielungen gemacht hat, hat sich manches entwickelt“, erzählt Seedorf. Andererseits habe auch der Tenor gelernt, mit der Aufnahmesituation besser umzugehen: „Bei den frühen Aufnahme gibt es Fehler wie falsche Einsätze“, so etwas sei später nie wieder veröffentlicht worden.
Die Bedeutung Carusos liege aber auch in seiner Ausstrahlung für die nachfolgenden Tenöre. „Er war ein moderner Tenor, hielt sich weitgehend an den Notentext.“ Auch der dunkle Stimmklang sei vor Caruso für einen italienischen Tenor nicht typisch gewesen. Wenn man seine Aufnahmen mit denen von seinen damals berühmten Konkurrenten vergleicht, fiele dies besonders auf. Die Eigenwilligkeiten anderer Stars seiner Zeit würde heute niemand mehr akzeptieren.
„Alle modernen Sänger beziehen sich auf ihn“, betont Seedorf. Wenn man heute beispielsweise einen Jonas Kaufmann fragen würde, würde dieser sicher dem Satz „Caruso war der Vater von uns allen“ zustimmen.
Infos im Netz: www.hfm-karlsruhe.de. Platzreservierung für das Freitagskonzert und den Filmabend am Samstag auf dem Gelände von Schloss Gottesaue per E-Mail an gundi.roessler@hfm-karlsruhe.de.