Kultur Südpfalz Einblicke in eine künstlerische Entwicklung
Der Entwicklung vom Figürlichen zur Abstraktion bei den Zeichnungen von Willi Müller-Hufschmid zeigt eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Karlsruhe.
Seine Arbeit als Schrankenwärter in Konstanz von 1944 bis 1947 hat der Maler und Zeichner Willi Müller-Hufschmid offensichtlich nicht gemocht: Eines seiner vielen Selbstporträts aus dieser Zeit zeigt ihn bei der Arbeit, wobei nicht nur der gequälte Gesichtsausdruck, sondern auch die Arme, die in Schranken übergehen, dabei eine deutliche Sprache sprechen. Die Städtische Galerie Karlsruhe zeigt unter dem treffenden Titel „Figürlich, expressiv, abstrakt“ 70 Zeichnungen des Karlsruher Künstlers, die zwischen 1941 und seinem Todesjahr 1966 entstanden sind. Der gebürtige Karlsruher, der im Alter von 75 Jahren in der Fächerstadt starb, gehörte in den 1920er-Jahren neben Hubbuch und Schnarrenberger zu den bedeutendsten Vertretern der Neuen Sachlichkeit in Karlsruhe. Obwohl die Städtische Galerie mit rund 700 Zeichnungen und bedeutenden Gemälden Müller-Hufschmids große Teile des Nachlasses des Künstlers besitzt, sind aus dieser Zeit keine Arbeiten zu sehen. 1944 wurde das Atelier von Müller-Hufschmid und damit sein Frühwerk bei einem Brandbombenangriff zerstört. Zu dieser Zeit lebte der politisch von den Nationalsozialisten verfemte Künstler schon in Konstanz. Seit 1941 arbeitete er dort als Bühnenbildner am Theater. Nach dessen Schließung 1944 wurde Müller-Hufschmid als Schrankenwärter der Reichsbahn dienstverpflichtet. Aus dieser Zeit stammen einige seiner ausdrucksstärksten Zeichnungen, die in der Ausstellung zu sehen sind. In vielen Selbstporträts, die zwischen 1941 und 1947 entstanden sind, zeigen sich die Zweifel des Künstlers und die Bedrängnisse der Zeit, die sich in teilweise verschlüsselter, teilweise deutlicher Kritik an der Herrschaft der Nationalsozialisten äußert. Eindrucksvoll sind die Zeichnungen, die ihn im Kreise von Tieren präsentieren, was auch die Vereinsamung des Künstlers dokumentiert; seine Frau Vera Hufschmid war schon 1942 gestorben. 1947 verlässt er das ungeliebte Konstanz, um nach Karlsruhe zurückzukehren. Höchste Detailgenauigkeit prägt beispielsweise seine Zeichnung einer Spinne, eines häufigen Motivs in den Arbeiten von Müller-Hufschmid. So auch bei einer Arbeit, bei der anstelle von Fliegen Menschen im Netz der Spinne zappeln. Zurück in Karlsruhe geht die Expressivität und teilweise direkte politische Kritik der Konstanzer Arbeiten fließend zur Abstraktion über. Anfänglich ist die Formensprache der Zeichnungen noch von der Wirklichkeit abgeleitet. Müller-Hufschmid, der in der Fächerstadt als freischaffender Künstler lebte, entwickelte mit beachtlicher Konsequenz seinen Zugang zur Abstraktion, die sein Spätwerk bestimmt. Zu einem der gewichtigsten Höhepunkte dieser Phase wird die 1960 entstandene Zeichnung „Himmeltreppe“. Nach anfänglicher Verdichtung mit oftmals die Blätter fast füllenden Schraffuren werden die Arbeiten der letzten Jahre des inzwischen wieder anerkannten Künstlers, der beispielsweise 1959 an der „documenta II“ in Kassel teilnahm, freier, reduzierter. Es ist eine gelegentlich fast heitere Leichtigkeit, die diese durch ihre Reduktion überzeugenden Blätter prägt. Die Zurücknahme, zu der auch der genau kalkulierte Einsatz des freien Raumes bei diesen Zeichnungen beiträgt, macht den speziellen Reiz, aber auch die ungebrochene Qualität seiner Arbeiten aus. Info Die Ausstellung „Figürlich, expressiv, abstrakt“ in der Städtischen Galerie Karlsruhe ist bis 8. Oktober zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10 bis 18 Uhr, am Wochenende 11 bis 18 Uhr. www.staedtische-galerie.de