Rheinpfalz Ein Schulz für Kopf und Herz

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Kandidat auf Tour: Der Hoffnungsträger der SPD besucht Worms und trifft auf viele Neugierige. Von Ralf Joas, Worms

Wer zu spät kommt – der muss bei der SPD derzeit mit einem Stehplatz vorlieb nehmen. Zumindest, wenn er eine Veranstaltung besucht, bei der Martin Schulz angekündigt ist. Schon eine Stunde, bevor im Wormser Tagungszentrum gestern die vierte von insgesamt fünf Regionalkonferenzen mit dem SPD-Kanzlerkandidaten beginnt, sind so gut wie alle Stühle im Mozartsaal besetzt. Die alte Tante SPD scheint in ihrem 153. Lebensjahr einen neuen Frühling zu erleben, jedenfalls wirken die Genossen optimistisch wie lange nicht mehr. Und es sind für eine Veranstaltung dieser Art auffällig viele junge Leute zu sehen. Zu ihnen gehört Peter Müller. Der 28-jährige Wormser ist schon länger SPD-Mitglied, zählt also nicht zu jenen 600 Neu-Mitgliedern, die laut Generalsekretär Daniel Stich seit Jahresbeginn in Rheinland-Pfalz in die Partei eingetreten sind. Aber auch für ihn ist Martin Schulz ein „neuer Hoffnungsträger“. Aber Müller ist nicht nur an der Person Schulz interessiert, „ich würde gerne auch mehr politische Inhalte hören“. Auf die müssen er und die anderen Besucher allerdings etwas warten. Als Martin Schulz mit leichter Verspätung das Wort ergreift, geht es zunächst um jenes Thema, das er und die SPD in den Mittelpunkt des Bundestags-Wahlkampfs stellen wollen: mehr Gerechtigkeit. Deutschland sei ein „starkes Land“, wehrt sich Schulz gegen Vorwürfe der politischen Gegner, er rede Deutschland schlecht. Gleichwohl sei vieles eben „nicht gerecht“, rügt Schulz, ob das nun die für viele kaum mehr bezahlbaren Mieten in Ballungsräumen oder die Steuervermeidungsstrategien international tätiger Konzerne seien. Für diese Passagen gibt es oft und viel Beifall. Aber reicht das aus, um zu erklären, dass die SPD seit der Nominierung von Schulz zum Kanzlerkandidaten in Umfragen förmlich nach oben geschossen ist? Irgendwann während der Rede wird es im Saal leise, selbst die Jubler ganz vorne am Podium sind jetzt still. Er habe als junger Mensch „die Orientierung verloren“, habe „erlebt, wie es ist, wenn man ganz unten ist“, berichtet Schulz. Und auch wenn er es nicht explizit erwähnt, weiß jeder im Saal, dass er jetzt über jene Zeit spricht, als sein Traum von einer Karriere als Profifußballer wegen einer schweren Verletzung platzte, als er Trost und Vergessen im Alkohol suchte. In diesem Moment scheint für seine Zuhörer der Politiker und Wahlkämpfer weit weg, wirkt Schulz aufs Publikum als das, was heutzutage mit „authentisch“ umschrieben wird. Offensichtlich schafft Schulz derzeit das, was vielen seiner Vorgänger nicht oder nur schwer gelang und was gerade für einen SPD-Politiker unabdingbar ist: nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen der Menschen zu erreichen. Dem Menschen im Politiker Raum zu geben, ist eine notwendige, aber in aller Regel nicht hinreichende Bedingung, um eine Wahl zu gewinnen. Die Wähler wollen eben auch „Inhalte“ – und Schulz liefert, in Maßen. Er sei für Gebührenfreiheit „von der Kita bis zur Uni“, ruft er in den Saal und lobt dabei Malu Dreyer für deren Vorreiterrolle auf diesem Gebiet. Die Ministerpräsidentin bekundete ihrerseits zuvor, sie habe nach der gewonnenen Landtagswahl im vergangenen Jahr „ehrlich gesagt schon wieder Lust auf Wahlkampf“. Gespannt warteten nun viele, ob Schulz sich inhaltlich auch zu jenem Thema äußert, das ihm in den vergangen Tagen viel Aufmerksamkeit, aber auch reichlich Kritik beschert hat: den Plan, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I für Ältere verlängern zu wollen. Für viele in der SPD geht es hier um das auch von Schulz beschworene Mehr an Gerechtigkeit. Schulz aber wählt nun einen anderen Ansatz, um seine Forderung zu begründen. Er wolle einen „Rechtsanspruch auf Qualifizierung“. Dazu gehöre, dass ältere Arbeitslose, die eine Weiterbildung absolvieren, in dieser Zeit ein „Alg Q“, also Arbeitslosengeld für Qualifizierung erhalten. Dadurch, das geht aus einem SPD-Papier hervor, aus dem gestern Einzelheiten bekannt wurden, soll sich die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes für Ältere von derzeit 24 auf maximal 48 Monate erhöhen. Die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik hänge doch nicht von der Dauer des Bezugs von Arbeitslosengeld, sondern von der Qualifikation der Facharbeiter ab, hält Schulz denen entgegen, die seine Pläne als Abrücken von der Agenda 2010 kritisieren. Deshalb wolle die SPD auch die Bundesagentur für Arbeit in eine Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung umgebaut werden. Am Schluss mahnt der ehemalige EU-Parlamentspräsident, in einer gefährlicher und unsicherer gewordenen Welt sei die Gemeinsamkeit der Europäer wichtiger denn je. Auch dafür gibt es noch einmal viel Beifall.

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