Karlsruhe
Ein Rausch: The Notwist beim Zeltival im Tollhaus
Die Anfänge von The Notwist reichen zurück bis in die späten 1980er-Jahre. Die Kapelle selbst legt den Beginn ihrer Laufbahn aber auf 1998 – ein Song aus diesem Jahr ist auch auf Platte verewigt worden. Der Grund ist die Entwicklung der musikalischen Ausrichtung. Heute kaum noch nachvollziehbar, war der Anfang von Punk, Hardcore und Metal geprägt. Erst mit dem Erscheinen des Albums „Shrink“ 1998 fanden The Notwist ihren Weg. Und der ist geprägt von durchdachten Melodien, Elektronikeffekten, kleinen Ausflügen in den Jazz und Rückbesinnungen auf den Krautrock.
In Karlsruhe machte die Band aus dem Konzert eine fast zweistündige Session, die völlig ohne Moderation und Animation auskam und trotzdem niemanden im Publikum stillstehen oder sitzen ließ. Der gemeine Konzertgänger ist gewohnt, dass der Frontmann einer Band in der Mitte der Bühne Stellung bezieht und damit das allgemeine Interesse vornehmlich auf sich zieht. Bei The Notwist ist das anders. Der Sänger und Gitarrist Markus Acher nahm für sich selbst nur eine relativ kleine Fläche zwischen dem Instrumentarium in Anspruch, das die anderen bearbeiteten: sein Bruder, der Bassist und Tubist Micha Acher, Christoph „Cico“ Beck“ und Max Punktezahl, die je nach Situation Elektronik, Gitarre und Keyboards beisteuerten, Theresa Loibl an Bassklarinette, Melodica und Harmonium sowie Andi Haberl hinter dem Schlagzeug.
Stimmungen im Fluss
Auf direkten Kontakt zum Publikum verzichtete die Band völlig. Markus Acher wandte seinen Zuhörern sogar öfter den Rücken zu. Und als der offizielle Konzertteil vorbei war, der Jubel im Haus kein Ende nehmen wollte, richtete er sich zum ersten Mal an die Fans. Dafür genügten ihm drei, spürbar ehrlich gemeinte Worte: „Vielen, vielen Dank.“
Anders als bei manch anderem Musiker steckt hinter der reduzierten Zugewandtheit aber weder Überheblichkeit noch Scheu, sondern einfach die Tatsache, dass The Notwist mehrfach im Kreis Aufstellung nahmen, um sich besser beobachten und auf musikalische Wendungen richtig reagieren zu können. Zwischen den einzelnen Songs gab es nämlich keine Pause. Klang ein Stück aus, nahm irgendjemand in der Band den Faden wieder auf, stimmte in ein Thema ein, das in diesem Moment entstanden war. Dann stiegen auch die anderen ein. So improvisierte die Band so lange, bis sie sich irgendwie irgendwann in der nächsten Nummer wiederfand. Christoph „Cico“ Beck hatte im RHEINPFALZ-Interview gesagt, dass es The Notwist bei ihrem Livekonzert vor allem darauf ankomme, verschiedene Stimmungen entstehen zu lassen.
Ein Ende ohne Vorwarnung
Besonders gut gelungen ist der Indietronic-Truppe die musikalische Verschränkung bei drei Liedern aus dem jüngsten Album „Vertigo Days“: „Where You Find Me“, „Ship“ und „Into the Ice Age“. Mit den Plattenaufnahmen hatten die live gespielten Versionen aber nur noch wenig zu tun. Achers sonst eher zu Melancholie neigender Gesang war stellenweise elektronisch verändert und klang, als habe der Kraftwerk-Song „Wir sind die Roboter“ dafür Pate gestanden.
Und in der Tat wurde der instrumentale, sehr rhythmusbetonte Mittelteil mantramäßig wiederholt und steigerte sich in einen Rausch, den die Band wie aus dem Nichts abbrach. Damit, und mit den jetzt folgenden, nur von Bassklarinette und Schlagzeug erzeugten jazzigen Sounds, gepaart mit elektronisch erzeugtem Vogelgezwitscher, beendeten sie den Trip ohne Vorwarnung, rissen die vom Tanzen nassgeschwitzten Konzertbesucher aus ihrer Trance.
Zum Schluss noch ein Tipp für alle, die bei diesem außergewöhnlichen Konzert nicht dabei sein konnten: Das gespielte Set war ähnlich dem, das auf YouTube unter „Live at Trabendo Paris 2021“ zu sehen ist.