Rheinpfalz Ein aufschlussreiches historisches Zeugnis

Aus dem Hufeisenturm (vorne im Bild) heraus konnten Angreifer unter Beschuss genommen werden.
Aus dem Hufeisenturm (vorne im Bild) heraus konnten Angreifer unter Beschuss genommen werden.

Die meisten Besucher der Burg Lichtenberg interessieren sich wahrscheinlich für die Reste der mittelalterlichen Bauten, die drei Museen, die Jugendherberge oder das Restaurant. Dabei wird allerdings ein wichtiges Bauwerk übersehen: Der „Hufeisenturm“ an der Südostecke der Burg ist ein aufschlussreiches historisches Zeugnis.

Die um das Jahr 1200 erbaute Burg ließ sich aufgrund ihrer Lage und ihrer Wehrbauten jahrhundertelang gut verteidigen. Aber die Veränderungen in der Waffen- und Kriegstechnik am Ende des Mittelalters stellten die Burgherren vor große Probleme. Das zeigte sich besonders zu Beginn des 30-jährigen Krieges. Im Jahre 1620 zog das Heer der katholischen Liga nach Böhmen, um den „Winterkönig“ Friedrich zu besiegen. Gleichzeitig sammelte der Feldherr Ambrosio Spinola Truppen in den spanischen Niederlanden und fiel im August mit 23.000 Mann in die Pfalz ein. Die Befestigungen der Burg Lichtenberg mussten deshalb schnell verstärkt werden. Dazu gehörte der Bau eines Kanonenturms, der in aller Eile erfolgte. Nach zeitgenössischen Berichten arbeiteten 200 Bauern und Handwerker bei Tag und Nacht, um den Turm zu errichten. Auch als Spinola 1621 mit einem Teil des Heeres abzog, blieb eine Besatzung von 11.000 Mann zurück, die immer wieder plündernd und raubend durch das Land zog. Der im Eiltempo errichtete halbrunde Hufeisenturm steht vor dem äußeren Halsgraben. Er war mehr als zehn Meter hoch und hatte zwei Stockwerke, die mit einer Wendeltreppe verbunden waren. Das untere Stockwerk erhielt drei runde Schießscharten, die sich nach außen weiten. Im ersten Stock befinden sich drei weitere rechteckige Schießscharten. Die Mauern des Turms sind mehr als vier Meter dick, so dass er einem feindlichen Beschuss standhalten und die am meisten gefährdete Seite der Burg sichern konnte. Außerdem standen in ihm Kanonen, mit denen man durch die Schießscharten in drei verschiedene Richtungen auf Angreifer zielen konnte: auf den Zugang von Thallichtenberg, auf das Gelände vor der Burg und auf die Freifläche vor dem äußeren Tor. Während des Ladens wurden die Kanonen zurückgezogen und die Luken durch Bretter verschlossen. Der Hufeisenturm ist ein anschauliches Beispiel für die Veränderung der Kriegführung seit dem späten Mittelalter. Vorher hatte man meistens Burgen so lange belagert, bis die Besatzung – meist bei freiem Abzug – kapitulierte. Durch den Einsatz von Kanonen konnte man sie jetzt „sturmreif“ schießen und dann durch einen Angriff erobern. Dies war durch die Entwicklung der Geschütze möglich, wie sie seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts in Deutschland verwendet wurden. Ihre Voraussetzungen waren der Gebrauch des Schießpulvers und der Bau von Kanonen, deren Rohre meistens in einem Stück aus Bronze gegossen wurden. Sie lösten ältere Schleudern ab, denn sie konnten Stein- und später Eisenkugeln sehr viel genauer und über weitere Entfernungen schießen. „Als die Kanone aufkam, war die Burg schlagartig zu Ende“, schrieb Marco Evers 2013 in einem Artikel in „Spiegel online“. Aber dieses Urteil ist nicht richtig, wie das Beispiel der Burg Lichtenberg zeigt. Sie wurde während des 30-jährigen Krieges nicht erobert, was sicher auch dem Hufeisenturm zu verdanken war. Erst in den Revolutionskriegen am Ende des 18. Jahrhunderts reichten die zusätzlichen Befestigungen nicht mehr aus. Die Burg wurde mehrmals geplündert, bevor die meisten Gebäude 1796 einem Brand zum Opfer fielen.

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