Kultur Südpfalz „Die Pfälzer reagieren immer gleich freudig“
Etwa drei Monate lang ist das Chawwerusch-Theater aus Herxheim mit seinem Sommerstück „Kleine Frau was nun? Der Weg in die Weimarer Republik“ auf Tour. Stets mit von der Partie: der russische Komponist und Pianist Dmitrij Koscheew, der seit 1994 in Speyer lebt, die Musik zu Walter Menzlaws Geschichte schrieb und das Bühnengeschehen live begleitet. Ein Gespräch vor der Aufführung des Stücks am heutigen Samstagabend in Landau.
Vom Namen her kannte ich Chawwerusch, aber nicht persönlich. Es gab bislang keine Grundlage zu irgendeinem Kontakt. Für dieses Projekt gab es so eine Umfrage unter Kollegen, wer das musikalisch umsetzen könnte. Ein Regisseur, mit dem ich mal ein Projekt über das Berlin der 20er-Jahre gemacht habe, hat mich vorgeschlagen. Dann habe ich Chawwerusch einige Arrangements vorgespielt und es hat gepasst. Für mich ist die Zeit zwischen 1919 und 1933 schon rein musikalisch interessant, denn ich spiele gern Jazz. Und was später in Amerika zustandekam, war nicht unerheblich durch die Leute geprägt, die in den 20er- und 30er-Jahren aus Europa ausreisten. Walter Menzlaws Stück spielt vor genau 100 Jahren in Deutschland und umfasst die Zeit vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der Weimarer Republik aus der Sicht einer jungen Frau. Sie sind 1960 in Russland geboren, erst 1994 nach Deutschland gekommen. Ist es da nicht schwer, sich in die politische, gesellschaftliche und kulturelle Lage hineinzuversetzen? Jahreszahlen und Orte spielen aus meiner Sicht keine Rolle. Ich habe Perestroika erlebt, also eine Zeit, als in Russland viele Konten über Nacht auf null gesetzt wurden. Wie ist es, wenn Geschäfte plötzlich zerfallen? Bankbesitzer über Nacht verschwinden und alles Geld mitnehmen? Alte Freundschaften zerbrechen? Moral und Ethik sind nicht mehr gefragt, natürlich kommt sofort Abschaum nach oben. Diese Schnittstelle, egal in welcher Sprache und welcher Zeit, betrifft die Menschen direkt. Sie sind voller Erwartungen, aber der Alltag ist verzweifelnd. Wenn ich mich mit dieser Erfahrung aus Russland ins Deutschland der 20er-Jahre versetze, dann ist das gar nicht so weit entfernt. Sind Sie denn wegen der Auswirkungen von Perestroika von Russland nach Deutschland gekommen? Die Sache ist komplizierter, aber es war für meine Familie und mich eine schwierige Zeit. Kultur hatte unter solchen Umständen nichts zu suchen. Auf jeden Fall hatten Sie bei Ihrer Ankunft in Speyer vielfältige musikalische und menschliche Erfahrungen im Gepäck. So haben Sie die schwierige musikalische Herausforderung für die Begleitung des Chawwerusch-Stücks besonders bravourös gemeistert. Hatten Sie einen Trick bei Ihrer Vorgehensweise? Das Problem ist, dass man die Musik der 20er-Jahre nicht genau kopieren kann, das wäre aus heutiger Sicht unerträglich langweilig. Denn unsere Hörerwartungen haben sich inzwischen erheblich verändert. Es ist gut, grundsätzlich die Atmosphäre beizubehalten, die Musik aber grooviger, dynamischer und beweglicher zu gestalten. Nicht als amerikanische Jazz-Kopie, sondern stilistisch europaeigen. Zum Beispiel Tucholskys „Das Lied vom Kompromiss“, das hat ja schon Hans Eisler vertont, aber es wirkte auf mich zu textlastig, wenngleich der politische Inhalt aus heutiger Distanz noch immer hochaktuell ist. Klingen muss das heute jedoch lebendiger und dynamischer, und so habe ich versucht, viel mehr unterhaltende Elemente zu nutzen – damit es einfach richtig groovt. Die starke Dynamik Ihrer Musik begleitet Sie und das Ensemble auf einer langen Sommertournee bis Mitte September. Fühlt es sich gut an, mit Chawwerusch unterwegs zu sein? Es ist ein reines Vergnügen, denn die Truppe ist sehr professionell, und es gibt keine Zweifel, dass es einmal nicht klappen könnte. Interessant ist auch, die Reaktionen des Publikums zu spüren. Da gibt es Unterschiede, ob man in der Pfalz oder in Hessen spielt. Die Pfälzer reagieren immer gleich freudig auf viele Einzelheiten, die Hessen reagieren auf großen Wogen. Info Das Chawwerusch-Theater gastiert mit seinem Sommerstück „Kleine Frau – was nun?“ und Live-Musik von Dmitrij Koscheew am heutigen Samstag um 20 Uhr bei gutem Wetter im Innenhof des Landauer Otto-Hahn-Gymnasiums; Karten gibt es dann noch an der Abendkasse für 16 Euro, ermäßigt 8 Euro. Bei Regen wird im Alten Kaufhaus gespielt (ausverkauft). | Interview: Brigitte SchmalenbergDOPPELTERZEILENUMBRUCH