Interview
Die Loungejazzer DePhazz feiern den Moment
Hättest Du früher geglaubt, dass Du mal 25 Jahre DePhazz feiern kannst?
Ehrlich gesagt: Daran habe ich kein bisschen gedacht, als ich damals die Band nicht gegründet habe. Denn eigentlich habe ich sie nicht gegründet, sondern sie ist irgendwie bei Aufnahmen entstanden.
Nun erscheint aus dem Anlass im Herbst ein neues Album – spiegelt sich das schon beim Auftritt auf dem Festival Palatia Jazz in Rohrbach wieder?
Nein, das geht nicht. Einen solchen Umfang von Menschen und Material können wir auf der Bühne nicht realisieren. Die Produktion war sehr aufwendig, aber das wollten wir uns mal gönnen. Das steht der Band auch gut zu Gesicht. Aber wir haben sozusagen zwei Departements: Studio und Bühne. Auf der Bühne wird es unsere Klassiker geben. Das war schon schwierig genug in der Vorbereitung.
Inwiefern?
Die Leute sind ja alle weit verteilt, sie haben andere Jobs gemacht, und durch die Pandemie gab es weitere Einschränkungen, Krankheit und mehr. Das war alles schon sehr schwierig. Und jetzt kommt noch der Ukraine-Krieg dazu, das trifft uns ja auch.
Ihr hattet dort ein Publikum?
Wir haben in der Ukraine und in Russland einen großen Anteil unseres Auslandspublikums und haben in beiden Ländern viel gespielt. Die Gigs dort waren größer als in Deutschland und haben uns geholfen, die kleineren Gigs hier mitzutragen. Das ist jetzt alles weggebrochen. Kurz gesagt, die letzten beiden Jahre waren keine Zeit, um gut gelaunte Lieder gemeinsam zu machen.
Wie hast Du trotzdem ein Album hinbekommen?
Naja, ich bin ja lange genug im Geschäft, um viele Leute zu kennen. Also habe ich rumtelefoniert. Und inzwischen sind viele Musiker so ausgestattet, dass sie ihre Tracks selbst zuhause aufnehmen können. Ich habe also Demos gemacht und an verschiedene Musiker geschickt und gefragt, ob sie damit was machen können. So lief das, alles digital. Corona hat diese Arbeitsweise bei vielen vorangebracht.
Die Single, die schon raus ist, klingt sehr entspannt. Auf der Bühne geht es bei Euch aber um einiges mehr ab, oder?
Ja, es hat sich halt erwiesen, dass die Party-Knaller das Publikum am besten bedienen. Es geht auf der Bühne um den Moment, es muss ein schöner Abend werden.
Was ist live anders?
Da gibt es mehr „auf die Zwölf“, mehr Percussion, mehr Party. Da werden Kanten ein bisschen abgerundet und die Musik ist nicht so verschachtelt. Mehr fetzig und rockig – da geht es um Hüftschwung ...
Warum dieser Unterschied?
Weil Live ein anderes Medium ist. Die Platten entstehen im Studio und sind um einiges verschachtelter und im Detail ausgearbeitet.
Bei Auftritten in Deutschland bist Du manchmal dabei. Wie ist es in Rohrbach?
Ja, das hätte ich machen können. Aber ich war so mit der Produktion des Albums beschäftigt, dass ich bei den Vorbereitungen gar nicht involviert war. Unser musikalischer Direktor, Schlagzeuger Christoph Huber, hat das alles sehr gut im Griff. Und mit Pat Appleton und Karl Frierson vorne wird das schon gut abgehen.
Wie macht ihr Programme für Konzerte?
Auf jeder Platte sind drei oder vier Gesangstitel. Wäre ich alleine, wären das weniger. Aber weil ich weiß, dass wir auftreten, achte ich darauf. Live sind vier Fünftel Vokalnummern, im Studio ist das umgekehrt. Ich bin im Studio zuhause und gehe nicht gerne auf die Bühne. Aber unsere beiden Sänger leben auf der Bühne. Die würde ohne Auftritte sterben.
Wenn man sich so quer durch die DePhazz-Platten hört, findet man ein schönes Mischmasch. Warum?
Ja, das ist ein Gemüsegarten. Wir sind immer bestrebt originell zu sein. Dabei kommen dann musikalische Bastarde heraus, die keine richtige Zuordnung finden. Positiv gewendet könnte man aber sagen, dass genau das unseren Stil ausmacht.
Aber wenn man „musikalische Bastarde“ aufs Publikum loslässt, kommt doch die Jazzpolizei?
Die wissen zum Glück nicht, wo ich wohne (lacht). Natürlich gibt es die Gralshüter und Puristen, aber ich betrachte Jazz einfach als Spielwiese.
Was hat Deinen „Phuture Jazz“ beeinflusst?
Mich hat eher der Krautrock beeinflusst, Holger Czukay und Can. Der hatte noch keinen Sequenzer, der musste noch Tonbänder schneiden. Dann hier aus der Region Guru Guru, die haben mich sehr stark beeinflusst, dann Kraan. Im klassischen Jazz kenne ich ein paar der wichtigsten Leute, bin aber kein Fachmann.
Termin
Das Festival Palatia Jazz bietet zwei Wochenenden voller Konzerte im Garten des Weinguts Ökonomierat Lind in Rohrbach. Auftakt ist am Freitag, 22. Juli, 19.30 Uhr, mit dem Gerald Clayton Trio und der Ganna Gryniva Band aus der Ukraine. Am Samstag, 23. Juli, 19.30 Uhr, spielen DePhazz und Leleka. Zum zweiten Wochenende kommen am Freitag, 29. Juli, 19.30 Uhr, das Maciej Obara Quartet und das Pawel Kaczmarczyk Trio sowie am Samstag, 30. Juli, 19.30 Uhr, Triosense und das Adam Baldych Quartet. Karten gibt’s unter www.palatiajazz.de.
Zur Person
Pit Baumgartner spielt Gitarre. Aber noch mehr spielt er mit den Möglichkeiten moderner Tontechnik. Der 63-jährige Heidelberger Künstler beherrscht virtuos die Möglichkeiten des Samplings, des digitalen Sammelns und der Verarbeitung von Klängen. Als Hörspielmacher hat er früher Stücke für Kinder produziert und dabei intensiv die Studiotechnik kennengelernt. 1997 gründete das Projekt DePhazz. Der Name kommt von „Destination Phuture Jazz“. Hinein mischte er Samples aus Jazz, Soul und anderen Stilen mit elektronischen Sounds und Grooves. Heraus kam ein neuer Stil, der heute etwas vage unter dem Begriff Lounge zusammengefasst wird. 1997 erschien das Debüt-Album „Detunized Gravity“. Tanzbarkeit und spielerischer Umgang mit Klang und Rhythmus, ohne Angst vor Easy Listening – damit hat Baumgartner ein großes Publikum erreicht. Bei Auftritten stehen Karl Frierson und Pat Appleton am Mikrofon. Zur Band gehören Marcus Bartelt (Bariton-Saxofon und Bassklarinette), Ulf Kleiner (Tasten), Bernd Windisch (Bass) und Christoph Huber (Schlagzeug).