Blickpunkt RHEINPFALZ Plus Artikel Die Landauer Künstler-Dynastie Croissant

In diesem barockisierenden Haus in der Fortstraße lebten die drei Croissant-Brüder August, Friedrich Wilhelm und Philipp Jakob.
In diesem barockisierenden Haus in der Fortstraße lebten die drei Croissant-Brüder August, Friedrich Wilhelm und Philipp Jakob.

Vor 30 Jahren hatte „Die Pfälzische Künstlerfamilie Croissant“ bei einer Ausstellung in der Villa Streccius ihren großen gemeinsamen Auftritt. Seither ist es still geworden um ihr künstlerisches Erbe. Der Nachlass ist in alle Winde zerstreut, aber die Keimzelle – ein stattliches Anwesen in der Landauer Fortstraße – ist noch erhalten. Eine Spurensuche.

Den Namen Croissant kennt in Landau fast jeder. Nach dem prominentesten Familienmitglied August ist sogar eine Straße benannt. Sie ist nur einen Katzensprung von der Fortstraße entfernt, in der er mit seinen beiden Brüdern vor über 100 Jahren lebte. Das mehrgeschossige Doppelwohnhaus mit den Nummern 8 und 10 in barockisierendem Stil wurde 1895 vom renommierten Jugendstilarchitekten Arndt Hartung errichtet und steht heute unter Denkmalschutz.

Auch die Nebentrakte mit reichen Giebeln sind noch erhalten. Früher dienten sie dem Kunstmaler August als Atelier, seinen Brüdern Friedrich Wilhelm und Philipp Jakob als Werkstatt der gemeinsamen Dekorationsmalerei. Die Nachkommen haben das Familienanwesen schon vor vielen Jahren verkauft und damit auch den lange gehegten Familienwunsch nach einer Stiftung oder einem Museum endgültig ad acta gelegt.

Ausstattung wurde versteigert

Das Interieur des Hauses – darunter zahlreiche Gemälde, Einrichtungs- und Ausstattungsgegenstände – kam beim Auktionshaus Henry’s einzeln unter den Hammer. Da ist es ein Glück, dass die heutigen Besitzer so kunstaffin sind, dass sie alles, was es noch zu bewahren gab, wie ihren Augapfel hüten.

Im einstigen Wohnhaus der Croissants, das heute einem Landauer Geschäftsmann gehört und an eine Steuerberaterkanzlei vermietet ist, gibt es sogar noch das original erhaltene Wohnzimmer des berühmten „Malers der Pfalz“. Die Stadt hat ihrem Sohn, der auch politisch aktiv war, 1970 zum 100. Geburtstag eine Gedenktafel gewidmet.

Goldmedaille für Inneneinrichtung

Nur wenige wissen, dass August Croissant neben seinen stimmungsvollen Landschaftsgemälden, ausdrucksstarken Familienporträts und exotischen Reiseeindrücken in Öl und Aquarell auch als Grafiker und Designer Erfolg hatte. 1904 hat er bei der ersten großen Jugendstilausstellung der Pfalz in Kaiserslautern sogar eine Goldmedaille für den Entwurf eines Mädchenzimmers erhalten.

Auch die dunklen holzgeschnitzten Einbaumöbel im Wohnzimmer des Croissant-Hauses sind nach seinen Jugendstil-Entwürfen entstanden. Sie bilden eine harmonische Einheit zur mustergeprägten Wandverkleidung aus Linoleumplatten, dem grünen Kachelofen, dem Herrgottswinkel und der Sitztruhe, in deren Rückenlehne die Öl-Porträts seiner beiden Kinder Emilie und Eugen eingearbeitet sind (heute Repliken).

Privatleben in Gemälden festgehalten

Aber auch einige Originale und eine Staffelei unterstreichen den Eindruck der Privatsphäre des schon zu Lebzeiten hochgeschätzten Malers. Das Ölgemälde vom „Weihnachtsfest mit Emilie und Eugen, 1903“, das auch den Ausstellungskatalog zur großen Croissant-Retrospektive vor 30 Jahren ziert, konserviert die heimische Atmosphäre auf Leinwand.

Das lichte Treppenhaus mit geschwungener Holztreppe, schmuckverglaste Türen sowie Wand- und Deckenmalereien belegen die hohe Handwerkskunst der Dekorationsmaler Friedrich Wilhelm und Philipp Jakob. Deren frühere Werkstatt im Hinterhof ist seit einigen Jahren im Besitz der Immobilienmaklerin, Fotografin und Galeristin Ursula Mueller.

Glaubensflüchtlinge aus Frankreich

Sie hat die Räume anhand von Blaupausen aus dem Stadtarchiv in den ursprünglichen Zustand rückgebaut und dabei Dekorationsmuster ans Tageslicht gefördert, die jetzt die Wände ihres „Atelier-Salons“ zieren. Ausstellungen zeitgenössischer Künstler und Ateliers gibt es hier nun.

Die Besitzerin will Gleichgesinnte dazu animieren, das Erbe der berühmten Vorbesitzer stärker in den öffentlichen Fokus zu rücken. Zumal die Familiengeschichte der Croissants, die bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts nach Frankreich zurückreicht, auch spannenden Geschichtsunterricht vermittelt. Als Hugenotten kamen sie als Glaubensflüchtlinge nach Deutschland – zunächst nach Edenkoben. Stammvater aller Croissants der „Pfälzer Linie“ ist Philipp Paul Croissant (1721-1784), Küfermeister in Edenkoben.

Fünf uneheliche Kinder

Die von ihm ausgehende Ahnengalerie ist stattlich: Seine Enkelin Philippina hatte fünf uneheliche Kinder mit Johann Trapp, seines Zeichens Gendarmerie-Brigadier in Frankweiler. Der gab seinen Familiennamen für den außerehelichen Nachwuchs nicht her, und so blieb es in den folgenden Generationen beim französischen Namen Croissant.

Der älteste Sohn war Zacharias Croissant (1833-1901), der die Küfertradition um das Handwerk des Malermeisters erweiterte und so auch den Boden für seine drei Söhne bereitete. Sie sind noch in Edenkoben auf die Welt gekommen: Friedrich Wilhelm (1864-1930), Philipp Jakob (1866-1935) und August (1870-1941). Ihr Geburtshaus steht bis heute.

Malreisen ans Mittelmeer

Alle drei haben beim Vater das Tüncherhandwerk erlernt, waren darin besonders begabt und machten gemeinsame Sache, als sie 1891 die Maler- und Dekorationswerkstatt in Landau übernahmen. Während die beiden Älteren dem Handwerk verbunden blieben, fand sich August schon früh zu den schönen Künsten hingezogen. Bereits in der Volksschule fiel das Zeichentalent des Linkshänders auf. Die Lehrjahre im Malerhandwerk sah August deshalb als notwendigen Vorlauf für die ersehnte künstlerische Laufbahn, die damals eher betuchten Bürgern vorbehalten war.

Über den Umweg der Kreisbaugewerkschule in Kaiserslautern und der Kunstgewerbeschule in Nürnberg kam er nach München, wo er Bekanntschaft mit den Malern Franz von Stuck und Franz von Lenbach machte, die ihn beeinflussten. Prägend waren für ihn auch Malreisen ans Mittelmeer bis nach Pompeji und Ägypten. Sie beförderten die Auseinandersetzung mit anderer Lichtverhältnissen und exotischen Motiven. Auch die Anregung zu neuen Ornamenten für die Dekorationsmalerei, die er neben seiner künstlerischen Entwicklung nie aufgab, fand er hier.

Max Slevogt muss gut zureden

Der Maler- und Dekorationsbetrieb in der Landauer Fortstraße bestimmte weiter seinen Lebensmittelpunkt. Hier hat August Croissant 1896 Emilie Schardein aus Ingenheim geheiratet, die er auf dem Billigheimer Purzelmarkt kennenlernte. Und hier kamen Tochter Emilie (1896-1990) und Sohn Eugen (1898-1976) zur Welt. Und vielleicht war gerade dieser bodenständige Rückhalt des goldenen Handwerks der Grund, warum er seinem Sohn Eugen, der seine Talente geerbt hatte, vom reinen Künstlerdasein abriet. Erst die Ermutigung des Malerfreunds Max Slevogt, der die große Begabung des jungen Mannes bestätigte, ebnete den Weg für ein Kunststudium in München.

Von dort zog es Eugen, der schon früh für seine „zeichnerischen Humoresken“ und Karikaturen bekannt und später für seine Aquarelle gefeiert wurde, an den Chiemsee. Mit seiner Frau Elisabeth, die sich der Hinterglasmalerei verschrieb, lebte er in einem legendär einfachen Haus ohne den geringsten Komfort. Der Chiemgau wurde seine malerische Heimat, aber er hinterließ auch beeindruckende Motive aus seiner Vaterstadt – etwa eine „Partie an der Queich, An 44“ oder eine winterliche Impression des Atelierhauses in der Fortstraße.

Enkelin kommt in Gestapohaft

Auch Marlys Fay, Augusts Enkelin und Nichte von Eugen, wurde eine erfolgreiche Künstlerin. Als Bildhauerin hat sie sich immer wieder mit dem Antlitz und der Würde des Menschen auseinandergesetzt, vielleicht, weil sie schon in jungen Jahren eine schreckliche persönliche Erfahrung verarbeiten musste.

Als Mitglied eines Widerstandskreises geriet Marlys Fay 1944 beim Studium in Wien wegen Hochverrats in Gestapo-Untersuchungshaft. Dort hat sie heimlich Porträts ihrer Mitgefangenen gezeichnet, die später ermordet wurden. Diese „Bildnisse“ waren die letzten Lebenszeichen der jungen Frauen. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Speyerer Hans Bruno Fay, schuf Marlys fulminante Werke wie das Reginbald-Portal zur Afra-Kapelle im Speyerer Dom.

Aus dem Museum in Landau wird nichts

Bevor das Künstlerehepaar 1956 nach Spanien auswanderte, kam Marlys Fay für einige Jahre nach Landau zurück und gründete im einstigen Atelierhaus ihres Großvaters eine Kinderwerkstatt. Sie war es auch, die die Einrichtung einer Croissant-Stiftung oder einer Art Museum in Landau vorangetrieben hat. Aber sie setzte das Unterfangen mangels Kooperationsbereitschaft der Stadt und der eigenen Familie in den Sand.

Auch die Nachfahren von Augusts Brüdern haben sich einen Namen in der Kunstszene gemacht. Friedrich Wilhelms Sohn Karl Emil (1899-1964) hat sich ein Atelier im Gasthaus „Zum Bierenbaum“ in Nußdorf eingerichtet und die Pfälzer Landschaft, der er auch Gedichte widmete, in kraftvollen Ölgemälden gehuldigt wie „Horstallee in Landau mit Dame in Rot“ oder die „Dorfstraße in Diedesfeld“ mit Blick auf das Hambacher Schloss. Es ist belegt, dass er Max Slevogt bei der Ausarbeitung von dessen Wand- und Deckengemälden auf dem Slevogthof zur Hand ging. Und es war sein trauriges Schicksal, dass er in beiden Weltkriegen kämpfen musste und schwer an den traumatischen Eindrücken litt. Sie überschatteten sein Künstlerdasein, ruinierten seine Gesundheit und ließen ihn schon zu Lebzeiten in Vergessenheit geraten.

Hermannn Croissant in Landauer Festhalle verewigt

Sein Cousin Hermann Croissant (1897-1963), Sohn von Philipp Jakob, mag vielen Südpfälzern noch besonders in Erinnerung sein. Seine Vielseitigkeit und Begabung als Maler von Landschaften, Porträts, Genreszenen, Stillleben und Akten, aber auch von großen Wanddekorationen (etwa in der Landauer Festhalle) setzten Impulse für einen neuen frischen Stil.

Auch er, der sich mit Purrmann und Slevogt im „Romanischen Cafe“ traf, hatte eine poetische Ader und war befreundet mit der Schriftstellerin Martha Saalfeld, die ihm nach seinem frühen Herztod einen sehr persönlichen Nachruf schrieb. Etliche Male hat er in seinen Gemälden sein Atelierhaus mit Garten in der Löhlstraße und den Blick von dort in die Reiterwiesen inszeniert. Das Wohnhaus steht noch immer, das Atelier ist mittlerweile einem Neubau gewichen.

Michael Croissant lehrte an der Städelschule

Hermanns Sohn Michael Croissant (1928-2002), in Landau geboren, hat dem Familiennamen als Bildhauer zu internationalem Ruf verholfen. Nach einer Steinmetzlehre ging er 1946 an die Akademie der Bildenden Künste nach München, wo er von Toni Stadler geprägt wurde und seine Studienkollegin Christa von Schnitzler heiratete. Er war Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste und lehrte von 1966 bis 1988 an der Städelschule in Frankfurt. Seine Plastiken aus Eisenplatten, Aluminium, Cortenstahl oder Bronze sind Menschenbilder in extrem reduzierter Form und oft schmerzlicher Intensität. Die formale Reduktion war seine Mittel der emotionalen Verdichtung.

Seinen ersten öffentlichen Auftrag erhielt Michael Croissant für das Städtische Krankenhaus in Landau, für das er 1958 – gerade 30 Jahre alt – die Plastik „Der Gute Hirte“ schuf. Der Hirte mit dem Schaf über den Schultern ist in der angedeuteten Form eines Kreuzes dargestellt. Drei Jahre später schuf er die Glockenmänner auf dem Dach des alten Kaufhauses. Obwohl beide Arbeiten noch weit entfernt von seinem späteren minimalistischen Stil waren, wurden sie in der Bevölkerung heftig diskutiert. In einem Statement in der RHEINPFALZ hat der Speyerer Maler Hans Purrmann deshalb um Toleranz für die neue Kunstsprache der jungen Generation geworben.

In Serie „Schwarzwaldklinik“ Bilder entdeckt

Alle hier genannten Vertreter der Künstlerfamilie Croissant – und einige mehr – waren vor genau 30 Jahren bei einer großen Retrospektive in der Villa Streccius vereint. Der von Heinz Setzer und Manfred Croissant (dem Sohn Karl Emil Croissants) herausgegebene Ausstellungskatalog wurde zum wertvollen Dokument der Familien-, Heimat-, Kunst- und Zeitgeschichte. Er war auch wichtige Quelle für diese Spurensuche.

Brigitte Croissant, die Witwe des Co-Herausgebers, und ihre Tochter Mia, die als Kunstlehrerin an der IGS Kandel arbeitet und als Künstlerin vor allem in den neuen Medien unterwegs ist, haben noch lebhafte Erinnerungen an das Beschaffen der Exponate – vor allem an ihren Besuch in der legendären Schwarzwaldklinik im Glottertal, wo zahlreiche Gemälde von August Croissant hingen.

Das habe sie ganz zufällig bei einem Fernsehabend erfahren, weil eins der Gemälde beim Vorspann der TV-Serie so offensichtlich ins Auge fiel. Brigitte Croissant vermutet, dass August mit den vielen Gemälden vor allem von Schwarzwaldlandschaften seine Kuraufenthalte bezahlt hat.

Michael Croissants Glockenmänner auf dem alten Kaufhaus in Landau
Michael Croissants Glockenmänner auf dem alten Kaufhaus in Landau
Historisches Foto von August Croissant an seiner Staffelei.
Historisches Foto von August Croissant an seiner Staffelei.
August Croissants Aquarell „Wochenmarkt, Paradeplatz“ (1925)
August Croissants Aquarell »Wochenmarkt, Paradeplatz« (1925)
Dekorationsmalerei in August Croissants Wohnzimmer.
Dekorationsmalerei in August Croissants Wohnzimmer.
Fassaden-Detail am Haus der Croissants.
Fassaden-Detail am Haus der Croissants.
Schön gestaltet ist sind schmuckverglaste Türen im Haus der Croissants.
Schön gestaltet ist sind schmuckverglaste Türen im Haus der Croissants.
Das Interieur haben die Croissant-Brüder selbst gestaltet.
Das Interieur haben die Croissant-Brüder selbst gestaltet.
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