Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Die Karlsruher Songwriterin Christina Lux über ihr neues Album

Christina Lux mag es, wenn ihre Songs transparent klingen.
Christina Lux mag es, wenn ihre Songs transparent klingen.

Nach „Leise Bilder“ 2018 hat die gebürtige Karlsruher Singer-Songwriterin Christina Lux nun „Lichtblicke“ vorgelegt: ihr zweites Album mit deutschen Texten. Wie wichtig ihr die Texte sind und wie sehr ihr Konzerte fehlen, hat Lux im Gespräch mit Christian Hanelt verraten.

Planen Sie mit der neuen CD eine Tournee oder ist es dazu noch zu früh angesichts der sich stetig verändernden Corona-Bedingungen?
Ich hätte soooo gern viel mehr gespielt. Einige Songs des Albums haben wir nie live gespielt. Das schmerzt und fehlt. Sobald es wieder geht, hoffe ich sehr, dass wir da noch einige Termine in 2022 spielen können. Allerdings fehlt gerade ein wenig der Mut ob der unwägbaren Entwicklung. Die Situation ist weiterhin sehr schwierig. Ich rechne damit, dass sich die Lage frühestens 2023 wieder erholt. Die Menschen entwöhnen sich schnell. Werden sie wieder so zahlreich kommen, und wie lange wird es dauern? Dieses Jahr wird es höchstwahrscheinlich ein krasses Überangebot geben, weil viele Tourneen verlegt wurden. Ich drücke mir und den lieben Kolleginnen und Kollegen sehr die Daumen. Es wird auf jeden Fall weiterhin unfassbar viel Geduld und ein sehr dickes Fellchen brauchen. Ich bin meiner Lauschgemeinde ungeheuer dankbar, die fleißig direkt bei mir Alben bestellt hat und mir so auch die Angst vor existenziellen Sorgen deutlich gemindert hat.

Kann man Ihre Titel auch auf Spotify hören?
Von Spotify zu leben, ist kaum möglich. Die wenigsten wissen, dass bei einem Stream nur 0,003 Euro beim Künstler landen. Es gibt deutlich nettere Streaming Plattformen wie zum Beispiel Tidal, die deutlich besser vergüten – aber wie so oft sind die Menschen sehr bequem. Man muss es deutlich machen als Künstler, was es bedeutet, Kultur und Kunst zu erhalten. Geben und nehmen. Künstlerartenschutz bedeutet etwas anderes als nur für „umme“ Musik hören, und das haben viele meiner Leute wirklich verstanden.

Ihre Songs haben hoffnungsvolle, farbenfrohe Texte, eingebettet in Klänge, die einen weiten Bogen schlagen – alles fernab der so oft anzutreffenden Beliebigkeit deutscher Popsongs. Wie sehen Sie selbst das Album, sind Sie damit zufrieden?
Das tut sehr gut und freut mich riesig. Ja, ich bin sehr glücklich mit dem Album. Ich habe wunderbare Resonanzen bekommen, sodass mir das die schmerzlich vermissten Konzerte ein wenig abfedert. Normalerweise spiele ich die Songs immer vorher live, um ihnen wirklich nahezukommen. Das ging diesmal nicht und hat den ganzen Prozess etwas verändert. Also haben Oliver George und ich vieles zusammen in unserem kleinen Studio aufgenommen und immer weiter entwickelt. Oliver ist da glücklicherweise sehr viel zäher als ich. Am Ende haben wir es von Grammy-Gewinner Klaus Genuit aus den Hansahausstudios in Bonn, mit dem ich schon viele Jahre arbeite, mischen lassen. Er hat dem Album noch seinen letzten Feinschliff gegeben. Ich würde es genauso wieder machen.

Hatten Sie ein Konzept, wie dieses Album am Ende klingen soll?
Das habe ich eigentlich nie vorher. Ich lasse die Songs sich entwickeln, und dann kommen sie so, wie es meinem Herzen und meiner Stimmung am nächsten ist. Sie entstehen im Tun. Ich versuche einfach zu ergründen, was den Song am besten trägt und welche Instrumente es dazu braucht, welche Klänge und Farben. Und manchmal fällt mir dann jemand ein, den ich als Gast unbedingt dazu einladen will. Hier war es die wunderbare Tokunbo auf dem Song „Ins Licht“ – eine Hommage an Astrid North und Regy Clasen und einige mehr, die leider nicht mehr hier sind. Anne de Wolff hat dafür die schönen Streicher geschrieben und gespielt. Das Konzept entsteht zusammen mit dem Album. Song für Song wird es sichtbar.

Wie unterscheidet sich das Album von seinem Vorgänger?
Es ist wieder einen Schritt weiter gegangen. Ich komme immer mehr auf die Essenz, die bei mir meist von den Worten ausgeht. Oliver schreibt manchmal Arrangements, zu denen ich dann weiter arbeite mit Text und Melodie. Wir ergänzen uns sehr gut, und er hat den großen Vorteil, dass er sowohl Schlagzeuger als auch Gitarrist und Sänger ist. Auch wenn es mal einen Bass braucht und ein paar Keys, ist er da. Und so kann ich über eine Person, der ich zutiefst vertraue, mit seinen Ideen gemeinsam die Arrangements erarbeiten. Wir spinnen eine Vision und robben uns dann näher und näher ran. „Leise Bilder“ war unser erstes gemeinsames Album 2018. In der Zeit bis zum neuen Album hat sich vieles weiterbewegt. Auch die Konzerte, die wir seit 2018 zusammen gespielt haben, waren sehr wichtig für den Klang, der jetzt auf „Lichtblicke“ entstanden ist.

Wie lief die Produktion unter Corona-Bedingungen?
Eines Morgens wachte ich auf und hatte diese Zeile im Kopf: „Meine Decke ist schwer und wenn’s nicht so wär’ würd’ ich in die Nacht hinaus fliegen und mit dem Mond einen saufen gehen…“ Ich dachte, „ups, was willst Du mir sagen?“ Songs sind immer weiser als man selbst, finde ich. Und dann rief mich meine Baritongitarre und so entstand „Mond“. Das ist mir die liebste Art zu schreiben, wenn alles so in einem Fluss entsteht. Und so ging es Stück für Stück weiter. Der Vorteil des eigenen Studios ist, dass man einfach jederzeit arbeiten kann. Wann immer die Stimmung richtig ist. Dann musste ich einfach vertrauen, dass das, was wir aufgenommen hatten, seinen Weg finden würde – über das Ohr ins Herz und den Bauch und die Seele. Und es hat gut geklappt, kann ich mit einem breiten Lächeln sagen.

Fällt es Ihnen schwer, die finale CD-Version eines Songs zu finden und ihn dann loszulassen?
Bei manchen Songs ist es ganz einfach – wie bei „Mond“. Bei anderen braucht es gefühlt eine Ewigkeit, bis es sich leicht anfühlt, bis der Soundtrack mich komplett trägt. Ja, jetzt, wo ich es erzähle, denke ich, ich arbeite immer so lange, bis es sich ganz fließend und leicht anfühlt, bis die Melodien und die Akkorde so zahnen, dass ich sie tief und gut in meinen Zellen habe. Manchmal kommen Instrumente dazu, die vielleicht am Ende wieder rausfallen, weil das Arrangement zu dicht geworden ist. Immer wieder arbeite ich wie mit einem Rechen, sortiere aus, sodass nur das bleibt, was der Song wirklich braucht. Ich mag es, wenn es transparent bleibt.

Seit 2018 schreiben und singen Sie deutsche Texte. Wie kam dieser Umschwung von Englisch zu Deutsch?
Schon 2006 gab es einen deutschsprachigen Song auf dem Album „Coming Home At Last“. Der Song „Spät“ war ursprünglich englisch. Bei einer Probe habe ich ihn eigentlich aus Jux spontan übersetzt, und dann kam das so weich und rund angeflogen, dass er von da an so blieb. Ich habe seitdem mehr und mehr deutsch geschrieben und wechsele auch teils innerhalb des Songs. Manche Worte sind für mich so viel stärker im Englischen, andere kommen so viel näher in meiner Muttersprache. Ich mag mich da gar nicht beschränken, wie bei „True Self“ vom neuen Album. Da war es ein Text von Emily McDowell, der den Stein ins Rollen brachte.

Deutsch ist zwar Ihre Muttersprache, ist es aber nicht dennoch anspruchsvoller, deutsche Texte zu schreiben? Mir geht es so, dass ich über einen deutschen Text nicht hinweghören kann und gleich eine Gefällt- oder Gefällt-nicht-Schublade aufziehe.
Genauso ist es. Ich kann einen deutschsprachigen Text nicht wirklich überhören und nur die Musik wahrnehmen. Der Text rutscht nach vorne, was ziemlich spannend ist, besonders live. Ich wusste, wenn ich das jetzt tue, bin ich komplett sichtbar. Hinter dem Englischen konnte ich mich immer auch ein wenig verbergen. Und das auch in einer Zeit, in der ich oft über ziemlich bittere Themen schrieb. Durch die Ehe mit einem Amerikaner damals war das Englische mir sehr nah. Und so fanden auch all diese teils sehr schwierigen Zeiten emotional in der Sprache statt. Als ich anfing deutsche Zeilen einzuflechten, manchmal auch einfach während des Konzertes spontan, spürte ich die Veränderung der Aufmerksamkeit im Raum. Ich begann das zu schätzen. Und ich wollte immer mehr sichtbar sein. Es war der richtige Zeitpunkt. Und meine Luxlauscherinnen und Luxlauscher, wie ich sie nenne, haben diesen Schritt ganz wunderbar mitgemacht. Das war sehr berührend. Es ist eher noch näher geworden.

Ist es so, dass Songwriter aus Unsicherheit lieber einen englischen Text schreiben, dem man mehr verzeiht?
Das kann ganz schnell passieren. Ich gebe hin und wieder Songwriting-Workshops. Und fast immer, wenn jemand mit einem englischsprachigen Song kommt, bitte ich ihn, wortwörtlich zu übersetzen und dann zu schauen, ob er seine eigene Sprache wiedererkennt und ob das wirklich genau das ist, was er sagen wollte. Meistens ist es nicht so. Und der Text wird dann eher als Instrument genutzt wie ein Klang. Für mich ist diese Klarheit, genau zu wissen, was ich da erzähle und was es mir bedeutet und ob ich Worte wähle, die dem Erzählen in meiner eigenen Sprache nahe sind, ein ganz wichtiger Teil – im Konzert und im Studio. Verschmelzen mit dem Sinn und den Worten: Das macht alles sehr präsent. Ein unbeschreiblich schönes Gefühl ist das. Wie ein Fluten der Seele.

Deutsche Texte sind heute längst keine Seltenheit mehr im Pop. Andererseits habe ich den Eindruck, dass da doch vieles recht beliebig geworden ist und einer Art NDW – Neuer Deutschen Weinerlichkeit – entspringt. Wie beurteilen Sie das?
Ich glaube zu wissen, was Sie meinen. Manchmal fährt mir der Satz raus, „ein bisschen mehr Mühe hättet ihr Euch schon geben können, oder“? Und dann bin ich etwas irritiert, wenn genau diese Songs, die für mich gerade mal leicht an der Oberfläche kratzen, viele Menschen ganz tief berühren. Aber so ist es. Menschen sind sehr unterschiedlich in ihren Wahrnehmungen. Vielleicht ist alles durch die Flut an Musik, die einem ständig zur Verfügung steht und die oft nur nebenbei gehört wird, so schnelllebig geworden. Wenn ich ein Album für mich entdeckt habe, dann höre ich es über lange Zeit immer wieder. Es sind fast nie einzelne Songs, die das machen. Ich mag das Album als Ganzes. Ich mag gern überrascht werden. Und ja, auch mir ist es oft zu weinerlich. Und dann wieder höre ich so etwas Schönes wie die Songwriterin Fee und denke, „ah, guck mal, das geht auch ganz wunderbar poetisch und mit deutlich mehr Tiefe“.

Was hat aus Ihrer Sicht eigentlich diesen Boom deutscher Musik ausgelöst?
Kann gut sein, dass Menschen sich einfach noch näher und direkter angesprochen fühlen in der Muttersprache. Es ist eine schöne Entwicklung, dass die deutsche Sprache in der Musik nicht mehr als uncool oder schlageresk gilt. Nachdem die großen alten Helden wie Lindenberg und Grönemeyer ihrer Wege zogen, kam eine Welle mit deutschsprachigem Soul. Der Großvater dieser Musik ist und bleibt für mich Edo Zanki, der zum Beispiel Laith al Deen auch sehr inspirierte. 1986 traf ich Edo das erste Mal. Erst viel später habe ich verstanden, dass seine Art, mit der deutschen Sprache umzugehen, auch in mir Spuren hinterlassen hatte. Dann kam die Welle der sogenannten Songpoeten. Es gibt auch hier eine Menge neuer toller Leute wie Enno Bunger oder Niels Frevert. Die mag ich sehr. Das ist seelenvoll, ohne Weinerlichkeit.

Sie haben auf dem Solo-Album von Deep-Purple-Mitbegründer Jon Lord gesungen. Wie kam es dazu?
Das war eine ganz wunderbare Begegnung. Ich singe auf seinem Album „Pictured Within“ von 1998. Zu dieser Zeit war ich ein Teil der A-capella-Gruppe Vocaleros. Mario Argandona war auch dabei, und der spielte damals bei Jon in der Band. Er hatte unser Album mit großer Begeisterung gehört und uns dann eingeladen, auf seinem Soloalbum zu singen. Ich erinnere mich an einen sehr angenehmen Zeitgenossen ohne komische Allüren. Das war toll. Und ist immer noch schön zu hören.

Nach einer CD ist vor einer CD: Arbeiten Sie schon an einem neuen Album?
Wir sind wahrhaftig an einem neuen Song dran. Aber ein Album liegt noch in weiter Ferne. Und ja, es ist eine Kunst, gerade sich zu inspirieren und nicht einfach nur still zu werden. Zu wenig Input durch Begegnung. Die Konzerte fehlen doch sehr.

Zur Person

Christina Lux tritt seit 1983 als Musikerin auf, zunächst in lokalen Rockbands, später in Jazz-Formationen. 1989 folgten Tourneen und Plattenaufnahmen als Background-Sängerin unter anderem mit Purple Schulz, David Torn, Edo Zanki und Laith al Deen. 1993 erschienen erste eigene Songs auf zwei CDs der Formation Vocaleros. Lux arbeitete als Studiomusikerin für Jon Lord und war Gast einer Tournee mit Fury in the Slaughterhouse. 1999 erhielt sie einen Plattenvertrag. Es erschien ihre Debüt-CD „Little Luxuries“. Lux trat im Vorprogramm von Paul Young, Long John Baldry, Tuck & Patti und Status Quo auf und spielte 2005 auf dem Montreux Jazz Festival. Inzwischen ist Lux aus der deutschen Singer-Songwriter-Szene nicht mehr wegzudenken. Ihr Album „Leise Bilder“ wurde 2018 mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Lux hat sich eine treue Fangemeinde erspielt, die den 2018 eingegangenen Schritt hin zur deutschen Sprache mitgegangen ist. Denn es sind vor allem ihre Texte, die ihrer Musik, die spielerisch Folk, Jazz, World und Pop-Elemente verbindet, eine große Berührbarkeit geben.

Cover der neuen CD.
Cover der neuen CD.
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