Kultur Südpfalz Der Schwarze Tod in der Stadt

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Derzeit grassiert weltweit die Angst vor einer Ebola-Epidemie, auch in Europa wächst die Furcht. Verheerende Krankheiten erschütterten das Weltbild der Menschen über Jahrhunderte auch auf dem alten Kontinent. Und immer als eine der ersten Städte betroffen: Venedig.

Als führende Seemacht im Hochmittelalter wurde Venedig, das besonders mit dem Orient Handel trieb, eines der Einfallstore für die erste schwere Pestepidemie Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa. Die ansteckende Krankheit, die Reisende aus Afrika einschleppten, wütete in den Jahren 1348 und 1351 zwischen Lübeck und Mainz, London und Florenz, und kostete Millionen von Menschen das Leben. Eine Stadt wie Venedig, die offen sein musste für den Handel durch Schifffahrt, war eine ideale Bühne für die Infizierung mit einer Krankheit, die sich von Mensch zu Mensch übertrug. Seit 1348 rollten immer wieder Seuchenkrankheiten über Europa. Der Schwarze Tod verbreitete auf dem Kontinent ein bis damals nie gekanntes Grauen. In einigen Orten Mittelitaliens begann man aus der ersten Erfahrung mit der Pest bereits im späten 14. Jahrhundert, konkrete Quarantänemaßnahmen zu ergreifen. Darüber kann man mit Romedio Schmitz-Esser reden. Der 38-jährige Historiker leitet seit Kurzem das Deutsche Studienzentrum in Venedig, eine Einrichtung der Bundesrepublik zur Erforschung der Geschichte und der Kultur in Venedig und in dem ehemaligen Herrschaftsraum der „Repubblica Serenissima“. Die Isolation der Kranken und der der Krankheit Verdächtigen war das früheste und fortschrittlichste Mittel gegen Seuchen. Im 15. Jahrhundert nutzte die Republik Venedig ihre besondere geografische Lage in der Lagune und richtete zwei Inseln dafür ein. Das sogenannte Lazzaretto Vecchio entstand 1423 auf einer abgelegenen Insel unweit des Lido, auf die man die dem Tode geweihten Kranken brachte. Das etwas später, 1468 aufgebaute Lazzaretto Nuovo diente an der Zufahrt zum Hafen vorwiegend als Quarantäne-Station nicht nur für Menschen, sondern auch für Schiffe und Waren. Damit wurde die Serenissima zu einem „spannenden Sonderfall“, so Schmitz-Esser. Unter den vielen Sehenswürdigkeiten, die Venedig heute bietet, ist das Lazzaretto Nuovo eine große Unbekannte. Die Insel in der Lagune nordöstlich der Altstadt wird von den Linienbooten der Verkehrsbetriebe bloß bei Bedarf angesteuert. Man kann sie nur jeweils am Wochenende zwischen April und Oktober mit Führungen besichtigen. Und wer jetzt im November kommt, muss sich auf dem Vaporetto erst einmal fragen lassen, ob man einen Termin auf der Insel hat. Die wird nämlich nur „von drei Katzen und zwei Hunden bewohnt“, wie Gerolamo Fazzini erzählt, der die Besucher bereits erwartet. Der pensionierte Gymnasiallehrer steht dem Ekos Club vor, einem Verein von Freiwilligen, dessen Mitglieder sich ohne Entgelt um den Erhalt der Anlagen kümmern. Gleichsam in diesem Niemandsland zwischen Stadt und Land brachte man von 1468 an bis ins 18. Jahrhundert Pest-verdächtige Personen in kleinen Wohnhäusern am Rand der Insel unter. Zuvor mussten sie sich noch einem Reinigungsritus durch Essigbäder unterziehen. In ihren Wohnungen konnten sie sich während der Quarantänezeit, die etwa 21, 22 Tage dauerte, verpflegen. Sie wurden mit notwendigen Einrichtungsgegenständen und Lebensmitteln versorgt. Die Kosten dafür übernahm der Staat, erzählt Fazzini. Die Wohnhäuser mussten später Verteidigungsanlagen weichen, erhalten ist das Hauptgebäude der Quarantäneinsel, das sogenannte Teson Grande. In der 100 Meter lange Halle wurden einst die Ladungen der Schiffe zwischengelagert und desinfiziert. Durch offene Bögen, mit denen das Gebäude von allen Seiten umgeben war, zog jederzeit frische Luft durch die Anlage. Man vermutete damals, dass Gerüche eine entscheidende Rolle bei der Ansteckung spielen würden. „Denn wenn jemand sein Leben aushauchte, wurde alles von einem unentrinnbaren, tödlich Ansteckungsstoff erfüllt“, heißt es bei Lorenzo de Monacis. Von dem Pest-Floh als Ursache hatte man nichts gewusst, auch nichts von der Übertragung des tödlichen Bakteriums durch Ratten. Das entdeckte man erst im Jahr 1898. Um sich vor üblen Gerüchen zu schützen, trugen Ärzte eine Maske mit einem langen Schnabel, wie man sie heute noch im Theater der Commedia dell’Arte und zu Karnevalszeiten sehen kann. In die vordere Hälfte des Schnabels stopfte der Träger aromatische Kräuter, um so den Geruchsweg zu filtern – eine Art historische Gasmaske. Auch die Ladungen der Schiffe wurden gelüftet, der Sonne ausgesetzt und teilweise einer Rauchbehandlung unterzogen. Mit Rauch von Rosmarin, Wacholderbeeren und würzigen Gräsern. Häute und Felle tauchte man dagegen in Essigbäder. Andere Gegenstände wurden mit salzigem und kochenden Wasser behandelt. Die Schiffe selbst wurden samt der Segel mit Salzwasser gewaschen. „Je nach Art der Ware gab es eigene Prozeduren“, so erzählt Fazzini. Im Teson Grande, dessen offene Bögen längst zugemauert wurden, ist heute ein vom Ekos Club mit wenig Geld und einfachen Mitteln eingerichtetes Pest-Museum zu besichtigen. Zu Pestzeiten im 14. Jahrhundert und den Jahrhunderten danach hat der Umgang mit dem Tod für den Einzelnen etwas Traumatisches. Denn, sagt der Historiker Schmitz-Esser, es kam ja für den Christenmenschen darauf an, „richtig“ zu sterben. Im Kreis der Familie nach Beichte und Erhalt der Sakramente. Und in der Gewissheit, jemanden zu haben, der nach dem Tod für einen betet. Diese Gewissheit geht, wie auch eine ordentliche Beerdigung, in Zeiten des Massensterbens verloren, wenn Priester und Ärzte geflohen oder selbst gestorben sind und sogar die Verwandten das Weite gesucht haben. In Venedig wie in anderen Orten hatte man dabei trotz der Notsituation versucht, eine „christliche Bestattung“ zu ermöglichen. Schmitz-Esser weiß aus London, dass man in Massengräbern sogar eine eigene Stapelungstechnik entwickelt hatte, wie Archäologen nachweisen konnten, „um die Toten möglichst mit dem Kopf nach Westen und den Füßen nach Osten und auf dem Rücken liegend zu bestatten.“

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