Bad BergzabernDas Städtische Museum im Alten Engel wird eingemottet
Kunsthistorikerin Sabine Adler fotografiert, vermisst, katalogisiert und verpackt dann jedes Stück der Sammlung.
So haarsträubende Abenteuer wie Ben Stiller im Kinohit „Nachts im Museum“ hat Kunsthistoriker Sabine Adler nicht zu befürchten. Aber auch sie ist ziemlich einsam, wenn sie in den kommenden Monaten das Stadtmuseum von Bad Bergzabern leerräumt.
Von außen sieht man dem schmucken Renaissancebau, der früher den Amtssitz der Herzöge von Zweibrücken, später das Gasthaus „Zum Engel“ und bis zuletzt das Stadtmuseum Bad Bergzabern beherbergte, zwar keine Makel an, innerlich ist er aber ein aufwendiger Sanierungsfall. Deshalb muss das Museum mitsamt seiner Gedächtnisstätte für das Künstlerpaar Werner vom Scheidt und Martha Saalfeld auf unbestimmte Zeit ausquartiert werden. Die Kunsthistorikerin Sabine Adler hat die Mammutaufgabe übernommen. Auf einsamem Postenmuss muss sie dafür sorgen, dass beim Umzug nichts verloren geht, alles archiviert, katalogisiert, digitalisiert, fachgerecht eingemottet und zwischengelagert wird.
Nur zehn Stunden pro Woche stehen der freiberuflich arbeitenden Expertin, die auch im Künstlerhaus des Bundesverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) Karlsruhe beschäftigt ist, zur Verfügung. Und noch sind die vielen kleinen Zimmer, Kammern und Nischen des über zwei Stockwerke verteilten, labyrinthisch anmutenden Museums reich bestückt mit Möbeln und proppenvollen Vitrinen.
Digitale Geräte messen Klimabedingungen
Von den Wänden grüßen Ahnengalerien, Heimatgemälde und Fahnen, Exponate zeugen von etlichen Themen der Stadtgeschichte vom Erzabbau bis zum Kurwesen. „Ich habe gar keine Ahnung, wieviel das ist“, kommt die junge Museumskoordinatorin beim Versuch einer zahlenmäßigen Einordnung ins Grübeln. Und der Laie fragt sich: Wo anfangen? Wie vorgehen? Was womit wohin verpacken? Doch Sabine Adler lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.
Zuerst hat sie die Wände der Ausstellungsräume mit kleinen digitalen Messgeräten bestückt. Die sollen nun über einige Wochen hinweg Auskunft über Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit geben und damit die Mindestanforderungen für die diversen Zwischenlager markieren, die möglichst in der Kurstadt selbst ausfindig gemacht werden sollen. Auch Vorschläge für spezielle Transportunternehmen hat die Fachfrau schon zusammengetragen.
Jedes Stück wird digital inventarisiert
„Ich bin eigentlich ganz gut im Organisieren“, meint Adler lächelnd und verrät auch in Bezug auf das Sammelsurium im Fundus des Museums ihr Konzept. „Ich ordne alles getrennt nach Kategorien, also: Gemälde, Textilware, Porzellan, Bücher, Möbel, Mineraliensammlung. Schließlich müssen die Materialien ja auch unterschiedlich verwahrt werden.“ Am Einfachsten wird wohl der Umzug der Gedächtnisstätte Werner vom Scheidt und Martha Saalfeld, die als Herzstück des Museums gilt, bereits digitalisiert ist und als Einheit eine Bleibe finden soll.
Auf der Rückseite ist nachzulesen: Hier handelt es sich um eine Federzeichnung von Brunhilde Burry-Pfannhuber.
Egal ob Buch oder Bild, Porzellan oder Stein, uralt oder fast neu, von hohem materiellen Wert oder eher ideeller Bedeutung: Jedes einzelne Objekt muss Sabine Adler einzeln bearbeiten. Dazu gehört das Fotografieren der Vorder- und Rückseite, das Vermessen und Datieren, das Zuordnen einer Inventarnummer plus Hinweis, ob, es sich um eine Leihgabe oder um Museumsbestand handelt. Außerdem das Katalogisieren und Digitalisieren, also Einspeisen in die Datenbank des Landes Rheinland-Pfalz. Erst danach kann ein Gegenstand fachgerecht eingepackt und in eine Umzugskiste verstaut werden.
Einige schöne Stücke der Pfälzer Malerelite hat bdas Museum in seinem Bestand.
„Als Kunsthistorikerin liegen mir natürlich die Gemälde besonders am Herzen“, gesteht Adler. Schöne Originale der Pfälzer Malerelite – von Slevogt über Croissant bis Strieffler –, aber auch andere Hingucker, etwa von Scharpf, Pohl-Cammin und Mayer-Fröhlich, stehen schon in einem Zwischenraum parat für den Abtransport.
Was machen mit den exotischen Stücken?
Fast alles andere hingegen ist noch völlig unberührt. Etwa die Ostasiensammlung mit ihren metallenen Figuren, Schatullen und seidenen Schühchen. Warum ist sie in der Kurstadt gelandet? Wie will man ihren Wert bemessen? Die genaue Herkunft jedes Stücks festlegen? Tatsache ist, dass alles aus der „Gürtnerischen Sammlung“ stammt und dem Museum aus Familienbesitz gestiftet wurde. Denn Josef Gürtner (geboren 1844 in Straubing und gestorben 1893 in Nykøbing Falster/Dänemark) war mit Juliane Auguste Rothaas aus Bad Bergzabern verheiratet. Als Eisenbahningenieur im Dienste des russischen Zaren Alexander II. und des serbischen Königs Milan I. ist er wohl viel in der Welt herumgekommen. Auch Hermann Gürtner, vermutlich sein Sohn, wurde Eisenbahningenieur und Mitarbeiter der „Chantung-Eisenbahngesellschaft“ in China. Von ihm stammen wohl die meisten Gegenstände aus Fernost, die ein bisschen Exotik in die Heimat brachten.
Wie vor Jahren bei der Emil-Helfferich-Sammlung Neustadts in der Villa Böhm haben die Buddha-Köpfe, Möbelstücke, Rüstungen und Waffen aus Indonesien, Japan und China kaum etwas mit der Stadtgeschichte gemein. Neustadt gab seine Exponate 1997 als Leihgabe an das Ostasien-Institut der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen, als das Stadtmuseum neu gestaltet wurde. In Bad Bergzabern ist man noch lange nicht so weit.
Schlechte Repros der herzöglichen Porträts
Hier hütet man die exotischen Stücke Raum an Raum mit den Zeugnissen der Bad Bergzaberner Revolution und des Hambacher Fests: originale Fahnen, Waffen und Schriften. Ein Zimmer weiter geht’s fürstlich zu, wobei die Repro-Porträts der herzoglichen Perückenträger von Pfalz-Zweibrücken von so schlechter Qualität sind, das ihnen nach dem neuen Museumskonzept, wie Adler vermutet, wohl kein Dach überm Kopf mehr gewährt wird. Ihre Geschichte soll künftig digital aufbereitet und mit vielen Querverweisen zu Zeit, Politik und Gesellschaft neu belebt werden. Ihr Porzellan wandert trotzdem sorgsam verpackt ins Zwischendepot.
„Qualität statt Quantität“ ist Adlers Maxime für das neue Museumskonzept. „Es wird kein klassisches Heimatmuseum mehr geben, stattdessen sollen Spezialitäten und Sammlungshighlights aus dem Bestand präsentiert werden.“ Ganz gewiss gehört dazu das dicke Kräuterbuch des Jakob Theodor, genannt „Tabernaemontanus“, der um 1520 in Bad Bergzabern geboren wurde und 1590 in Heidelberg gestorben ist. Sein ganzes Wissen hat der Apotheker, Botaniker und Mediziner mit reicher Bebilderung zwischen die Lederbuchdeckel gepackt, die jetzt erst mal zugeklappt und sorgsam eingelagert werden.