Rheinpfalz Das Ende der Reisefreiheit in Europa
Reisepässe, Personalausweise, Visa: All diese Dokumente sind fester Bestandteil unseres Lebens und selbst für die Kleinsten schon Standard. Sie sind ein Stück unserer Identität. Wenn sie verloren gehen oder gestohlen werden – womöglich noch im Ausland –, dann wird deutlich, wie hilflos und nackt man sich ohne sie fühlt. Dennoch reisten bis ins 20. Jahrhundert hinein Menschen in Europa und anderswo meistens ohne Ausweispapiere über die Staatsgrenzen. Das endete jedoch im Ersten Weltkrieg. Nachdem sie die zaristischen Truppen mehrfach geschlagen und 1914/15 in relativ kurzer Zeit 400 Kilometer zurückgedrängt hatten, hielten deutsche und habsburgische Truppen weite Teile des heutigen Polens, Weißrusslands, des Baltikums und später der Ukraine besetzt. Um diese Gebiete und ihre Bevölkerung militärisch und wirtschaftlich unter Kontrolle zu bringen, startete Deutschland die erste großangelegte Registrierungsaktion der Geschichte. Die besetzten Gebiete wurden vermessen und kartografiert, die Einheimischen in jedem einzelnen Ort genau gezählt. Um Spionage und Schmuggel zu verhindern, durfte die Zivilbevölkerung nur mit Erlaubnis der Besatzungsmacht andere Bezirke reisen. Jeder, der älter als zehn Jahre war, musste einen Pass mit sich führen. Letzteres stellte die Besatzungsbehörden jedoch vor schier unlösbare organisatorische Probleme. Millionen Menschen mussten erfasst, identifiziert und fotografiert werden. Danach hieß es Pässe ausstellen – im Akkord. In Litauen und Kurland, das als „Land des Oberbefehlshabers Ost“ direkt unter deutscher Militärverwaltung stand, waren beispielsweise 13 „Passkommandos“ aktiv. Sie bestanden aus einem Offizier und 600 Fotografen, die jeden Einheimischen abzulichten hatten. Aus Mangel an Zeit und Ressourcen – Fotografieren war aufwendig und teuer – gingen die „Passkommandos“ zu Gruppenfotos über. Die Registrierungswut der Deutschen band nicht nur dringend anderswo benötigte Soldaten und Arbeitskräfte. Sie brachte auch Wirtschaft und Handel in den besetzten Gebieten fast völlig zum Erliegen. Die Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg machte dem Unternehmen schließlich den Garaus. Nach 1919 wurden die Grenzen in Europa noch stärker befestigt und bewacht. Grenzübertritte ohne Personaldokumente waren jetzt nirgendwo mehr möglich.