Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Corona kommt ins Museum

Zu den skurrilsten Objekte gehören die Abstandshüte.
Zu den skurrilsten Objekte gehören die Abstandshüte.

Wer kann sich von den jungen Leuten heute noch vorstellen, wie ein Leben ohne Handys und Internet anfühlte? Und können kommende Generationen nachspüren, wie sich ein Alltag mit Masken und Ausgangssperre lebt? Das Badische Landesmuseum sammelt, was wir gerne los wären.

Eins ist sicher: Unsere Gegenwart, die so viele existenzielle Ängste weckt, ist nur mit viel Humor zu ertragen. Davon zeugen jedenfalls die vielen Memes, die Bürger als Beispiele aus ihrem Corona-Alltag ans Badische Landesmuseum geschickt haben. Manche dieser Beiträge haben in den sozialen Netzwerken weite Kreise gezogen. Extrem beliebt sei beispielsweise das „Letzte Abendmahl“ gewesen mit einem einsamen Jesus ohne Apostel im Lockdown und die Mona Lisa mit Maske, erzählt Brigitte Heck, Oberkonservatorin im Karlsruher Schloss.

Sie hat die Aktion mit einem Aufruf zur Mitwirkung vor einem Jahr gestartet. 323 Stücke zur Pandemie und dem, was sie mit uns macht, sind inzwischen zusammengekommen. 215 analoge Objekte hat Heck in die Sammlung aufgenommen: Masken, Flyer der Querdenkerbewegung und Plakate wie „Bitte nicht hamstern“, ein Pandemie-Abi-Pulli und Plaketten zur abgesagten Fasnacht 2021. Auch skurrile Sachen wie der Nikolaus mit Mundschutz als Christbaumkugel, Abstandshüte mit extrabreiten Krempen und Maskenhalter hat sie bekommen. Ein Stück kommt aus dem südpfälzischen Nußdorf: Eine Flasche mit dem Etikett „#Fuck You Covid – Da hilft nur noch Grauburgunder!“, mit dem das Weingut Emil Bauer & Söhne einen Kassenschlager landete.

Anrührende Geschichten

Manches wirkt auf den ersten Blick unscheinbar wie der Haufen Stoffreste, hinter dem sich aber eine anrührende Geschichte verbirgt von einer 24-jährigen Frau aus Achern, die trotz ihres aufreibenden Jobs 700 Masken genäht und an Bedürftige der Tafel verteilt hat. „Die Frau ist sich sicher, dass sie damit etwas bewegt hat in der Krise“, berichtet Heck. Das sei ihr wichtig gewesen. Die Corona-Sammlung habe eine nie dagewesene, persönliche Note. „Besonders bewegt haben mich die Objekte einer Pforzheimer Klinik. Zu Beginn der Pandemie mussten Schutzanzüge über den Freundeskreis der Klinik handgefertigt werden.“

Auch persönliche Zeilen einer 19-jährigen Karlsruherin hat sie archiviert. „Es ist unglaublich, wie viele Menschen es nicht schaffen, eine Maske ordnungsgemäß zu tragen. Ich habe beim Einkaufen eindeutig zu viele Nasen gesehen …“, schreibt Emma-Lou in ihr Tagebuch, gefolgt von ihren Gedanken zu Querdenkern und Maskenverweigerern.

„Eau de Corone“ als Desinfektionsmittel

Emma Lou hatte sich im Frühjahr 2020 für ein Praktikum im Referat Volkskunde beworben. Wegen Kontaktbeschränkungen war dies nicht möglich, doch eine Idee geboren: 31 Tage sollte Emma Lou ihren Alltag in einer Art Feldtagebuch festhalten. Entstanden ist dabei ein Zeitdokument, das einen geschärften Blick auf den Moment im Dezember wirft, als die zweite Welle zu weiteren Verschärfungen führte, der Impfstoff aber Hoffnung machte.

Manche schöne Hintergrundgeschichte förderte auch Hecks Recherche zutage, die sie jedem Objekt zur wissenschaftlichen Aufarbeitung gewidmet hat. Ein Desinfektionsmittel aus dem Haus Klosterfrau Melissengeist beispielsweise brachte sie auf die Idee, in badischen Bierbrauereien nachzufragen. Das Ergebnis: Jeder Betrieb, der Alkohol herstellt, hat während der Desinfektionsmittelknappheit neue Produkte herausgebracht – Alpirsbacher etwa ein „Eau de Corone“. „Espritvoll“ in der ganzen Misere, sagt Heck.

„Drang Zeugnis abzulegen ist groß“

Ihr Projekt habe sich im Lauf der Krise verändert, erzählt die Konservatorin. Ging’s zu Beginn der Pandemie meist noch um schnelle Eindrücke von leeren Regalen und Hamsterkäufen an Nudeln und Klopapier, so sind die Beiträge inzwischen meist reflektierter, kreisen um das, was Corona mit uns macht. Und der Humor sei im Lauf der Pandemie bissiger geworden.

Die Corona-Pandemie werde zunehmend als Ereignis von historischer Tragweite betrachtet, sagt Heck. „Der Drang der Menschen, Zeugnis abzulegen, ist groß.“ Jüngst hat das Museum auf Vorschlag des Karikaturisten Holger Faber dessen Corona-Cartoons unter anderem zum Beherbergungsverbot in die Sammlung aufgenommen.

Seit 2002 legt das Badische Landesmuseum systematisch solche zeitgeschichtlichen Sammlungen als öffentliches Gedächtnis an. Ein neuer Ansatz in der Museumsarbeit, den auch andere Häuser verfolgen. Normalerweise befasse sich ein Museum ja mit der Vergangenheit, sagt Heck.

Schlaglicht auf unseren Umgang mit Geschichte

Schon 2015 zum Karlsruher Stadtjubiläum hat sie ein ähnliches partizipatives Projekt gestartet. Was uns vor sechs Jahren bewegt hat, ist ja vor lauter Corona fast schon in Vergessenheit geraten. Migration war ein großes Thema, sagt Heck. Im Alltagsleben waren Kochkisten in Mode und die Sucht nach Selbstoptimierung und Selbstdarstellung, die sich etwa an Selfiesticks festmachen lässt. Das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe habe damals einen Designpreis für eine OLED-Lampe bekommen – eine Technik mit organischem Licht, mit der inzwischen viele Hersteller von TV-Geräten werben.

Hecks Projekt wirft auch ein Schlaglicht auf unseren Umgang mit Geschichte an sich. Schauen wir uns doch Ausstellungen und Filme, über Zeiten an, über deren Lebensgefühl wir nichts wissen. Wir fiebern – trotz alles historischer Distanz – im Dokudrama über den Bau des Gotthardtunnels vor über 100 Jahren mit, wenn sich eine selbstbewusste junge Bergbewohnerin mit einem italienischen Gastarbeiter einlässt. Aber wer weiß schon, welche sittlichen Bedenken unsere Urgroßeltern hegten? Was Hebammen oder umherziehende Medicusse im Mittelalter antrieb, was Leibeigene die tägliche Schufterei und den allgegenwärtigen Hunger ertragen ließ? Warum auch ein Sklave oder ein Gladiator im Römischen Reich noch an seinem Leben hing?

Flüchtiges Lebensgefühl bewahren

In Dingen, die wir im Museum horten, lassen sich nur Ahnungen vom Lebensgefühl einer Epoche überliefern. Die Karlsruher Konservatorin versucht dieses flüchtige Lebensgefühl zu bewahren, indem sie selbst Klangkulissen in ihre Sammlung aufnehmen. Und Bürger um Kommentare zu ihren Stücken bitten – „als zweiten Erzählstrang“, sagt Heck. Auch Bootcamps und Workshops will sie noch initiieren.

Noch gibt es aber keine Pläne, eine Corona-Ausstellung auf die Beine zu stellen. Wer will schon auch noch beim Museumsbesuch mit Corona konfrontiert werden?

Info

Das Badische Landesmuseum freut sich über weitere Vorschläge aus der Bevölkerung für die Erweiterung der Corona-Sammlung per E-Mail an brigitte.heck@landesmuseum.de.
Brigitte Heck will unseren Alltag bewahren, dazu gehört auch dieser Ostergruß an die Großeltern aus der Ferne.
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Auch im Karlsruher Schloss: der Covid-Grauburgunder von Winzer Martin Bauer aus Nußdorf.
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Auch einen Christbaumanhänger im Corona-Design hat Brigitte Heck bekommen.
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