Landau
Chris Jarrett mit „New Journeys“ an der Orgel der Wollmesheimer Kirche
Ein tiefer Pedalton zur Eröffnung, ruhig und satt klingt das Fundament. Dann entwickelt der Organist darüber eine Solostimme mit einem fast menschlichen Klang, ein Tremulant ahmt die typischen Schwingungen beim Gesang nach. Immer neue Stimmen tauchen auf, der Organist stellt sie sozusagen vor, als das Ensemble, über das er am zweimanualigen Spieltisch und dem Pedal regiert.
Holla! Es wird laut und wuchtig, als Jarrett das Pedalregister der Posaune zieht. Die Wirkung der Posaunen von Jericho sind sicher allen Zuhörern bekannt. Das alte Kirchlein wird das schon schaffen. Und dann geht der Musiker in die Vollen: Immer mehr Register kommen dazu, der Klang wird voller und lauter. Dann fährt er wieder zurück – doch was ist das? Ein deutlich verstimmtes Register bekommt ein Solo? - Ja, mit Absicht.
Das Unperfekte interessiert ihn
Jarrett weiß genau, was er tut. Jede Orgel hat aus seiner Sicht eine individuelle Persönlichkeit. Gerade das, was in den Ohren von Perfektionisten als verstimmt, unsauber oder sonst wie „nicht normal“ klingt, reizt ihn. „Mit Orgeln ist es wie mit Menschen, ihre Eigenheiten und das Unperfekte machen sie interessant“, hat er in einem früheren RHEINPFALZ-Gespräch gesagt.
Solche Effekte nutzt er öfter im Verlauf der einstündigen, ohne Unterbrechung durchlaufenden Improvisation. Mehrfach hat er auch die Wollmesheimer Orgel zuvor besucht, sich mit dem Instrument vertraut gemacht, in das alte Kirchenschiff hineingelauscht, die 19 Register (Klangfarben) sorgfältig untersucht, Kombinationen ausprobiert. Dann hat er sich Notizen gemacht. Denn Jarretts Improvisationen sind kein „Drauflosspielen“ aus dem Stegreif. Wer über eine ganze Stunde hinweg seine Zuhörer fesseln will, braucht einen dramaturgischen Ablauf. Vor ihm auf dem Notenpult stehen Stichworte, sind Motive und Rhythmen skizziert und die Register dafür notiert.
Biografie wie ein Abenteuerroman
Jarrett nennt seine Orgel-Konzerte „New Journeys“ (Neue Reisen). Damit meint er seine eigenen Erfahrungen, nicht nur mit neuen Instrumenten und Orten, sondern auch aktuelle Entwicklungen, sozial, kulturell und global. Jarrett wurde 1956 in Allentown im US-amerikanischen Pennsylvania geboren. Seine vier Brüder sind ebenfalls Musiker geworden, sein ältester Bruder ist Jazzpianist Keith Jarrett.
Chris Jarretts Biografie klingt wie ein großes Abenteuer: Privatunterricht, Musikstudium abgebrochen, sich durchgeschlagen als Matrose auf Krabbenkuttern, Dockarbeiter, dann mit Fabrik- und Bürojobs. 1985 Ankunft in Norddeutschland, Musikstudium wieder aufgenommen an der Universität Oldenburg. Drei Jahre später ist er dort selbst Dozent. Er beginnt als Musiker solo und mit Bands Konzerte zu geben, schlägt Brücken zwischen Klassik, Jazz und freier Improvisation.
Wie die Geister der Wilden Jagd
Der Pianist lebt seit Jahren im südpfälzischen Oberotterbach, und sein Verständnis von Musik vermittelt er an der Universität Mainz. Er schreibt Film- und Ballettmusiken und befasst sich in jüngster Zeit mit der Vertonung von Gedichten. Die Wollmesheimer Orgel gibt an dem Abend noch einige Klänge von sich, die vermutlich noch niemand dort gehört hat: Jarrett zieht Register nur halb, sodass nicht der übliche Winddruck in den Pfeifen entsteht, Töne verziehen, kippen und heulen. Stellenweise klingt es, als würden in dieser Raunacht die Geister der Wilden Jagd durch die Kirche fliegen, mit Wehklagen. Chaos und Schmerz sind Assoziationen, die sich unweigerlich einstellen. Doch es gibt auch Hoffnung: „Ein feste Burg ist unser Gott“ spielt Jarrett und variiert und improvisiert damit. Später zitiert er auch „Gib uns Frieden, Herr“.
Die Orgel stammt aus Bremen und wurde von dem Norddeutschen Orgelbauer Führer gefertigt. 2002 haben Gemeinde und Kirchbauverein das Instrument gekauft und in der Kirche aufstellen lassen. „Seither wurde nichts daran gemacht“, sagt Rüdiger Schmitt, der Vorsitzende des Kirchbauvereins. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen: Temperaturen und Luftfeuchtigkeit machen einer mechanisch aufgebauten Orgel zu schaffen. Immer noch gibt es genug funktionierende Register, das zeigte Jarrett mit seinen Chorälen, die zumindest am Anfang auch als Gemeindebegleitung gegangen wären.
Inspirierendes Erlebnis
Langfristig sind natürlich Sanierung und Reparatur nötig – bevor manches nicht mehr reparierbar und, schlimmstenfalls, die Orgel unbenutzbar wird. Das Konzert war eine Benefizveranstaltung des Kirchbauvereins, deren Spenden auch in das Kirchengebäude selbst fließen, an dem es noch viel Arbeit gibt.
Jarretts Konzert war faszinierend, allerdings auch fordernd: Nicht nur, weil es so viel „Unerhörtes“ zu hören gab, sondern weil es sehr kalt in der Kirche war, und da war eine Stunde Stillsitzen schwer. Wer durchgehalten hat, wurde mit spannender, inspirierender Musik belohnt.
Termin
Chris Jarrett spielt sein neues Orgelprogramm „Tales of Our Times and New Journeys“ auf Einladung des Rotary Clubs Bad Bergzabern am Freitag, 30. Januar, um 19 Uhr in der Landauer Stiftskirche. Karten für die Benefizveranstaltung gibt es in den Buchhandlungen Trotzkopp und Knecht sowie im Haus des Sehens in Landau, in Bad Bergzabern in der Südpfalz-Apotheke.